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einer Mystification. Leontine hatte indessen mit angeborner Koketterie Otto in ein langes Gespräch gezogen, dessen Wogenspiel ihm über dem kopf zusammenschlug; ihm war es, als spräche er mit einer Fee oder Sylphide, so flatterten Wort und Gedanken hin und her. Als aber die Knaben kamen, die sie noch nicht gesehen, vergass sie ihn mit einem Mal und ward mit diesen zum kind. Otto sah ihr verwundert nach.

Der junge Fremde schien überrascht, seine Zöglinge so klein zu finden, beugte sich aber mit einer gewinnenden Herzlichkeit zu ihnen nieder und begann ein halblaut geführtes Gespräch, das ihn gleichsam mit den Kindern isolirte. Im Verlauf einer halben Stunde hatte er sie gewonnen; eigentlich hatte er sie nur befragt und sich von ihnen erzählen lassen, er hatte nicht mit ihnen gespielt, nicht einmal gescherzt, aber er hatte ihr Zutrauen erworben, denn als er sich beurlaubte, um auf seinem Zimmer Einiges zu ordnen, liefen beide ihm nach.

Anna! fragte jetzt Otto leise, was soll der junge Mann?

Gott weiss es, erwiderte sie, ich kann kaum umhin, die ganze Sache für einen Scherz zu halten.

Nicht im mindesten, versicherte Leontine, der Onkel hat ihn von Karlsruhe mitgebracht, um eure Kinder zu erziehen und mir ihn gleich in dieser Eigenschaft vorgestellt.

Ich habe den Minister gesprochen, sagte Kronberg, als er endlich am späten Abend mit Anna allein war; ich erreichte Karlsruhe drei Stunden vor seiner Abreise und sah ihn bei sich und dann bei Sternheim, wo wir dinirten. Er hat mir goldene Berge versprochen, leider aber mit der unglücklichen idee geendigt, mir den Vorschlag zu einer Sendung nach Petersburg zu machen; unterdessen hofft er mir die Stelle in Neapel verschaffen zu können; an Rom, meint er, sei vorläufig nicht zu denken. Ich bin nun genötigt, nach Berlin zu gehen und dort zu verweilen, bis ich meine Instructionen erhalte, und bin jetzt nur zurückgekommen, um dir vorzuschlagen, hier oder am Rhein zu bleiben.

Otto geht ja zurück nach Basel, dachte Anna. Gut, sagte sie ruhig.

Ich meine, fuhr der Graf etwas verlegen fort, die Einrichtung für so kurze Zeit in Berlin mit den Kindern, dem indispensabeln Bediententross, den Ausgaben einer Hofpräsentation werden grosse Unkosten verursachen.

Ich bleibe gern, sagte Anna. Aber was soll der junge Mann hier

Sonst, fuhr Kronberg fort, müsstest du in Berlin verweilen, bis ich von Petersburg zurückkehrte, und unserem Range nach ein brillanteres Haus machen als etwa Geierspergs. Freilich kann es einige Monate dauern und du bliebest allein dort.

Kronberg, sagte Anna fest, dann kann ich nicht hier bleiben. Frage mich nicht weitläufig, ich will hingehen, wohin du willst, aber nicht etwa Jahre lang ohne dich hier sein, glaube mir! – Indessen sage mir, was soll der junge Mann hier?

Die Kinder erziehen, liebe Anna! Es ist ein seltsames Ding mit diesem jungen Menschen, er ist mir sehr dringend vom Minister empfohlen; Näheres weiss ich selbst nicht. Indessen scheint er das Seine gelernt, vorläufig aber keine Aussichten zu haben. Der Minister bat mich, ihn auf ein paar Jahre zu nehmen; er meint, späterhin werde man ihn als Privatsecretär bei einer Legation anwenden können. Der neueren Sprachen ist er vollkommen mächtig und ein sehr klarer Kopf – – Dir gefällt er nicht?

Gefallen, Roderich! Ich habe zehn Worte mit ihm gesprochen. Zum Glücke sind die Kinder zu jung, er kann ihnen nicht schaden. Mir sieht er zu vornehm aus, er macht einen ungewöhnlichen Eindruck; das meint auch Leontine.

Bah! d i e findet Alles ungewöhnlich, weil sie es selbst ist. Ihre kleine Escapade macht mir aber Kopfbrechen. Mein Schwager hat Unrecht; schon als Albert das erste Mal um sie anhielt, mochte sie ihn nicht. Schade, es wäre eine brillante Partie, der kleine Trotzkopf aber

Albert ist ein Schwächling.

Eh bien, ma chère! sie ist bedeutend genug, ihm nachzuhelfen. Das geben die besten Ehen. Aber du willst also nicht hier bleiben?

Einige Monate, j a – länger, n e i n !

liebes Kind, du weisst, dass ich nicht eifersüchtig bin. Du hast wahrlich Verehrer genug gehabt, um diese Eigenschaft in mir zu weckenund zu unterdrücken, schloss er fast galant. Aber die kleine Vrenely

Anna errötete; sie vermochte es nicht, Otto's Gefühl preiszugeben. Ich werde bleiben, sagte sie, bis Leontine mit ihrer Mutter ausgesöhnt ist, dann musst du das Weitere bestimmen.

Ich danke dir und traue dir vollkommen, erwiderte er mit einem Anflug des edlen Ernstes, der ihn in einzelnen Momenten so liebenswert erscheinen liess; aber ich bin achtundvierzig Stunden gefahren und falle um vor Ermüdung. Er küsste sie auf die Stirn und ging.

Beklommenen Herzens blieb Anna vor ihrer Toilette sitzen; sie kleidete sich gern allein aus, wie sie überhaupt ungern persönliche Bedienung brauchte. Madame Sophie erschien Abends nie, ohne dass ihr geklingelt worden. Es war eigen, welchen Unterschied ma bonne zwischen Annen und Leontinen machte. Die erste blieb immer ihre Gebieterin, die andere, trotz ihren tausend Launen, Bedürfnissen und Eigenheiten, das Kind, das sie erzogen.

Lange sass Anna so vor den tief heruntergebrannten Kerzen. Also nun wieder hingehalten mit leerem Versprechen! Wieder nach Petersburg und einem Phantom des Glanzes nachjagen, ohne Zweck und Ziel! Wieder