gesund und kräftig? bin ich's nicht auch? Haben mich die vielen Reisen angegriffen? Hast du mich vor dem unglücklichen Sturze klagen hören?
Anna wollte etwas erwidern, als sie durch den Eintritt einer alternden, trotz den ergrauenden Haaren noch immer hübschen Frau unterbrochen ward, deren äussere Erscheinung zwischen der einer Dienerin und einer bürgerlichen Hausfrau in sehr glücklich gewählter Mitte stand. Sie war ein wenig altmodisch gekleidet, mit kurzen Aermeln, ein klares etwas gesteiftes über einander gefaltenes Battisttuch umschloss ihren Hals, die schwarze seidene Schärpe mit den Seitentaschen fehlte auch nicht, die Französin war vom Scheitel bis zum zierlichen Fuss unverkennbar. Auch sprach sie Französisch und nur zuweilen ein übelbehandeltes Deutsch. Ihr erster blick suchte die Knaben, dann übergab sie der Frau Gräfin eine Visitenkarte.
Kann weder der Jäger, noch der Bediente sie bringen, Sophie? fragte der Graf, etwas gereizt. Sie wissen, ich liebe dergleichen Unordnungen im Dienst nicht.
Verzeihung, Herr Graf! aber –"
Mein Gott! rief Anna, welche die Karte angesehen, mein Vetter Otto!
Was? der kleine Bergstudent, der deinetwegen in die weite Welt lief?
Ist nun gross und stattlich geworden, beinahe so stattlich wie der gnädige Herr, versicherte Sophie. In einer Stunde will er wieder anfragen. Er ist ein gelehrter Professor, in Basel geworden, und der Wirt erzählte mir, er sei ein entsetzlich berühmter Mann und habe irgend was entdeckt; auch zogen eine ganze Menge Schüler hinter ihm drein.
Das ist ja kaum möglich, sagte Anna, die Karte wieder und wieder überlesend, der ganze Mensch ist ja doch erst fünfundzwanzig Jahre alt.
Wird auch nicht so arg sein, meinte Kronfeld. Ma bonne ist immer freigebig gegen ihre Lieblinge gewesen und hat auch mich vom Secondlieutenant zum Hauptmann avanciren lassen.
Aber der Herr Graf sind es ja doch auch nachher geworden, sagte seufzend Sophie, eine weit zurückliegende Erinnerung umflorte ihr Auge.
Leider ja, durch das Abschiedspatent. Ach, liebe Sophie, das waren schöne Tage, obschon du während derselben meine Freundin und Feindin zu gleicher Zeit gewesen bist. Aber wir wollen nicht davon reden, ich bin nun ein ergrauender Diplomat und muss meine Jungen versorgen.
Die Kinder waren längst wieder hereingeschlichen, sie hingen an Sophie wie Kletten.
Jungens, wollt ihr einen Hofmeister haben?
Von Pfefferkuchen, Papa? fragte der kleinste.
Nein, nein! schrie der älteste, ich mag keinen Hofmeister.
Anna stand immer noch da, wie eine Träumende; es war dunkel geworden, die Bedienten hatten den Tee servirt und Licht gebracht. Sie schaute gedankenvoll in die kleinen Flammen derselben, wie früher in die leuchtenden Alpen hinein; endlich sagte sie gepresst: Ich wollte, ich hätte ihn wiedergesehen.
Fürchtest du die Erinnerung? fragte Kronfeld.
Ja, erwiderte Anna, an seinem Bilde hängt das meiner ganzen Kindheit.
Ich bitte dich, liebe Anna! sprach Kronfeld, plötzlich wie durch Zauber ein Andrer geworden, indem er so edel und ruhig vor sie hintrat, dass sie unwillkürlich zusammenschrak, als habe sie etwas Ungerechtes gedacht, ich bitte dich, bedenke, wie sehr dieser junge Mann dich geliebt hat und was er gelitten haben mag; sei besonnen! Ich will noch einen Augenblick zu Lady Frederic hinübergehen, fuhr er französisch, mit einer leichten Wendung zu Sophien fort, bringen Sie die Knaben zu Bette oder übergeben Sie sie der Betty; ich kehre bald zurück. Wenn der Herr Professor Schulze kommt, wird Madame wohl die Güte haben, ihn anzunehmen und zu unterhalten, bis ich wieder hier bin.
Anna blieb allein. Sie hatte längst ihre heitere Fassung wieder errungen, als nach etwa einer halben Stunde ein Bedienter den Professor anmeldete. Otto hatte sich vorteilhaft entwickelt; er war sehr gross geworden und seine ehemals zu kleinen, zusammengedrückten Züge hatten sich ausgearbeitet und erweitert, sein Gesicht war bleich, aber auffallend schön. Rasch trat er auf Annen zu, als wollte er sie in die arme schliessen, dann wich er um ein Paar Schritte zurück und stand fast ungeschickt verlegen vor ihr, ohne das begrüssende Wort sogleich finden zu können.
Lieber, lieber Otto! rief Anna, ihm die Hand reichend, wie freue ich mich, dass du da bist.
Wirklich, Anna! wirklich? es freut dich? Er zog ihre Hand einen Augenblick an sein Herz, liess sie aber sogleich wieder los. Nun, so freut es mich auch.
Ohne ihre Aufforderung abzuwarten, setzte er sich, gepresst nach Atem ringend, auf einen Stuhl ihr gegenüber; sie nahm ihren Fauteuil am Fenster wieder ein. Nun betrachteten sich Beide einige Minuten lang schweigend; in Beider Züge strahlte die Freude an des Andern Erscheinung.
Und du bist schon Professor, Otto? nahm endlich Anna das Wort, und wo?
Vorläufig nur in Basel. Ich bin nach der Schweiz gekommen, um einige Localbeobachtungen zu machen. Eine Entdeckung, die mir in die Hand gefallen, hat mir hier überall die Leute gewonnen. Sie haben mir die in Basel erledigte Professur angeboten, die manche Vorzüge hat; meine Zeugnisse waren gut. Ich habe die Stelle angenommen. Ein paar Jahre werde ich bleiben. Ich studire Schwedisch, ich will später zu Berzelius, er ist der einzige, der mich anzieht. Davy ist noch in Italien.
Du bist gerade so geworden, wie ich mir dich dachte, sagte Anna, nur noch geschwinder, als ich es erwartete.
Ja,