seine feststehenden Formen und seinen festsitzenden Schlendrian mit sich führt?
Lieber Freund! erwiderte Kronfeld, man wird identisch mit seinem staat und verhehlt, beschönigt, verschweigt gerade so, wie etwa der Einzelne in der guten Gesellschaft sich gern von der besten Seite zeigt. Glauben Sie mir, der Triumph eines feinen Diplomaten ist der süsseste auf Erden, – ausgenommen der einer schönen Frau, schloss er lachend, zu seiner Gemahlin gewendet. Pardon! Er küsste ihr schmeichelnd die rosigen Fingerspitzen.
Otto fühlte sich unangenehm berührt, ja wunderlich geärgert und verletzt. Diese Galanterie, mochte sie noch so zart und ritterlich sein, verwundete ihn jedesmal, wenn Anna der Gegenstand derselben war. Sie war ihm so heilig und er noch ein recht gläubig Liebender. Er liess das Gespräch fallen.
Kronfeld glaubte, er habe ihn nicht verstanden. Diese Gelehrten, sagte er verdriesslich zu sich selbst, vermögen mit ihrer matematischen Weisheit die Sonnenstäubchen zu berechnen, aber im gemeinen Leben können sie nicht drei zählen. Wenn's Glück gut ist, meint der, ich wolle den p.....schen Staat auf meine Schultern nehmen und durchs Weltmeer tragen, wie St. Christophorus den Herrn!
Anna sah Beide an und lächelte, sie verstand Beide, nur hielt sie Otto's Liebe für minder ernst; sie hatte gerade genug über das hübsche Vrenely gehört, um nicht an die Unvergänglichkeit dieser Liebe für sich selbst glauben zu m ü s s e n – so glaubte sie nicht daran. An die Möglichkeit einer heftigen leidenschaft dachte sie gar nicht, teils traute sie dem Jugendfreunde sie nicht zu, teils fehlte ihr der Massstab für dieselbe, und überhaupt träumte Anna nicht und wiegte sich nicht in Emotionen. Ihr ernster Charakter gehörte nicht zu den romantischen; sie bebte zurück vor der eigenen Kraft und Tiefe ihres Wesens, wenn irgend ein Umstand den Schatten derselben an ihr vorübergleiten liess, ohne ihn zu erkennen, wie zuweilen ein unverstandenes Geisterleben durch einen Mark und Bein erschütternden Schauder uns schreckt, den wir nicht zu erklären vermögen. So vergingen mehre Wochen.
Otto fing indessen doch allmälig an, sehr zu leiden; er sah täglich mehr ein, dass Anna weder ihn, noch seine Liebe begriff – und die leidenschaft will verstanden sein, um jeden Preis verstanden! Er verlangte, dass sie wisse, was er um sie erduldet, wie damals ihr Verlust sein ganzes Dasein umgestaltet, welchen unermesslichen Schmerz sie ihm gegeben. Mehr forderte er nicht; er suchte nichts zu erreichen, nicht einmal ihre Liebe. Was konnte diese Liebe ihm gewähren! Otto war ein frommer, ganz einfacher Mensch; ihm war die Ehe eine chinesische Mauer, die unwiderruflich von jeder Hoffnung auf die Geliebte ihn schied.
Auch Vrenely ward des eigenen Herzens sich mehr und mehr bewusst; es war so finster in ihrer Seele geworden. Der frohe Mut, mit dem sie sonst allmorgendlich erwachte, war plötzlich wie versunken in ihrer Brust. Wie ward ihr Alles so bitter schwer. Sie hatte nun die lange gewünschte Stelle erhalten; sie konnte ihren alten Vater ernähren und pflegen – aber, ach! ihre Stunden gab sie nicht mehr gern. Wie erbärmlich kam es ihr jetzt vor, nur kleine Kinder schreiben und buchstabiren zu lehren; wie gar gering, wie mangelhaft war nicht eine solche Kenntniss! Was musste nicht die wunderschöne Frau, die sie so oft mit Otto am Schulhause vorübergehen sah, alles wissen und Ihm sagen können.
Sie besann sich jetzt auf jedes Wort, das er früher mit ihr gewechselt, – das hatte sie sonst auch wohl Nachts oder in einzelnen freien Stunden, und, ach! wie gern getan, aber damals war es ihr immer vorgekommen, als entalte die ganze Welt nichts Schönes oder Edles, das sie nicht mit ihm besprochen – nun sie es sich so recht innig-grausam überlegte, hatte er ja nur ganz oberflächlich von dem Nächstliegenden zu ihr geredet. Er hatte ihr Vieles erzählt, aber vielleicht hatte er damals schon bei dem Allen gar nicht an sie gedacht, sondern immer nur an die schöne Fremde mit den langen blonden Locken.
Otto ahnte von dem Allen nichts. Gibt es etwas Traurigeres, als dieses Nebeneinanderleben und Leiden, wo keiner auf den Andern sieht, ja nicht einmal die Qual eines nahen und liebenden Herzens beachtet? Und jeder meint dennoch, eine Unermesslichkeit der Empfindung in sich zu tragen, und sie reicht nicht einmal für den dicht neben ihm Stehenden, neben ihm Weinenden aus!
Das Ende der Herbstferien nahte, mit Entsetzen dachte Otto des Augenblicks, der ihn von Annen trennen musste. War er schon nicht glücklich in ihrer Nähe, empfand er dennoch einen Todesschauer bei dem Gedanken, die Abende, die er jetzt grossenteils bei Kronfelds zubrachte, künftig ohne sie in Basel durchleben zu müssen. Unwillkürlich ging er jeden Tag etwas früher hinüber, mit jeder Stunde, ach, mit jeder Minute hätte er geizen mögen!
Eines Abends, als er dem haus zueilte, gewahrte er den Reisewagen des Grafen, der eben, schwer bepackt, aus dem Hoftor und die Strasse entlang rollte; Duguet, mürrisch, in seinen dicken Pelz gehüllt, sass auf dem Bock – das musste nach Norden, die Nacht hindurch, weit, weit gehen, grosser Gott! war sie ihm denn schon wieder verloren?
Das nämliche Gefühl, mit dem er einst den Brief aus der Hand legte, der ihm Anna's Reise nach Berlin verkündigt hatte, überfiel ihn