grundgescheiter Mensch nicht im stand sei, eine ordentliche Conversation zu machen – und nicht einmal dir gegenüber! setzte er kopfschüttelnd hinzu.
eigentlich hatte Otto überhaupt noch nie ordentlich mit einer Dame gesprochen; die jungen Mädchen, mit denen er auf selten besuchten Bällen verkehrt hatte, verstanden es eben so wenig als er, ein fortgesetztes Gespräch zu führen. In so jungen Jahren ist es meistens der Liebe allein vorbehalten, die brücke des Verstehens zwischen den Geschlechtern zu schlagen.
In Bern erst war er einem Mädchen begegnet, mit der zu reden ihm gelungen war, er wusste kaum selbst, wie es zugegangen. Es war die Tochter eines armen Schreiblehrers. Der Vater, gelähmt und altersschwach, wünschte sie in einem Institute, in welchem er selbst bisher den Dienst versehen, an seiner Statt als Lehrerin unterzubringen. Die dem Plane sich entgegenstellenden Schwierigkeiten hatten Otto in dem haus, in welchem er bei einem älteren Collegen wohnte, mit dem hübschen Vrenely zusammengeführt. Die Professorin interessirte ihn für das arme Kind und suchte seine Fürsprache bei dem ihm befreundeten Institutsdirector für dasselbe zu gewinnen.
Trotz ihrer niederen gesellschaftlichen Stellung war das Vrenely ungemein beliebt in Bern. Der Vater mochte auch wohl bessere Tage gekannt haben, wenigstens hatte er seinem Töchterchen eine sorgfältige Erziehung gegeben. In einigen höheren Kreisen freundlich aufgenommen, hatte das schöne junge Mädchen durch die Lieblichkeit seiner äusseren Erscheinung, durch die Anspruchlosigkeit seines ganzen Wesens die regste Teilnahme sich erworben.
Vrenely war durchaus von Anna verschieden; sie hatte wenig Mut, aber viel Pflichtgefühl, das den Mangel an jenem übertrug, und so unternahm sie in fast gleicher Lage mit der, aus welcher Anna zu ihrer jetzigen Stellung durch die Generalin von Geiersperg gelangte, ihren eigenen Weg zu gehen, weil sie für ihren Vater es als nötig erkannte. Mit vierzehn Jahren schon hatte sie kleine Kinder im Lesen, Rechnen und Schreiben unterrichtet und den Alten fast ganz und gar erhalten. Jetzt war sie siebenzehn. Es war die Rede davon, sie bei einem Doppelinstitute für Knaben und Mädchen, statt besoldeten Lehrers, die Stunden geben zu lassen; der Fall war noch nicht vorgekommen und der grösste teil der Gesellschaft interessirte sich für sie und ihr Anliegen.
Vrenely war, wie sonst wohl eigentlich echte Katoliken zu sein pflegen, fromm und still die lange Arbeitswoche, ja den ganzen Sonntagsmorgen hindurch, dann aber nach vollendetem Geschäft fröhlich und guter Dinge, als breite das Leben einen Reichtum von Festtagen um sie her. Sie hatte den vollen kräftigen Wunsch, das Dasein zu geniessen, aber auch den Genuss zu verdienen. Sie hoffte unendlich viel von der Zukunft und stellte in ihrem Herzen jedem Worte, das sie ihren kleinen Zöglingen vorschrieb, eine mit allen Farben einer regen Phantasie ausgeführte Initiale voran, aus Engeln und Blumen zusammengesetzt; aber alle flossen in einen einzigen Wunderrahmen zusammen, der sich um ein schönes ritterliches Heiligenbild hinzog, als sie Otto gesehen. Er fand sie fast jeden Abend bei der alten Professorin; ihr gefälliges Aeussere und ihre Herzensgüte gewannen ihn. Das Mädchen schien ihn zu lieben, aber sie dachte weder an Liebe noch an Heirat dabei, sie dachte nur – an Ihn. Sie hatte auch gar keine Zeit, ihr Gefühl zu betrachten oder zu analysiren; sie liess es in sich walten, wie man die Sonne sich bescheinen lässt.
Da sah Otto unvermutet Annen wieder. Es war vorbei, er dachte nicht mehr an das Vrenely; er kam gar nicht mehr herunter zur alten Frau Professorin und hatte des selbst kein Arg. Ihn hatte eine höhere Gewalt ergriffen, seine Seele war wie von einem Blitzstrahl durchleuchtet, er konnte sich auf nichts Anderes besinnen.
Anna war wirklich unbefangen geworden; sie hatte die kurze Störung einer ihr unsäglich lieben Vergangenheit vergessen wollen, um den Jugendfreund sich zu bewahren, und es war ihr gelungen. In solchen Fällen ist das Gemüt der Frauen beweglicher, ja wechselnder, als das der Männer.
Mit jedem Tage fühlte sich Kronberg mehr und mehr gesunden; er betrachtete sich als völlig hergestellt und stand in eifriger Correspondenz mit dem Fürsten H., dem allgewaltigen Minister, der ihm gewogen war und durch dessen Gunst er eine wirkliche Gesandtenstelle in Rom, Florenz oder Neapel zu erlangen hoffte. Die nächsten Wochen, oder wenigstens die nächsten Monate mussten hierüber eine Entscheidung bringen. Kronberg schwankte, ob er dieselbe in der Schweiz abwarten solle oder nicht.
Die Verhältnisse in Deutschland waren ihm unangenehm, sie drückten ihn. Mit einer rein legitimen, fast ritterlich poetischen anhänglichkeit an König und Vaterland, die ihm sein kurzer Kriegerstand zurückgelassen, verband er den schon damals erwachenden, in unsern Tagen so allgemein und allgewaltig heranwachsenden Drang nach persönlicher Freiheit; die amtlichen Verhältnisse, wie günstig sie sich ihm auch gestalten mochten, ekelten ihn an; die für ihn zu hoffende Carrière, welche ihn unter unmittelbare Leitung des Ministeriums stellen musste, genügte ihm durchaus nicht; nur ein Gesandtenposten, wo möglich der eines Ministerresidenten, gewährte, selbst wo er ihm die grössten Rücksichten aufzubürden schien, seiner Ansicht nach, die Garantie einer persönlichen Unabhängigkeit, die ihn, trotz allen mit ihr verbundenen Lasten der Gesellschaft, lockte und alle ihm sonst gebotenen Vorteile abweisen liess.
Aber, sagte ihm Otto in einer langen Unterredung über diesen Gegenstand, fühlen Sie denn nicht, Herr Graf, dass im Verhehlen einer Gesinnung, in Darstellung irgend einer Tatsache, deren Färbung ein bestimmter Zweck bedingt, auch ein Zwang liegt? Und sollte dieser nicht grösser sein als der eines Amtes, das