1845_Schopenhauer_142_28.txt

reichend, ich muss doch sogleich hin. Ohne weitere Erklärung verliess sie das Zimmer, um die nötigen Reiseanstalten zu treffen.

Duguet ist mit dem Grafen fort, und sie will allein in der Nacht fahren? schoss es ihm durch die Gedanken. Er eilte ihr nach; sie stand im Vorzimmer, von ihren Leuten umringt, denen sie ihre Befehle gab.

Anna! sagte Otto sehr sanft und ernst, es wird spät werden, lass deinen J u g e n d f r e u n d dich begleiten.

Sie sah ihm fest in die Augen; eben in diesen immer ganz einfachen Worten lag Otto's Gewalt, tausend Eide hätten sie nicht sicherer gestellt. Sie fühlte das, und das Bewusstsein der edlen Zuverlässigkeit dieses Charakters leuchtete einen Moment auf in ihr, fast wie ein Glück. Schweigend bot sie ihm die Hand. Um welche Stunde? fragte er. – Sogleich erwiderte sie; ich lasse nur anspannen.

In diesem Augenblicke übertönte das lustigste Charivari von Postornklängen, Jauchzen und Schreien, Jubeln und lachen ihre Worte; unwillkürlich eilten beide an's Fenster, unten hielt Kronberg's Wagen. Er selbst stieg eben heraus, ein junger Mann stand bereits am Schlag, den rücken dem Fenster zugekehrt. Ehe noch Otto's fragender blick dem ihren zu begegnen vermochte, legten sich zwei warme weiche Händchen auf Anna's Augen; sie wandte sich rasch, es war Leontine, Leontine in all ihrer Frische, in all ihrer glänzenden Heiterkeit.

Bist du mir bös? fragte unter tausend Liebkosungen der süsseste Schmeichellaut einer weiblichen stimme. Bist du mir wirklich ganz bös? Aber es war schwer, ihr zu zürnen, wenn man sie ansah.

Leontine war blond, aber von jenem durchleuchtenden Blond, das in den blauen Adern des schneeigen Teints, in den wie hingehauchten zarten Farben der Lippen, der Wangen, der blassrötlichen Fingerspitzen überall sich ausspricht. Es war nicht möglich, etwas Dämonisch-Lieblicheres zu sehen als dies Amorsköpfchen, das wiederum zuweilen, aber selten, seine eigene Psyche schien, wenn Mitleid oder Neigung die reizenden Züge durchstrahlten. Und so war ihr ganzes Wesen: Dämon, Amor und Psyche, und der Mutwille der Hauptzug ihrer Erscheinung im täglichen Leben. Sie hatte sich ungewöhnlich spät entwikkelt; jetzt war sie einundzwanzig Jahre alt und sah aus wie siebzehn.

Aber wie kamst du zum Onkel? fragte Anna nach den ersten Ausbrüchen der Freude; wie du, Kronberg, zu Leontinen?

Par compagnie, wie der Staar von Segringen ins Netz kam, würde Freund Hebel sagen, antwortete lachend Leontine.

Ganz recht, sagte Kronberg, ich sah das Vöglein auf dem Zweige sitzen und fing mir es. Was sollte ich anders am Tor von Soloturn gewahren

Als meine schönen Augen; nicht wahr, Onkel?

Er küsste ihr die Hand. Die meinen riss ich allerdings ein wenig gross auf. Das Uebrige könnt ihr euch ja leicht denken.

Nicht ganz, erwiderte Anna, denn noch immer begreife ich nicht, wie du so schnell wieder hier sein konntest.

Davon nachher, sagte Kronberg freundlich.

Otto war es, als führe ihm ein Messer in die Brust. Sie werden reisen, dachte er dumpf; dazwischen gaukelte Leontinens Bild vor seinen Sinnen.

Sophie war hereingeschlichen; sie vermochte es nicht, Leontinens Nähe zu entbehren. Leontine herzte und küsste sie und schmeichelte ihr wie ein Kind. Komisch war es anzusehen, wie in der guten alten Bonne Respect und abgöttische Liebe für ihren Zögling miteinander kämpften; sie nannte Leontinen wohl zehn Mal in einem Atem gnädiges fräulein und D u , küsste ihre hände und schalt sie zugleich wegen ihrer in Unordnung geratenen Locken.

Auch Duguet hatte unaufhörlich im Zimmer zu tun, servirte zum ersten Mal in seinem Leben schlecht, präsentirte Pfeffer zum Tee und lachte endlich sogar mit über seine eigenen dummen Streiche, was bei seiner Dienstgewöhnung ganz unerhört war.

Erst jetzt fiel Annens blick auf den Fremden. Es war ein junger Mann von vier bis fünfundzwanzig Jahren, nicht gross, nicht klein, kaum ausgezeichnet in der äusseren Erscheinung und dennoch blieb der erste blick auf ihm haften; es war durchaus kein schönes, nur ein sehr edles Gesicht, nichts auffallend darin als die gedankenklare, elfenbeinweisse und hohe Stirn, dann vielleicht noch der kleine etwas trotzig gewölbte Mundin unserm Deutschland gehört ein schön geschnittener Mund zu den Seltenheitenvielleicht also war es dieser künstlerisch geformte, fast ideale Mund, der so unbegreiflich das Auge fesselte, vielleicht war es auch nur das reine Ebenmass der ganzen Gestalt und jedes einzelnen Zuges. Otto war unendlich schöner, aber jener sah vornehmer aus. Otto erinnerte an einen jungen Aar, von dem man jeden Augenblick erwartet, nun werde er die Flügel ausbreiten, jener schien keiner bestimmten Zeit, keinem bestimmten land anzugehören, und es fiel Niemand ein, ihn mit irgend etwas Anderem zu vergleichen.

Vergeben Sie, lieber Herr Gottard, sagte der Graf, die Damen tragen die Schuld; wie Sie sehen, machen sie mich so verwirrt, dass ich vergessen habe, Sie meiner Gemahlin vorzustellen. liebes Kind, Herr Gottard will so gut sein, unserer Knaben sich anzunehmen, was um so nötiger ist, alsdoch wo sind denn die Kinder?

D e r ein Hofmeister? dachte Anna, das ist ja unmöglich. Sie verneigte sich verbindlich und sprach einige höfliche Worte; zum ersten Mal in ihrem Leben war sie verlegen, es überkam sie das Gefühl