nichts von dir, als deine Gegenwart, die jeder Bettler hier mit mir teilt.
Anna, Anna! fuhr er fort, immer heftiger im Zimmer auf- und niederschreitend, du kennst mich nicht; reize mich nicht durch Sophistereien, mache mich nicht zum wilden Tier, das in der Wut des Schmerzes alles zerreisst und niedertritt. Was geht das Mädchen mich an? Habe ich ihr je ein Wort von Liebe gesagt? Was kümmert mich ausser dir die ganze Welt!
Ich weiss es nicht; aber sie hat sich geliebt geglaubt. Ein Recht dazu konntest du auch ohne Worte ihr geben – – und musst es irgendwie getan haben; das Kind ist so bescheiden. O, glaube mir, es ist gut, ja nötig, dass du gehst. Werde ich dich denn nicht vermissen? Ach, ich hatte mich ja so unbeschreiblich auf Basel und unser Wiedersehen dort gefreut!
Nun, Anna! nun?
Ich irre vielleicht, wir Frauen verstehen ein Männerherz so schwer in all diesen Verhältnissen. Ich kann dich nur bitten, lade keine neue Schuld auf dein Haupt, keine auf mein gedrücktes Herz.
Du? rief er, auf sie losstürzend, als wolle er ihr zu Füssen sinken, d u schuldig, und durch mich? Engel! und worin? Er presste ihre zitternden hände gegen seine glühende Stirn, dann eilte er fort.
Mehre Tage traf er sie nie allein. Er hatte anfangs wegbleiben wollen, doch es nicht vermocht. Jetzt fand er sie beständig von Sophien und ihren Kindern umgeben, sogar Frauen aus Bern als Besuchende bei ihr. Nie war ihm Anna reizender erschienen, als in diesem milden, besonnenen Versagen, in dieser Scheu vor allem Unrecht; aber ihre Absicht erreichte sie nicht, denn sie entflammte ihn nur zu immer heftigerer leidenschaft. Sie bedachte nicht, dass sein ernster, einfacher Sinn sie ohnehin jetzt vor neuem Aussprechen seines Gefühls schütze; nur das Ueberraschende des Moments hatte ihn zu Ausbrüchen fortgerissen, die er selbst strenger tadelte als sie.
Vrenely war krank geworden. Anna besuchte sie täglich; sie erzählte ihr, wie zufällig, von ihren Kinderjahren und der schönen mit ihrem Vetter verlebten Jugendzeit. So schien äusserlich alles beschwichtigt und in das alte Geleise zurückgekehrt; die Stunden mit den Kindern sollten nächstens wieder beginnen. Otto hätte wahnsinnig werden mögen, jede Regung seines Wesens fühlte er gezügelt und tief im inneren den gigantisch tobenden, blind wütenden Schmerz.
Mit bewundernder Schwärmerei schloss sich das arme Mädchen der schönen gütigen Frau an, die ihr so viel Wohlwollen erzeigte; sie glaubte Sophien, die ihre Ohnmacht dem plötzlichen Eintritt der Krankheit zuzuschreiben schien, obschon ihr klarer Sinn sich nicht zu bergen vermochte, dass des Geliebten Herz sich von ihr gewendet; sie fand nur eine Milderung ihres Geschickes in dem Gedanken, dass er Annen vor ihr gekannt und geliebt.
Dennoch müsste dieser künstliche Bau eines erträglichen Zusammenlebens zu einem sehr zweifelhaften Glück für alle geworden sein, hätte nicht ein ganz unerwarteter Brief Leontinens dem Augenblick plötzlich eine neue Färbung und neue Interessen aufgedrungen. Sie schrieb: "Tue mir den Gefallen, herzliebe Anna, gleich bei Empfang dieser Zeilen so recht gründlich auf mich zu schelten; sage: ich sei von einem Leichtsinn, den man bei meinen einundzwanzig Jahren nicht zu entschuldigen vermöge. Meine Unüberlegteit und Koketterie müssten und würden mich gewiss noch in unabsehbare Abgründe stürzen; auf diese Weise müsse ich geistig und körperlich zu grund gehen. Letzteres, Gott sei's geklagt! fängt bereits an, nämlich beim Teint, den ich in diesen Tagen gar sehr vernachlässigt.
Wenn du nun im zug bist, kannst du gleich sagen, dass ich bei einem Haar zwei höchst achtbare, treffliche Kavaliere durch meine entsetzliche Frivolität auf zeitlebens elend gemacht haben würde, wenn sich diese lieben Kreaturen Gottes nicht glücklicherweise g l e i c h mit einem zweiten Meisterstück der Schöpfung getröstet hätten. Wirf mir nun auch noch vor, dass ich bei der letzten an mich ergangenen, jedenfalls unverdienten Bewerbung, weil sie etwas sehr lange dauerte, am Ende nicht mehr recht Acht gab, aufsprang und beinahe – aber nur beinahe – in der Zerstreuung davongegangen wäre und den Freier stehen gelassen hätte, ohne alles abzuwarten, was er vorzutragen für nötig fand. Ach, liebe traute Anna! zeichne mich schwarz, so recht kohl-pech-raben-sündenschwarz, dann aber ruhe aus und fasse dich, denn das Schlimmste kommt noch! ich habe einen viel ärgeren, viel tolleren Streich begangen, als diese alle – ich bin davongelaufen! M i t einem Liebhaber? O Gott, nein, Kind; v o r einem Liebhaber, weil er sehr langweilig wurde.
Nun bin ich aber in Soloturn, zwei, drei Meilen von euch, und meine Babet sitzt neben mir, betrachtet verzweifelnd meine zerknitterte Haube und meinen entfärbten Kapot, und versichert: dass sie nicht weiss, wie das alles enden soll! – Nun gerade s o weit bin ich auch.
Im grund war die geschichte ganz einfach Als die Saison in Baden beendigt, wollten wir, wie du weisst, nach Strassburg, wo Geierspergs Nichte heiraten und wir – das heisst i c h – dazu tanzen sollten. So weit war alles gut; nun aber denke dir meinen Todesschreck, macht uns am zweiten Tage unseres Aufentaltes dort mein frühester, ehemaligster Ver- und Entlobter, Vetter Albert, eine angenehme Ueberraschung, kommt von Koblenz aus angefahren und trifft, mir nichts, dir nichts,