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! wie bebte Anna vor Zorn und Schmerz, als sein Vater endlich mit einem Machtwort all diesen heroischen Plänen ein Ende machte und den Ritter ohne Furcht und Tadel mit der Aussicht, zu Ostern immatriculirt zu werden, nach Jena in Pension tat! Aber freilich begann für die beiden jungen Leute eine Serie ganz neuer Leiden und Freuden durch diese Trennung.

Das Jenaische Studentenleben hatte durch die Nähe Weimars für dort Einheimische einen sonderbar eigentümlichenfast könnte man sagen, einen häuslichen Reiz. Da gab es zweimal die Woche Markt- und Botentage, an denen die Gemüseweiber ihre grünen Waaren hinübertrugen und im Heimkehren Otto'n die von der Tante besorgte Wäsche oder irgend einen für ihn bewahrten Leckerbissen, ganz gewiss aber ein Briefchen von Anna überbrachten. Ach, man schreibt so gern mit funfzehn Jahren!

Und dann die Komödienabende, an denen er mit den gefährten hinüberwanderte und Anna von weitem im Parterre sitzen sah, ihr wohl gar beim Nachhausegehen begegnete! Schon wenn er durch das Kegeltor singend mit seiner Landsmannschaft einzog, war es möglich, sie am Fenster einer Freundin zu gewahren. Zum Onkel durfte er nicht so oft, der schalt über die Verschwendung der acht Groschen, die der Eintritt in's Teater kostete. Vor allem aber gab es eine Aussicht auf ein noch nie genossenes Glück, das, Annen auf den ersten Ball zu begleiten, als die bis dahin mit französischen Expeditionsbureaux angefüllten Säle endlich ausgeräumt wurden und nach jahrelanger Pause wieder öfters getanzt werden konnte.

arme Kinder! es sollte ihnen nicht so gut werden.

Längst schon zog die Bürgermeisterin Sonntags keine rosa beschleiften Negligées mehr an; sie war blass geworden und mager, und dann stiller und immer stiller. Seit dem tod der zwei kleinen Mädchen war sie nie wieder zu voller Kraft gelangt; sie atmete schwer, und wenn sie mit dem Nähzeug Annen gegenübersass, sank ihr die Arbeit in den Schoos, und sie konnte die Tochter so halbe Stunden lang wehmütig ansehen, ohne mit ihr zu sprechen.

Wenn die Buben einmal schrieben, oder zufällig einer ihrer Streiche dem Vater zu Ohren kam, ging sie den ganzen Tag keichend und tief gebückt einher, aber sie klagte nicht.

Der Bürgermeister hatte seine Amtsgeschäfte im Kopf, er sah nicht, wie bleich sie war; früh morgens ging er auf das Rataus, das Mittagsmahl ward eilig eingenommen, zu Nacht ass er nach türingischer kleinbürgerlicher Sitte allein warm, die Andern nahmen mit einem Butterbrot fürlieb. Der Bürgermeister hatte gar keine Zeit, den Zustand seiner Frau zu bemerken.

Als nun einmal an einem wunderschönen Frühlingstage Otto als Fuchs, den Rock am Stock, über der Schulter tragend, fröhlichen Sinnes mit andern Studenten zur Aufführung der Räuber herüberkam, gewahrte er das Mädchen nirgends. Es trieb ihn zu ihr hin, im Zwischenact eilte er in des Oheims Haus, öffnete schnell die Zimmertürer wollte sie überraschenda lag die Tante schon auf der Bahre. Anna sass still weinend zu den Füssen derselben; – der arme junge Freund hatte nicht einmal von der kurzen Krankheit etwas erfahren.

Wie er am Begräbnisstage vom Kirchhof heimkehrte, stand Anna am Fenster, sie hatte das kleine, von ihr und der Verstorbenen bewohnte Gemach aufgeräumt, wie zu der Mutter zeiten, und blickte starr und besinnungslos die Gasse entlang, ohne zu sehen; sie war nun fertig, mit Allem fertig; sie konnte sich durchaus keinen Begriff der kommenden Tage, ja nicht einmal der nächsten Stunde machen.

Sie bemerkte den eintretenden Otto gar nicht; als er sie leise umfasste und an seine Brust zog, wehrte sie ihm nicht, hörte nicht die tausend Schmeichelnamen, mit denen der arme Junge sie zu trösten versuchte. Ihr Schweigen riss ihn weiter fort, ihre Nähe, die eine unbekannte Seligkeit durch alle Pulse seines Lebens jagte, steigerte ihnimmer bestimmter in seinen Wünschen und Empfindungen, schloss er damit, ihr zu sagen, wie unaussprechlich teuer sie ihm sei, wie er nur einzig sie liebe und lieben werde, und wie sie ihm vertrauen, den Vater nicht scheuen solle, Tag und Nacht wolle er arbeiten, in vier bis fünf Jahren müsse er ganz gewiss schon eigen Brot haben, danndann könne er sie heimholen, als seine Frau. Jetzt sah sie auf und mit den grossen blauen Augen eine Secunde starr ihn an; enger umrankte sie sein ArmOtto! Otto! rief sie, was fällt dir ein. IchDu? aber das ist ja ganz unmöglich! und mit einer heftig raschen Bewegung riss sie sich los und lief hinauserschrocken, blindlings, unbewusst, den alten Weg hinüber, durch den gang, der nach Waldau's wohnung führte; Jahrelang war die tür verschlossen geblieben, sie bedachte es nichtjetzt wich sie bei der ersten Berührungund mit einem jubelnden Freudenschrei stürzte Leontine in Anna's arme!

Lange hielten sich die Mädchen eng umschlungen. Anna konnte es nicht begreifen, keinen klaren Gedanken fassen, sie sah nur mit Entzücken ihrer Freundin in das strahlende Gesicht.

Aber hattest du mich denn nicht gehört, nicht meine stimme erkannt? fragte wieder und wieder Leontine; ich hatte ja geklopft, ich wollte ja zu dir, dich überraschen.

Plötzlich fiel Annen der Mutter Tod ein; sie brach in lautes Weinen aus und die Tränen des herben Wehs und der kindlichsten Freude mischten sich auf der jungen Mädchen Wangen. Allmälig wurde Anna ruhiger; sie konnte sprechen. Hand in Hand gingen Beide endlich hinüber