– nur bestimmt sie in all ihrer Unbedeutenheit erst diesen, dann den nächsten Augenblick, reiht Schritt an Schritt und Stunde an Stunde. Und auf diese Weise ist manche vornehme und sogar manche dabei recht hässliche und nicht sonderlich geistreiche Frau zur Circe gescheiter und ausgezeichneter Männer geworden.
Und nun Anna, Anna, die mit dem sichersten Weltanstande das einfache, wohlwollende Gefühl eines Kindes vereinte, Anna, die nichts für sich suchte, keine Art heimlichen Strebens hinter angenommenen Formen barg, in der Alles lauter Wahrheit geblieben war, wie hätte Otto sich ihr zu entziehen vermocht! Bald sah er sie täglich; sie war wieder eben so freundlich und herzlich zu ihm als in den zeiten ihres früheren Beisammenlebens. Wie hatte sie jede Erinnerung derselben sich zu bewahren gewusst! und dennoch mischte sich auch nicht die leiseste Andeutung eines Gedankens seiner damaligen Liebe in diese Bilder, die sie im magischen Glanze seinem Blicke täglich aufs Neue entfaltete; ja, oft vermochte er, ihr gegenüber, selbst kaum mehr daran zu glauben, dass sich damals sein leidenschaftliches Gefühl gegen sie ausgesprochen, dass er in jener unvergesslich schönen, traurigen Stunde ein Glück geträumt, vor dem ihm jetzt schwindelte, dass er seine heissen Wünsche ihr gestanden, seine Hand ihr geboten.
Und doch war Otto keiner von den Männern, die sich die Vergangenheit absprechen, sie annulliren wollen, weil sie nicht mehr in ihre Gegenwart passt. Der helle Strom des Lebens floss ihm voll und tief durch die Seele und er scheute den Rückblick auf dessen veränderte Ufer nicht. Es ist unbegreiflich, wie wenig Menschen den M u t h haben, wirklich glücklich oder elend zu sein, wie die meisten aus purer Feigheit mit einem Mittelzustande sich begnügen. Otto traute sich zu beiden die Kraft zu, darum schloss er die Augen nicht vor dem, was abgegrenzt, schmerzlich weit hinter ihm lag; er vergass es nur momentan, weil s i e es so wollte.
Anna dagegen berührte das Verlassen ihres väterlichen Hauses ungern. Es war der Wendepunkt ihres Daseins gewesen, es hatte ihrer Existenz eine andere fremdartige Färbung gegeben, die sie nicht mit Bewusstsein sich gewählt, die nicht ihr ganzes Wesen durchdrungen; in einzelnen Stunden war sie sich dessen bewusst.
Wenn sie von ihrer Mutter sprach, war es von deren Leben, ihren Tod erwähnte sie nie. Sie sprach überhaupt ungern vom tod – er ist so rätselhaft, sagte sie, und darum schaudert mir vor ihm; es geht mir wie den Kindern, die sich vor allem fürchten, was sie nicht kennen. Könnte ich ergründen, was der Tod ist, mir würde nicht mehr bangen.
Anna ehrte die christlichen Dogmen aus innigster überzeugung, nur, äusserte sie oft, hat Christus selbst zu wenig über den Tod gesagt, denn die Auferstehung erklärt den Tod nicht; sie springt über das Grab hinaus in einen neuen Zustand mitten hinein.
Auch die Fabel der Alten, das schöne Bild geistiger Verklärung, der Psyche-Schmetterling, genügte ihr nicht. Die Raupe ist geflügelt worden, hat ihre Farben gesteigert, ihre Formen entwickelt und hinterlässt die Larve, wie eine Blume ihre Knospenkapsel, aber des Menschen Leib verwelkt und bricht endlich ganz und gar zusammen, ihm entsteigt keine sichtbar veredelte und doch seiner Urform verwandte Gestalt. Ich glaube an die Fortdauer, eben darum graust mir vor den unlösbaren Rätseln des Todes.
Als du ein Kind warst, erwiderte Otto lächelnd, hast du mich oft mit dergleichen fragen und Aeusserungen geplagt, die ich, der Sprache nie sonderlich mächtig, dir nicht zu beantworten vermochte. Weisst du noch, wie ich mir damals half? Ich zeigte dir auf einem der Blätter im grossen Bilderbuche der natur die Antwort. Ich will's heute wieder so machen und aus unscheinbaren Substanzen, aus Gas und formenlosen Stoffen eine Gestalt dir erwecken, die wir zu den Urformen der unorganischen natur zählen. Er liess nach bekannten chemischen Proceduren einige Stoffe sich krystallisiren und fragte ganz trocken: Auf die Grösse kommt es dir doch nicht an? Nun, könnte denn die flüchtige Substanz der Seele im Uebergange mit uns noch unbekannten Stoffen sich nicht wie dieser Krystall zur eigenen Urgestalt erwecken? Da hättest du die Auferstehung des Geistes, die Verklärung seiner früheren, verborgenen Wesenheit. Lass den Körper als blosse Schale der Erde.
Du bist, sagte Anna, trotz all deiner Gelehrsamkeit immer noch der alte philosophirende Phantast, und glaube mir, ich bin immer noch das gläubige, aus allen Kräften der Seele aufhorchende Kind.
Ja, ja, sagte Kronberg ein wenig schläfrig, Sie beide harmoniren als unbewusste Poeten im Märchenfache, das merke ich; gedenken Sie aber einmal der Realität eines unpoetischen, ungelehrten, krüppelhaften –
Und krystallisiren Sie ihn in seine Urform als Whistspieler, setzte Anna scherzend hinzu.
Allerdings spielte ich gern, wenn wir einen vierten Mann hätten.
Vor dem toten Whistmann fürchte ich mich gar nicht, versicherte Anna.
Und alle drei setzten sich lachend an den Spieltisch und Kronberg fand seine Frau allerliebst.
Kronberg war ein wirklich gebildeter, unterrichteter Weltmann; die Naturwissenschaften aber waren damals keineswegs ein Gemeingut der Gesellschaft. Nur wenn durch seine Anwesenheit ein hochberühmter Reisender sie zum belehrenden Gesprächsstoff umschuf, erweckten sie ein durchgehendes Interesse, das demnach in den meisten Fällen entschieden der Persönlichkeit des Erzählers viel zu danken hatte.
Es war daher Kronberg durchaus nicht zu verargen, dass ihn Otto's gespräche mitunter langweilten und er sich ärgerte, dass, wie er oft Annen versicherte, ein so