1845_Schopenhauer_142_15.txt

Sendung des Bundes begriffen, dem er angehörte, überraschten ihn in Helgoland des sterbenden Freundes letzter Gruss und dessen Bitte, seine Witwe noch vor Ausbruch des russischen krieges in die Nähe ihrer Verwandten nach Breslau zu geleiten. Und Geiersperg kam.

Es war ein stattlich schöner Fünfziger, voller Feuer und Entusiasmus für die Sache Deutschlands, auf deren glückliches Ende er mit frommem Gottvertrauen bauete.

Der Oberst blieb acht Tage. Anna sah ihn wenig, auch Frau von Waldau kam während der Zeit nicht viel zum Vorschein; sie war beschäftigt. Leontine erzählte von vielen Veränderungen im haus; plötzlich kündete Frau von Waldau ihre morgende Abreise an. Sie versprach wiederzukommen und behielt einen teil ihres Quartiers. Geiersperg hatte die ganze Zeit hindurch für einen Förster ihres Schwagers gegolten und begleitete sie als solcher nach Breslau. Duguet blieb zurück. Nach einigen Wochen verschwand auch er; man sagte, er sei nach Dresden gegangen, wohin Napoleon eben die deutschen Fürsten berufen hatte. Vielleicht hoffte er von dort aus gelegenheit zu finden, sich dem Obersten zu nähern, bei dessen Geliebter Sophie in Diensten stand, und diese zurückzubringen.

Die erste Stunde des verhängnissvollen Jahres dreizehn gewährte Annen, nach einer langen traurig hingebrachten Zeit, die erste Freude. In Freiberg wohnte von der Mutter ein älterer Bruder, der im Bergwerk Geschworener war und daselbst ein heiteres, etwas mühseliges, von der übrigen Aussenwelt abgeschlossenes Leben führte. Sein einziger Sohn Otto, ein ungewöhnlich fähiger Junge von funfzehn Jahren, hatte sich selbst zum Chemiker bestimmt. Der Vater brachte ihn zum neuen Jahre nach W...... in die Lehre eines alten Vetters, der als bedeutender Pharmaceut dort lebte und ihm die nötigen Vorkenntnisse beibringen, das heisst ihn zur Universität vorbereiten sollte, die er im nächsten Jahre zu beziehen gedachte.

Wie fast alle im Bergbau Erwachsenden, war der Jüngling lustig, phantastisch und fromm. Die Einfachheit seines Wesens gewann ihm bald die Herzen der ganzen Familie, sogar das des Bürgermeisters. Auch ihn hatte, wie seinen Vater, das Leben "Jenseits der Berge" kaum berührt, die Politik war ihm ganz fern geblieben. Er hatte zwar mitunter auch tüchtig auf die Franzosen geschimpft, doch etwa so, wie wir auf den Teufel, ohne etwas Besonderes dabei zu denken. –

Die Neigung zur Analyse alles Sichtbaren schien Otto angeboren. Der Alte, ein Bergmann mit Leib und Seele, hätte ihn lieber auch zum praktischen Bergbau ausgebildet; und wirklich hatte der Knabe die ersten mühseligen Jahre der Lehrzeit bestanden und in den Gruben von unten auf gedient. Aber es trieb ihn gewaltsam weiter, der Bahn seiner Wissenschaft zu, und der Vater konnte es nicht über's Herz bringen, den Willen des sonst so nachgiebigen Kindes zu brechen. Um in Freiberg aufgenommen zu werden, wo es damals etwas aristokratisch zuging, waren des Alten Verhältnisse nicht günstig genug; und Otto selbst entzog sich gern dem Kreis seiner gefährten, um der einmal erwählten Richtung bestimmter folgen zu können.

Der fröhliche oheim fiel in der Neujahrsnacht dem ängstlichen Schwager wie eine Bombe in's Haus: beide alte Herren contrastirten wunderlich, aber sie vertrugen sich und Otto's Gegenwart brachte Leben in den kleinen Familienkreis.

Anna atmete auf in seiner Nähe; er rief den Frohsinn wieder wach, den der Familie Waldau Verlust in Schlummer versenkt hatte. Die beiden schönen jungen Leute entwickelten sich im Umgange mit einander; und als im Verlauf der nächsten Monate der allgemeine Entusiasmus auch sie erfasste, entfaltete der volle kräftige Sonnenstrahl jener Tage ihre Kindheit mit zauberischer Schnelle zur Jugendblüte.

Es ist viel über jene Zeit geschrieben worden; – wer sie in gesunder Jugend frisch durchlebt hat, dem wird keine der Beschreibungen völlig genügen; sie hatte das mit der Liebe gemein, dass, obgleich sie in Aller Herzen widerhallte, jeder Einzelne sie ganz anders durchfühlt, durchlebt oder durchträumt zu haben wähnt als seine Genossen. – Am ersten März hatten die Verbündeten Frankreich den Krieg erklärt.

Der Herbst des nämlichen Jahres, der zum Frühling der Völkerfreiheit ward, reifte das nun funfzehnjährige Mädchen zur Jungfrau und den um ein Jahr älteren Knaben verhältnissmässig noch rascher zum Jüngling.

Die ausgezeichneten Männer und Frauen, denen Anna im Waldau'schen haus begegnet war, hatten auch nach Josephinens Abreise das wunderbare Kind nie ganz aus den Augen verloren. Trotz aller häuslichen Hemmungen ward Annen manche schöne gelegenheit geboten, ihre Anlagen zu entwickeln, ihr Zeichnen- oder Sprachtalent zu fördern, und mit glühendem Eifer hatte sie instinctmässig jede derselben ergriffen. Konnte dieser aphoristischen Bildungsweise nun gleich keine gründlichere Kenntniss entwachsen, so hatten doch wenigstens geliehene Bücher, freundliche Ermunterungen und gelegentliche ernstere gespräche jeden edlen Keim ihrer jungen Seele frisch und lebendig erhalten.

Otto'n war es nicht so gut geworden, das GeistigSchöne schlummerte noch in ihm; er kannte nur die Poesie seines erratenden Gefühls, und hatte sich dagegen eine Menge praktischer und empirischer Kenntnisse erworben, denen jetzt der schnelle Zeitenwechsel störend entgegentrat. Um so entschiedener drängte sich das volle wogende Freiheitsgefühl als poetisches Streben plötzlich in seine Existenz.

Rings im ganzen land stand Deutschlands Jugend auf, rüstete sich und bildete Freicorps. Otto's Blut kochte; unaufhörlich lag er dem Bürgermeister an, ihn nun auch mit in den Krieg ziehen zu lassen. Brief auf Brief trug die flehentlichsten Vorstellungen nach Freiberg zu seinem Vater, aber die beiden Alten blieben unerbittlich: Otto schien ihnen noch immer ein Kind.

Wie viele heisse Tränen weinte der Bayard in der Knospe um seinen unerreichten Ruhm