Ihnen in der Wirklichkeit hier die Gegend einen frischen, kräftigen Eindruck gewährt, sie im Gemälde dennoch Ihnen beengt erscheint. Ihr Landschaftsideal würde schon nicht mit der treuen Portraitauffaffung unserer hiesigen Landschafter sich genügen lassen, selbst wenn die Gewohnheit ihnen nicht einen gewissen Rhytmus der Auffassung gegeben hätte.
Kann es denn etwas Höheres in der Landschaft geben, als das treue Spiegelbild der natur zu sein? fragte Otto.
O ja, wie es etwas Edleres gibt, als die individuelle Aehnlichkeit der Menschen: die vergeistigte natur in ihrer möglichsten Vollendung – das Ideal. Nur sind die einzelnen Züge des unorganischen Lebens weit schwieriger aufzufassen und deren höhere Harmonie noch schwerer zu erraten und herzustellen, als die der menschlichen Erscheinung. Es gehört also ein viel feineres und ausgedehnteres Proportions- und Schönheitsgefühl dazu, um hier alles Störende und Disharmonische zu meiden und nicht der Farbe allein das Erreichen eines Effects anzuvertrauen, der nur durch Zusammenwirkung alles Genannten erreicht werden darf. Ach, man müsste, schloss er possirlich-wehmütig, ein Poussin und ein Claude le Lorrain und noch einiges mehr sein als beide!
Alle lachten; der Professor aber fragte: Sind Sie denn ein Maler?
Nein, sagte Herr Gottard, es ist mir schwer geworden, der Kunst ganz zu entsagen, aber ihre Ausübung würde mich auf meinem Lebenswege hemmen. Anna sah auf. Er stand so ruhig da, als habe er das Allergewöhnlichste gesagt.
Ich wette, flüsterte Leontine ihr zu, dieser Rattenfänger von Hameln wird nächstens sein Zauberlied singen und uns Alle sich nach ziehen, wie jetzt deine Knaben, die den ganzen Tag an ihm hangen wie Kletten. Anna war sonderbar nachdenkend, sie nickte schweigend.
Die Andern hatten von Singen gehört und fingen an, Leontinen zu bestürmen. Lady Frederic quälte sie um ein irländisches Lied.
Bewahre! sagte Leontine, ich tue niemals, was man von mir will; ich mag heute nicht singen und werde Ihnen lieber eine geschichte erzählen. Beiher können die gelehrten Herren dann von mir selbst erfahren, was ich eigentlich von der dargestellten Landschaft verlange; denn wenn ich sie reich und grossartig will, bis über das Mass des Alltäglichen hinaus, so will ich sie doch auch wechselnd und treu, wie der Laddy und das irische Mädchen.
Alle rückten eifrig zusammen, Leontine setzte sich auf einen niedrigen Sessel zu Anna's Füssen und begann, Vrenely sass ihr gegenüber. Es war schwer, etwas vollendet Schöneres zu sehen, als diese drei Frauenköpfe neben einander; aber wenn Leontine wie ein Amor, Vrenely wie eine Waldnymphe aussah, blieb Anna immer die schönste und eigentümlichste Erscheinung unter ihnen; man musste an Titians Frauenbilder denken, wenn man sie ansah, deren bestimmte Individualität auch keinen Vergleich duldet. Seltsam, dass sie diese Eigenschaft einer so streng abgeschlossenen Eigentümlichkeit mit Gottard gemein hatte.
Leontine sprach ihre Ballade, nur den Mittelsatz derselben sang sie, ohne alle Begleitung, in wiegend einförmiger Melodie, deren Weise, zwischen Intonation und Recitativ gehalten, einen wunderlichen, geisterhaften Eindruck hinterliess.
Ballade. (Irländisch.)
Nach Limrick klar der Shanon wellt;
Am grünen Ufer sitzt die Maid,
In tiefster Liebe Herzeleid.
Sie weint um ihren trauten Knaben,
Den ihr entführt die Elfen haben,
Die Jemmy's Schöne nachgestellt.
Von Knockfiörn das "Kluge Weib,"
Das sie befragt in nächt'gem Rat,
Ein Mittel bald gefunden hat:
"Wohl kann die Maid den Liebsten retten
Aus aller Geister Zauberketten,
Liebt sie die S e e l e , nicht den Leib.
Trifft voll den Fluss des Mondes Strahl,
So jagt vorbei auf weissem Ross
Er in der Elfen Wirbeltross;
Sie muss hinauf zu ihm sich schwingen,
Mit ihren Armen ihn umschlingen
Und h a l t e n ihn, trotz Grau'n und Qual."
über den Rasen hin,
über die Haide grün,
Flimmert und schwirrt es,
Nebelt und wirrt es
Wie glänzende Seide.
Sie schweben und schimmern,
Sie schwinden und flimmern
Zu Lust und Leide.
über die Haide grün
Jagt Er unhörbar hin
Im Elfenkreise.
Schnell auf das Ross das Mägdlein springt,
Fasst ihn mit starker Liebe Arm;
Ob ihr auch folgt der Elfen Schwarm
Sie denkt Maria's Gnad und Schmerzen.
Da fühlt sie, weh! am bangen Herzen
Den Schlangenleib, den sie umringt.
Das Scheusal fest sie an sich presst;
Ob es ihr droht mit spitzem Zahn,
Lautlos durchfliegen sie die Bahn.
Jetzt wird er Uhu, Bär und Katze,
Er grins't sie an als Teufelsfratze –
Doch hält ihr Arm den Trauten fest.
Da grau't der Tag! Das Morgenlicht
Legt sich auf aller Berge Höh'n!
Sie wagt's, den Liebsten anzusehn.
Es liegt in ihrem Arm geborgen,
Den sie erlöst in Angst und Sorgen,
Und blickt ihr selig in's Gesicht!
Gewähr' uns, Gott, in Glück und Not
Ein treues Herz, das fest uns hält;
Und wie die Sünde uns entstellt,
Es wagt in mut'ger Liebe Walten,
Trotz allem Wandel uns zu halten,
Bis wir erwacht in sel'gem Tod!
Sie schwieg. Otto starrte sie tief erschüttert an. Liebende finden überall etwas ihrer Empfindung Analoges.
Vrenely war im Zuhören der Sprechenden immer näher gerückt; sie horchte noch immer auf wie ein Kind, nachdem jene geendet. Endlich strich sie mit der kleinen schön geformten Hand die dunkeln Haare aus der Stirn und flüsterte für sich