1845_Schopenhauer_142_25.txt

aus seinem Gedächtnisse entschwunden. O wie sophistisch ist die Neigung! Otto vergass die ganze schmerzliche Vergangenheit, ja die ganze noch schmerzlichere Gegenwart, er zog schweigend Anna's zitternde hände an seine Lippen und zum ersten Mal im Leben überströmten heisse Tränen das schöne männliche Gesicht.

Anna erschrak, sie wusste nicht, was zu tun; sie empfand ihre eigne Unvorsichtigkeit, ihrer Kinder und Vrenely's Nähe. Sie vermochte nichts, als ihn bittend anzusehen und leise ihre hände den seinen zu entziehen. Jetzt kehrte auch ihm die Besinnung und das Gefühl des unwiederbringlichen Verlustes zurück, schneidend kalt liess er sie los und wandte sich von ihr ab.

Musst du die Wege noch weiter von einander leiten, Otto? fragte sie mit einem unaussprechlich trüben ernsten Ausdruck. Aber der Schmerz hatte ihn überwältigt; er zitterte heftig und griff in der Aufregung nach einem in der Nähe stehenden Tischchen, um sich zu stützen; die auf demselben befindlichen Gläser klirrten gegeneinander und Vrenely wandte unwillkürlich den Kopf. Er weinte; nun wusste sie ja Alles! und so ganz war sie vergessen, dass er in einem solchen Augenblicke nicht einmal ihre Anwesenheit gewahrte. Auch das Mädchen weinte heiss und still, aber die arbeitgewohnte Hand führte dennoch die kleine Hand des Knaben, der eifrig seine Grundstriche machte. Das arme Vrenely war nicht an heftige Aeusserungen gewöhnt.

In Anna's Seele regte sich jetzt zum ersten Mal eine Ahnung der tiefen leidenschaft, die Otto seit Jahren für sie empfunden und treu bewahrt hatte, und vor ihr richtete, einem Gorgonenhaupte gleich, die Verantwortlichkeit sich auf; der leiseste Hoffnungsschimmer musste ihn verwirren, die entschiedene Zurückweisung konnte seine Tatkraft hemmen im Augenblicke ihrer Entwicklung. Ach, und die Seele hat auch ein Janushaupt mit doppeltem Antlitz! Mitten in diese wahrhaft edle Empfindung mischte sich der egoistische Schmerz: B e i d e nicht glücklich, b e i d e liebelos den langen leeren Weg des Lebens! Noch n i e hatte Anna so klar sich's einzugestehen gewagt, dass sie ihren Gemahl eigentlich nie geliebt; vor der ungeheuern Wahrheit in Otto's Gefühl brach plötzlich diese überzeugung herzzerreissend, fast vernichtend grell an das Licht, aber sie stand ruhig, den blick zur Erde gesenkt und nur die blonden Locken zitterten über der heftig pulsirenden Ader an den Schläfen.

Gerade dies Schweigen vernichtete den letzten Rest der Kraft in Vrenely's Brust; sie hielt diese plötzliche Stille für den lautlosen Ausdruck des Glücks, weil sie selbst wortlos so unsäglich glücklich gewesen; ihr war, als stürbe sie in diesem Augenblick, ihr Köpfchen sank auf die Lehne des Stuhls, auf welchem ihr kleiner Zögling sass, und unaufhaltsam flossen ihre Tränen. Da trat Sophie zu ihr, die vor wenig Secunden durch die Alkoventür hereingekommen war; die Stunde hatte geschlagen, ma bonne wollte die Knaben abholen. Der kleinste sass in seinem hohen Stühlchen fest eingeschlafen, Vrenely hatte es nicht bemerkt; der ältere schrieb noch, aber in immer krauseren Schriftzügen. Sophiens Falkenauge überflog die beiden Gruppen, sie begriff alles.

Sie sind unwohl, liebe Mamsell, sagte sie leise, indem sie hinter des Mädchens Stuhl trat, um die Weinende mit ihrer Gestalt den im Fenster Stehenden zu verdecken. Fürchten Sie nichts, es hat's niemand gesehen. Kommen Sie, wir wollen auf mein Zimmer oder in den kleinen Hausgarten gehen; es ist beklommen hier, frische Luft wird Ihnen wohltun.

Vrenely richtete das freundliche Auge dankend zu ihr auf, an den langen schwarzen Wimpern hingen die hellen Tränen, wie Tau an einer dunkeln Blume; sie war keines erwidernden Lautes mächtig.

Die Kinderder Kleine war erwachtsprangen fröhlich auf die Mutter zu, Anna beugte sich liebkosend zu ihnen nieder; ihr Herz ward stiller.

In Otto regte sich plötzlich bei diesem Anblicke die entzügelte Furie der wildesten Eifersucht, mit einem unterdrückten Schmerzensschrei schlug er beide hände vor das Gesicht.

Vrenely war aufgestanden und schwankte eben an Sophiens arme der tür zu; der leise Aufschrei traf ihr Ohr. Unfähiger noch, seinen als den eigenen Schmerz zu ertragen, erlag das arme Kind so vielen zugleich es bestürmenden heftigen Gefühlen, es fiel ohnmächtig in ma bonne's arme und musste hinausgetragen werden in deren stube.

In tiefster Seele erschüttert, blieben Otto und Anna zurück, des Mädchens Schmerz hatte zu unwiderlegbar laut gesprochen, er bedurfte wenigstens vor diesen Beiden keiner Erklärung. Lange fanden weder sie noch er ein Wort, Otto stand mit untergeschlagenen Armen, als trotze er der neuen Qual, die ihren Schatten über seine Tage legte; die Gräfin sass wie am ersten Abende im Fauteuil am Fenster, aber sie blickte nicht mehr auf die erglühenden Gletscher und Alpen, sondern in die viel starrere und schroffere natur des menschlichen Gemüts.

Was wirst du tun? fragte sie endlich.

Ich weiss es nicht, antwortete er wild, und es kümmert mich nicht; ich bin an dem allen nicht Schuld. Leide ich denn etwa nicht?

Otto, sagte sie sehr sanft, ich glaube, du musst uns so bald wie möglich verlassen.

Du willst mir die einzige kurze Freude meines geknickten Jugendlebens misgönnen? Bleibt mir denn etwa ausser diesen paar Augenblicken mit dir noch so gar viel, dass ich sie wegwerfen könnte, wie welke Blüten, oder sind sie dir eine Last? Hat dich meine leidenschaft etwa überlaufen wie ein zudringlicher Gläubiger? Habe ich irgend etwas verlangt? dir eine Untreue, eine Erwiderung aufgebürdet? Ich will ja