ein momentanes Wirken nach aussen hin, das der nächste Windstoss des Geschickes spurlos verweht! – Armer Kronberg! – – Und dann zu guterletzt die wiedergewonnene Last einer Geselligkeit, die sogar mich schon ermüdet! Mein Gott, und ich bin so jung! – Wie viele, viele Jahre das so fortgehen kann: dies schön, geistreich, witzig, brillant sein m ü s s e n ! Alles das nach gegebenen Gesetzen, wie einen Zehnten, den man abliefert!
Und dagegen Otto mit dieser stillen Unergründlichkeit seiner tiefen Seele! – Nein, ich liebe ihn nicht. Kronberg hat recht, so ruhig zu sein; aber ich will für ihn sorgen wie eine Schwester. O, wie bliebe ich so gern hier, diesen weissen Alpenhäuptern gegenüber, einsam und still wie sie! – –
Es war weit über Mitternacht, sie trat an's Fenster, die Alpen hatten ausgeglüht. Der Herbst hatte sein Schweigen über die Landschaft gebreitet, auf dem dunkeln grund der ungestörten Nachtstille leuchteten die Bilder ihrer Vergangenheit auf. Kronberg stand wieder vor ihrem inneren Auge, wie er sich nach dem ersten Feldzuge um sie beworben. Wie fern schien jene Zeit zu liegen! Damals, wie edel, wie fest zeigte sich sein Streben! Welcher Aufopferung musste sie ihn nicht fähig halten, wenn er seine künftigen Pläne und Wünsche ihr entfaltete! Mit ihr auf seinen Gütern leben, seine so lange gedrückten, zur Knechtschaft herabgewürdigten Bauern in ihren Rechten vertreten, sie beglücken – das war sein einziges Ziel. Er wollte dem Staat nicht dienen als Beamter, er wollte sich seine eigene Stellung in demselben suchen und erbauen, wie der Adler seinen Horst.
Gedachte sie dann ferner all der Versuche seiner Verwandten, diesen grillenhaften Eigensinn zu brechen, wie sie es nannten, wie tat ihr das Herz so unsäglich wehe um ihn! – Dann kam die Reise nach Italien. Ach, dass gerade diese, die ihn so vielen störenden Einwirkungen entziehen sollte, dass gerade diese Reise, die anfangs einer genialen Flucht glich, ihn nach und nach allen seinen früheren Zwecken entfremdete! Wie drängten einander die reichen Erinnerungsgarben der ersten Jahre, die sie und ihr Gemahl in Italien und Sicilien verlebt hatten! Rom, Florenz, Genua, Palermo und das schwimmende Venedig! – Nur dass zuletzt im goldenen Freudenbecher der schwere, bittere Bodensatz geblieben.
Eben diese immer wechselnden Scenen, besonders der in Nichts zerflatternde Freiheitstraum der Neapolitaner, waren es, die Kronberg's Ansichten und Vorsätze nach und nach umgeschmolzen und so gänzlich umgewandelt hatten. An die Stelle eines nationalen Ganzen war ihm die Kleinheit des eigenen Ichs getreten und ein gelungenes Miteingreifen in den momentanen gang der Ereignisse hatte eine masslose Eitelkeit in ihm erweckt, die wie ein feines Gift allmälig alle Lebensfasern seines intellectuellen Seins durchdrang. Seitdem war er ein Spielball in der Hand der Mächtigen geworden, hatte viel getan und im Ganzen wenig geleistet. Das ist die Macht des Lebens! seufzte Anna.
Wenige Tage später reiste Kronberg wirklich nach Berlin. über ihren Winteraufentalt wollte er von dort aus ihr schreiben, wenn das Geschäft, das ihn nach Petersburg berief, erst deutlicher in seinen Verzweigungen ausgesprochen. Anna liess ihn gewähren, sie war ja entschlossen. – Otto schwieg, er hatte noch acht glückliche Tage vor sich.
Die Abende hatten sich belebt; einzelne Kunstfreunde, junge Maler, die schon früher erwähnte alte irländische Dame, Lady Frederic und vor Allen Leontine hatten einen poetisch regen Geist in der kleinen Gesellschaft geweckt. Sogar das Vrenely fand den Mut, zu kommen, wenn gleich nicht immer den, zu reden. Leontine nannte sie ihr Veilchen, sich selbst deren Schmetterling.
Sehen Sie, Comtesse, sagte ein alter Professor zu Leontine, ich behaupte, unsre Gegend allein ist wirklich im stand, dieser immer wieder heranwachsenden Künstlermenge stets neue, frische Motive zu gewähren. Der Wechsel der Beleuchtung und Färbung bringt phänomenartige Wandelungen hervor, die, in der Darstellung treu zurückgespiegelt, den Vorwurf des Gemäldes immer neu und originell erscheinen lassen und es unsern jungen Burschen leicht machen, ein Bild zum Ganzen abzurunden.
Charmant, sagte Leontine; aber, bester Professor, es ist doch viel Verwandtschaftliches in den Bildern, so etwas à la cousin germain Aehnliches. Die Herren ***** und ihre Schüler haben es der Mama natur treulichst abgelauscht, wie sie es hier mit Himmel und Erde hält; sie gewährt liebenswürdige Charakterbilder, diese Schweiz, mit ihren frischen, grellen Tinten, aber mir träumt von grösseren, edler gehaltenen Landschaften. lachen Sie mich nur aus, wenn ich's gestehe, dass mich diese Art Bilder alle, alle an Genregemälde im Riesenstyl erinnern.
Die Hintergründe, gnädiges fräulein, entbehren der grossartigen verschwimmenden Linien der Ferne in dem teil der Schweiz, den Sie kennen, sagte mit einem Male Herr Gottard. Die nächstliegenden Berge werden von höheren Gebirgsketten oder gar von den Alphörnern in ihren Talweitungen unterbrochen, die sich nur schluchtenartig öffnen, um neue Höhenreihen zu zeigen. Das Berner Oberland ist ja durch und durch Gebirg. Sie müssten es von höheren und ferneren Standpunkten übersehen. Schaffhausen, wo die Künstler leben, die Sie nannten, liegt in diesem Sinne etwas günstiger; doch wird auch dort die Gegend Ihren Kunstanforderungen nicht genügen.
kennen Sie die so genau? fragte das fräulein.
Vergebung, wenn ich j a sage. Aus Ihrem vorhergehenden Gespräch kann ich ziemlich bestimmt entnehmen, dass Sie die Landschaft wie ein historisches Bild behandelt wünschen, und dass, während