siehst du, erwiderte Otto und wurde feuerrot, ich sagte dir's im Voraus. Du aber bist sehr vornehm geworden, eine Gräfin, eine grosse Dame, du hast Lakaien und Jäger, Kammerdiener und Zofen, und du hast auch noch deine prächtige alte Madame Sophie, von der du mir so oft erzähltest; ich habe sie den Augenblick nach deinen Worten wieder erkannt.
Ach, die arme, fuhr Anna fort, froh, das gefahrlose Tema erfassen zu können, sie hat vor einigen Jahren ihren durch so viele Gefahren hindurch geretteten Sohn nun doch verloren. Der arme junge Mann ist an den Folgen einer Wunde gestorben, die er an den Ufern der Beresina erhalten hatte.
Wir waren nach Italien gegangen; Kronfeld konnte nach mehrjährigem Kriegsleben sich nicht sogleich an die diplomatische Laufbahn gewöhnen, die ihm frühere Studien und Vorbereitungen anwiesen. Dort angelangt, übernahm er indessen doch einzelne geschäftliche Sendungen und diplomatische Reisen und ward endlich als Attaché der preussischen Gesandtschaft in Mailand angestellt. etwa zwei Jahre nach meiner Vermählung gingen wir dahin ab. Da trat eines Abends auf der Strasse eine todtbleiche und, wie es schien, todtmüde Frau auf mich zu und fragte mich nach mir selbst; sie hatte mich nicht erkannt.
O! sagte Otto, das ist natürlich, du bist unglaublich schön geworden; aber ich – hätte unter Tausenden dennoch dich erkannt.
Als ich den Klang der lieben, wohlbekannten stimme hörte, rief ich laut ihren Namen; sie fiel ohnmächtig auf das Steinpflaster, noch ehe ich sie in meinen Armen aufzuhalten vermochte. Wir liessen sie sogleich nach unserer wohnung bringen, von da an hat sie bei uns gelebt. Auch an der Beresina hatte sie ihren Marc trotz seiner Wunden glücklich am Leben erhalten, in der Schlacht bei Leipzig, die der kaum Geheilte wieder mitfocht, erhielt er eine nicht gefährliche Quetschung am Bein von dem Druck einer Kanonenkugel, die ihn aber dienstunfähig machte. Sie flüchtete mit ihm nach Frankreich, wohin eine fast fanatische Verehrung seines Kaisers ihn zog; dort blieben sie. Die gute Sophie musste zuletzt zu so mancher äusseren Not einen gewaltigen inneren Kampf bestehen, als die Bourbons wieder auf den Tron kamen und sie ihrem Herzen nach sich über die erneute goldne Zeit zu freuen hatte, während sie mit Marc die untergegangene Sonne des Kaisertums beweinte. Marcs Entusiasmus für den Gefallenen fristete ihm eine Weile das Leben, im beglückenden Traume der hundert Tage endete er. Duguet war bei Geierspergs geblieben, indessen wollte es mit dem neuen Herrn nicht recht gehen; er folgte seiner Frau nach Paris. Als aber die redlichen Menschen ihren Sohn begraben hatten, war es ihnen am natürlichsten, mich aufzusuchen und sich meinem Schicksal anzuschliessen. Sophie nimmt sich jetzt meines Hauswesens an, wie einst des Waldau'schen, und pflegt meine Kinder.
Kinder! Du hast Kinder? Eine nicht zu bewältigende Rührung überhauchte die aufblitzende Empörung in Otto's Zügen. Er schwieg. Auch Anna fand kein Wort; es war gut, dass eben jetzt Kronfeld eintrat. Nach einer Stunde schon standen Anna und Otto einander ohne Verlegenheit gegenüber. Beim Abendessen hatten die Männer bereits eine Menge gemeinschaftlicher Gesprächs-Interessen und jede Spur von Verlegenheit war verschwunden.
Anna ging früh auf ihr Zimmer. Sie fühlte sich todtmüde. Denken mochte sie nicht. Kronfeld fand sie schlafend, als er durch ihre stube in die seine ging, er beleuchtete sie scharf mit dem Lichte, das er in der Hand hielt. Sie schlief wirklich. Bin ich nicht ein Tor! lachte er vor sich hin und schlich leise vorüber.
Am nächsten Morgen war Anna ihrer vollen Kraft sich wieder bewusst. Nein, sagte sie, ich wäre doch nicht glücklicher mit ihm. Was er forderte, hatte ich damals nicht, hätte es wohl auch jetzt nicht für ihn. Er wird mich vergessen; er hat es wohl schon tausend Mal getan in dieser langen Zeit. Aber ihr Herz strafte sie Lügen.
Otto hatte sie nicht vergessen; er hatte nur nicht Zeit gehabt, den Schmerz zu hegen, der ihn so gewaltig ergriffen, denn er hatte zuerst sich in den Krieg gestürzt, und als dieser endete, tief in seinen Studien sich vergraben. Die Nachricht von Anna's Heirat hatte ihn, da sie gleich nach Beendung des ersten Feldzugs vollzogen worden, schon in Paris erreicht. Ein paar leere Liebeleien, ein paar Momente des Sinnenrausches abgerechnet, hatte die Liebe sein Leben nicht eher wieder berührt, als eben jetzt in Bern, wohin er in den Ferien gekommen war. Anna's Wiedersehen verlöschte den leichten Eindruck und gab ihn der alten, nie ganz überwundenen Qual zurück.
Die ersten Tage vermied er sie, dann führte ein Zufall ihn ihr wieder zu. Sie hatte sich auf eine so verwandtschaftlich sichere Weise zu ihm gestellt, dass ihm sehr bald bei ihr am ruhigsten zu Mute ward.
Männer wie Otto, die ihre Kindheit und Jugend in den Mittelständen verlebt haben, sind dem Einfluss des aristokratischen Benehmens vornehmer Frauen in hohem Grade ausgesetzt. Ohne eben verlegen zu sein, fühlen sie dennoch in höheren Gesellschaftskreisen sich etwas unsicher; um Alles in der Welt möchten sie keinen Verstoss begehen, besonders plagt sie eine geheime Scheu, lächerlich oder gar ungehobelt zu erscheinen; so geben sie unbewusst der Einwirkung einer anmutigen, nicht schwer sie niederdrückenden Ueberlegenheit sich hin. Schlägt doch diese Ueberlegenheit über all solche Abgründe leicht fliegende Brücken, erscheint sie doch so unbedeutend, der Gewalt und Kraft des männlichen Charakters gegenüber