Der Bürgermeister hatte ihn sich selbst auf dem Bureau zugeteilt.
Der erschöpfte Mann setzte sich, noch innerlich bebend von all der Angst und der sorge, in eine Ecke des Wohnzimmers; ihm war zu Mute, als habe er in seinem eigenen haus und Besitz kein Recht mehr. Die Mutter führte schüchtern den unwillkommenen Gast in die Putzstube, sah aber noch im Schliessen der tür, wie der Ermüdete sich auf das gute, nur selten benutzte Sopha warf, und kehrte niedergeschlagen zu ihrem Gatten zurück. Und wir haben nichts für ihn zu essen im haus, nicht einmal Brot! seufzte sie.
Diable! sagte Monsieur August, der Bediente des Regimentsarztes, ein baumlanger Grenadier. Er hatte die Klage erraten und halb verstanden. Und mein Herr will frühstücken! fuhr er fort.
Frühstücken um ein Uhr Nachmittags? schluchzte die Amme, die das eine französische Wort unterschied.
Gib, was du hast, dass nur Friede bleibt, sagte der geängstete Hausherr. Gib doch nur um Gottes willen! Du hast ja die eine Wurst und backe etwa einen Eierkuchen, nur mache mir den Major nicht verdriesslich! Er ist unsere Sauvegarde und schützt uns vor der Plünderung!
Die Mutter eilte fort. Und wir hatten seit gestern früh nur Kartoffeln, sprach Anna, da kann er auch wohl zufrieden sein.
Unterdessen hatte der Major den Grenadier gerufen und fluchend den Befehl, ein Frühstück zu schaffen, wiederholt.
Die Bürgermeisterin nahm nun die sechsjährige kleine Leontine, die ruhig mit ihrer Puppe spielte, auf den Arm. Willst du wohl dem Major sagen, Leontinchen, dass wir nichts Besseres im haus haben, dass die Soldaten schon vorgestern Alles weggenommen?
Sie trug das Kind zum Major; das Dienstmädchen folgte mit Eiern, Wurst und einer sauern Gurke, dem Lieblingsessen der Türinger. laut lachend blickte der Major auf die Gruppe. Was will uns denn die Närrin? rief er aus.
Die Mutter brachte zitternd ihre Worte auf Deutsch an, der kleine Dolmetscher auf ihrem arme wiederholte sie in reinem Französisch.
Schwere Bomben! sagte der Major, noch immer lachend, du fingerlanger Schatz sprichst Französisch?
Weil ma bonne eine Französin ist, erwiderte eifrig das Kind, und ich rate dir sehr, dich nicht über dein Frühstück zu beklagen, sonst bekommst du Schelte!
Alle Wetter! Und wo ist denn diese saubre Bonne?
Nun, bei der Mama!
Und die Mama?
Drüben im Hinterhause, wo wir wohnen.
Und nun sehe mir einer den Dummkopf von Bürgermeister, der uns hier einquartiert!
Die Magd und die Hausfrau hatten indessen das spärliche Mahl auf den Tisch gestellt, Anna trat mit den Kartoffeln hinzu. Ich spreche auch Französisch, sagte sie, aber nur ein bischen. Der Offizier sah auf. Ich bitte sehr um Verzeihung! fuhr Anna mit unbeschreiblicher Anmut fort, indem sie die Kartoffeln vor ihn hinstellte und mit der andern Hand eine kleine einladende Bewegung machte.
Kreuz Donnerwetter! August! sieh mir einmal nach, was all dies Geträtsch eigentlich soll?
Und August machte Kehrt, ward aber von Niemand zurechtgewiesen und brachte also nach zwei Minuten einen zitternden Beutlergesellen, der im Waschhause, hinter den Waschgefässen versteckt gelegen, und mit ihm ein hübsches in Tränen zerfliessendes Dienstmädchen, die er auch unten gefunden.
Ist das deine Mama? lachte der Major Leontine an.
Aber das war zu viel für Anna's Herz. Sag ihm doch, Leontine, bat sie, dass deine Mama eine fremde Dame ist, und dass ihr im Hinterhause nach der Esplanade zu wohnt, und sag ihm, dass dies nur eure Marie ist, und dass meine Mutter dich geholt hat, weil du Französisch sprichst.
Leontine tat ihr Bestes. Ah! Deine Mutter ist eine vornehme Dame! und der da? fuhr der Major fort, indem er auf den Beutler zeigte.
Ei, das ist ja unser Liebhaber! erwiderte Leontine ganz ernstaft.
Nun aber war es um des Herrn wie um des Dieners Fassung geschehen. Beide brachen in ein homerischunauslöschliches Gelächter aus. Eine Flut von Witzen und Zweideutigkeiten überschüttete den armen Beutlergesellen mit einer Verlegenheit, die ihm helle Schweissperlen ins Gesicht trieb und um so peinlicher war, da weder er noch die übrigen Anwesenden ein Wort von dem Allen verstanden. Nur die beiden Kinder belustigte die Scene und Anna lachte herzhaft mit.
Unterdessen hatte der Major gegessen und eine mitgebrachte Flasche Wein geleert; der gute Humor prädominirte. Rasch sprang er auf, nahm Leontine auf den Arm, gab dem Beutlergesellen einen Tritt in den rücken und trieb ihn vor sich her zur Tür hinaus.
Komm, mein Liebchen, wir wollen deine Mutter besuchen!
In tödtlicher Angst folgte die Hausfrau mit Annen an der Hand. Auch die Annemarie wollte ihren Schatz nicht aus den Augen verlieren.
Man hatte, wie schon erwähnt, der Ordnung halber den gang gesperrt, der oben die beiden Wohnungen verband; ungern wollte die Bürgermeisterin ihn anzeigen, dennoch konnte sie dem Fremden das Kind um so weniger allein überlassen, als es ihr anvertraut war. Mit bittenden sanften Vorstellungen suchte sie den Offizier, der sie nicht im mindesten beachtete, von seinem Vorhaben abzubringen; umsonst, und so gelangte die ganze Karavane auf die Hausflur, die zwar in Verbindung mit dem Gange stand, aber auch eine Treppe hatte, die, abgesondert von demselben, in den Hof führte.
Hier wohnt Wilhelm, sagte im Vorüberkommen Leontine. Sogleich machte der Major Anstalt, in die verschlossene stube zu dringen. Der