in Strassburg mit uns zusammen.
Und nun geht das Anhalten noch einmal los, und ich bin in dem letzten halben Jahre um ein ganzes älter geworden, denn Geiersperg erklärt mir peremptorisch, ich sei mündig und ganz mein eigner Herr, vermutlich aber nicht meine eigne Frau, da ich, wie Babet sagt, absolument seinen Vetter Albert nehmen soll.
Ich höre das alles an, sage nicht ja, nicht nein. Nun wird der General zornig und fragt: Misfällt dir sein Aeusseres? – Gar nicht, Papa. – Ist er nicht gebildet, wohlhabend, Graf? Was kann in seinen Verhältnissen dich abschrecken? – Rien au mond, papa. – Hast du irgend eine andere Neigung? – Für den Augenblick, nein, Papa. Nun ging ein entsetzliches Donnerwetter über meinen Uebermut los. Ach, Herzens-Anna! sie redeten alle so in mich hinein, Albert war so ausserordentlich zärtlich, schön, glücklich, dazu war es himmlisches Wetter, man konnte an einem solchen Tage Niemand betrüben. –
Da habe ich vermutlich 'j a ' gesagt; denn gleich darauf ging's an ein Herzen, Küssen, Danken, Gratuliren dass es eine Lust war.
Nach der Hochzeit der Cousine machten wir alle eine kleine Reise nach Trier, Albert immer mit; wir sahen schöne Altertümer und unverfängliche Leute; es ging prächtig. Gerade unter der Porta nigra überkömmt mich der alte Ennui. Ich fange an zu experimentiren, gerade wie in der Pension. Bald servire ich ihm heiss, bald kalt, bald glüht er, dass er fast besinnungslos zu meinen Füssen liegt, bald schilt er mich, wird bitter, heftig, scharf, schroff. Das war doch nun wirklich endlich eine Abwechselung, und ich bitte ihn um Verzeihung. Aber mit einem Mal wird mir's fatal – aber ganz fatal – ich begegne einem jungen mann; er grüsst her, ich grüsse hin. Ach, lieber Engel! es war eine so unschuldige Liebesgeschichte, Mädchen von vierzehn Jahren könnten sie lesen. Wird mir mein Verlobter wild, aber wild wie ein Türke. Geiersperg hält lange wohlgesetzte Reden, Mama macht Vorstellungen, Babet sagt: Aber wenn nun das gnädige fräulein durchaus nicht mögen, da täte ich's absolument nicht!
Babet hat den Stein der Weisen gefunden, denke ich, und kurz, wie wir eben von St. Bern-Kastell aus das himmlische Moseltal entlang schauen, sage ich: Albert, wir wollen es doch lieber gut sein lassen, wir passen doch nicht für einander! Und wie nun so recht das Lamento und die ganze betrübte geschichte im Gange sind, fängt mir der Mensch an zu weinen. grosser Gott! – denke ich, das Weinen halte ich nicht einmal von der Babet aus, wenn sie ein Battisttuch versengt hat, sondern schenke es ihr immer lieber, damit sie nur gleich aufhört – was soll daraus werden? Ehe ich mich noch besinnen kann, heirate ich einmal in solch einem Accès den Vetter Albert frischweg und muss mich hinterher wieder von ihm scheiden lassen. Das geht nicht!
Und da fiel mir wie ein Lichtstrahl meine Anna ein, mit ihrer festen, treuen, starken Seele, und mein verehrter schöner Onkel, dem ich nicht die Hand, aber die Stirn küsse – halt! denke ich, nach Bern fährt gewiss ein Eilwagen, oder du nimmst einen Char à banc, die Babet packt so etwas notwendigstes Zeug zusammen, und du flüchtest zur Tante Anna. Gesagt, getan; wir erreichen Abends Kehl, Strassburg gegenüber, wo wir übernachten sollen, wir trennen uns ziemlich spät ganz doloros und schwärmerisch; Geiersperg geht glorreich davon, weil er mich wieder einmal durch die Kraft seiner gediegenen Gründe besiegt, gedemütigt und so zu sagen total herumgekriegt hat; Mama denkt Alles geschlichtet zu haben und geht ihrerseits mit ihrem Compensations- und Nivellirungssystem zu Bette; Albert küsst mir die hände; ich, ich lasse alles gut sein; wie sie aber sämmtlich in ihren Kammern sind, schreibe ich, wie's Maidli am Brünnli, meinem Schatz den allerletzten Abschiedsbrief, schleiche früh um vier Uhr, in der Morgendämmerung, ganz sachte mit der Babet und ihrem Päckchen zum haus hinaus und sitze nun in Soloturn. Hier habe ich fürs Erste ausgeschlafen, dann mir die Gegend durch's Fenster beschaut, und von fern, aber nur ganz von fern, kann ich den Montblanc erblicken.
Die Soloturnerinnen tragen hässliche Mützen. Hier im haus ist eine Dirne aus Schwyz, diese hat eine schwarze Flügelhaube von Spitzen auf, die auf ihrem kopf wie ein dunkler Schmetterling aussieht, der auf einer Rosenknospe sitzt; das allerliebste Gesichtchen ist das einzige Lustige, was mir bis jetzt hier vorgekommen. Die Soloturnerinnen sehen alle entsetzlich fromm und ehrbar aus; die Stadt ist winklig und schmutzig: das hat mich zur Reflexion gebracht. Ich will doch lieber hier warten, bis ihr mich holt. Dass ich mit der Babet über Nacht allein im wirtshaus geblieben, mag wirklich unpassend genug sein, und nun ich aufgewacht bin, fürchte ich mich fast; die Leute sehen einen so besonders an. Wir haben gleich gefragt, ob der Onkel noch nicht da sei und getan, als ob wir ihn erwarteten. Zögere nicht, lieber Engel, schicke schnell Duguet mit Pferden und Wagen – oder komme selbst zu
Deiner törichten Leontine."
Otto war bei Annen, als sie den Brief empfing. Lies! sagte sie, ihm denselben