1845_Schopenhauer_142_3.txt

Liebhaber warf sich in Todesangst dem Helden zu Füssen und flehte um Schonung.

Imbécille! brüllte der Franzose, indem er ihm einen zweiten Fusstritt gab.

Monsieur August hatte dem Flehenden längst einen grossen Stubenschlüssel aus der tasche gezogen, mit dem er ganz gelassen das Zimmer öffnete. Ausser dem Bett und Handwerkszeuge des armen Burschen, war nichts in der kammer zu sehen, und nun wurde der in seinen Erwartungen getäuschte Major alles Ernstes böse, weil er sich genarrt glaubte; dass der arme Beutler sein Bischen Geld unter den Wurzeln eines abgeblühten Nelkenstockes verborgen, der im Winkel stand, fiel ihm eben so wenig ein wie Allen, die vor ihm da gewesen.

Unter vielen, von allen Seiten unverstandenen Reden rückte indessen der kleine Haufe, der jetzt mutig voraneilenden Leontine nach, durch Hof und Schuppen, eine andere Treppe hinan, und plötzlich standen Alle in dem von Frau von Waldau bewohnten Hinterhause, in einer Küche und vor einer appetitlichen dicken Französin von etwa sechs und dreissig Jahren, die mit Hilfe einer Magd Tassen und Gläser aufwusch.

Oho! sagte Madame Sophie, da bekomme ich ja viele Zuschauer beim Gläserspülen.

Ist das deine Mutter? fragte der Major.

Das ist ma bonne Sophie! jubelte Leontine ihr in die arme laufend.

Mein Herr, Madame nimmt jetzt keinen Besuch an, sagte ganz trocken Madame Sophie.

Das wollen wir einmal sehen! donnerte der Major.

Sophie erschrak doch ein wenig; sie versicherte, sie wolle nachfragen, ob Madame zu sprechen seida öffnete sich eine gegenüberstehende tür.

Frau von Waldau! rief die Bürgermeisterin. Ach, es ist nicht meine Schuld, gnädige Frau!

Frau von Waldau trat den Eindringenden ruhig entgegen. Es war eine stattliche gelassene Erscheinung, nicht schön, nicht hässlich, mit der sichern und vornehmen Würde der Haltung, die man bei unserer weiblichen Aristokratie oft findet und die meistens sogar der Zügellosigkeit imponirt. Rasch hatte sie sich mit der Bürgermeisterin verständigt, und ehe noch der Major das Zudringliche seines Eintritts irgend bevorworten konnte, war diesem St. Luce aus einer offenen Nebentüre entgegengekommen, hatte seine Hand ergriffen und ihn in aller Form der Frau Baronin von Waldau vorgestellt.

Die Scene auf dem Verbindungsgange, die Gewalt, mit welcher er sein erscheinen hier erzwungen, Alles wurde durch das besonnene Betragen jener Beiden so gänzlich ausgelöscht, dass der Major selbst kaum sich dessen zu erinnern vermochte. Frau von Waldau versicherte sehr höflich, er sei ihr willkommen; und da in der jetzt Alles umwogenden Unruhe ein friedliches Asyl mehr denn je als Bedürfniss erscheine, so habe sie gesucht, ein solches in ihren Zimmern sich zu bewahren, wobei ihr die Galanterie und Ritterlichkeit seiner Landsleute zu Hilfe gekommen. Wenn es erst gelungen sein würde, die tobenden massen noch in etwas mehr zu beschwichtigen, hoffe sie ihn bei längerem Verweilen auch bei sich in ihren kleinen Abendcirkeln zu sehen; für den Augenblick sei freilich noch Alles zu aufgeregt.

Der Major stotterte einige unbehülfliche Phrasen und begann Leontinens Liebenswürdigkeit zu preisen, was ihn glücklich in Zug und zu Erwähnung des Liebhabers brachte, der eigentlich sein Kommen veranlasst haben sollte.

Die gnädige Frau lächelte, erklärte in zwei Worten, wie die Liebschaft des geängsteten Beutlergesellen zu einer ihrer Mägde diesem den Spitznamen verschafft habe; und ehe noch der Major es selbst wusste, hatten er und St. Luce sich beurlaubt und dieser ihn in sein Quartier zurückbegleitet.

Und nun, lieber Major, bitte ich Sie, der Baronin, die unter den ganz besonderen Schutz des Prinzen Murat gestellt ist, im Notfall jeden Beistand angedeihen zu lassen, wenn ich selbst meinem Regiment folgen muss, sagte St. Luce, sich anmutig verbeugend; es scheint dass diese Dame in grossem Ansehen steht!

Dass er selbst mit unsäglicher Mühe und Aufopferung Frau von Waldau den erwähnten Schutz und eine Sauvegarde verschafft, davon sagte er kein Wort.

Der Major biss sich in die Lippen und murmelte bloss: Ich werde dir's gedenken, mein Bester!

Die nächsten Tage führten eine Art Stille herbei, die, wie ein trübes wasser, ihre Tücke barg. Die Plünderer schienen zur Disciplin zurückgekehrt, auf den Strassen war Alles ruhig; nur geordnete Regimenter durchzogen sie und glänzende Offiziere des nun angelangten Generalstabes sah man auf- und niederreiten. In den Häusern aber blieb die rohe Gewalt noch eben so entfesselt, als sie früher es gewesen; einzelne Mishandlungen fanden immer noch statt, nur war der Unfug minder merkbar. In diesen einzelnen Fällen aber zeigten sich Kenntniss der Sprache und billiges Gewähren gleich unwirksam, da die jetzigen Forderungen nicht durch das Bedürfniss des Augenblicks, sondern nur durch Frechheit und Uebermut erzeugt sein konnten.

Leontine war nicht wieder zu Bürgermeister Müllers hinübergekommen. Frau von Waldau ängsteten die rüden Spässe und Liebkosungen des Majors, und Madame Sophie, die sich selbst mit vollem Recht Servante-maitresse im haus titulirte, hatte schon gestern ihre Meinung gesagt, folglich blieb Leontine zu haus, und Müllers mussten ohne Dolmetscher sich behelfen.

Anna war den ganzen Tag betrübt gewesen, am Morgen war St. Luce auf seinem schönen Schimmel fortgeritten mit seinem Regiment. Nun fiel ihr mit einem Male ein, dass er ein Franzose sei und also nach ihres Vaters Ausspruch zu den bösen Leuten gehöre, die das ganze Land unglücklich machten. Es war ihr unbegreiflich, dass er, so gut und schön, irgend Jemand unglücklich machen sollte; und sie wäre gern zu Waldaus hinübergegangen, um Leontinen zu fragen, die Mutter hatte ihr aber