; er hatte sogar selbst einen reichen vornehmen Herrn zum Freunde, für welchen er sich in jüngern Jahren eben so treu und hingebend geopfert, als jetzt Anna für Leontine es tat. Aber an seiner äussern Lebensgestaltung hatte dieser adlige Freund nichts geändert, – und dass eine solche Empfindung auch bei Frauen stattaft sei, gab er überhaupt gar nicht zu. Erst nach einer Reihe von Jahren, nachdem er sich von der unerschütterlichen Festigkeit des Charakters seines Kindes überzeugt hatte, gewann ihn Anna in so weit, dass er keinen Versuch mehr machte, hemmend in die Räder ihres Geschicks einzugreifen.
In dieser Zeit war er von mehren Seiten sehr hart gebeugt worden. Beide blühende Zwillingsschwestern Anna's, sanken, von einem nervösen Fieber ergriffen, zugleich in's Grab, und an den Söhnen erlebte er wenig Freude. Vielleicht hätten bedeutendere Geldmittel, und durch diese eine planmässigere Erziehung, den Knaben einen regeren Eifer und eine entschiedenere Richtung gegeben; aber obgleich der Tod seiner jüngeren Töchter das einstige Erbteil der übrigen Kinder vergrösserte, vermochte der ängstliche Mann nicht darüber mit sich in's Reine zu kommen, was er für sie zu tun berechtigt sei, und wie es auszuführen, ohne sich und seine Frau an den Bettelstab zu bringen.
Jedes an sich noch so unbedeutende Ereigniss erhöhte die Sorglichkeit, mit welcher er den eigentlichen Betrag seines Vermögens selbst seinen Kindern zu verhehlen suchte, und die Sparsamkeit, mit der er sie und seine Frau täglich peinigte. Unter zahllosen kleinlichen Rücksichten und Einschränkungen wuchsen die Buben auf; ohne eigentliche Wahl eines einstigen Fachs wurden sie blindlings ihrer Bahn zugestossen; von nichts sagenden Umständen gedrängt, ergriffen sie bald diese, bald jene Bestimmung, verlernten das kaum Erlernte wieder in der neugewonnenen Richtung und wechselten dann kleinlaut das noch unerreichte Ziel abermals mit einem noch fernern. Leider ist dieses die geschichte einer Menge junger Leute jener Zeit, die in dem betrieb- und industrielosen Türingen aus Mangel innerer Energie als taube Blüten dem grossen Baum des Lebens fruchtlos entfielen.
Die Weigerung des Vaters, den Söhnen die ihnen zu Begründung einer Carriere nötigen Mittel reichlich zu geben, erbitterte die Buben und machte sie abwechselnd stöckisch und leichtsinnig. Der Eine lief aus Ueberdruss unter die Soldaten, der Andere spielte dem Alten zum Trotz, als Commis bei einem Krämer, im nahen Auslande den vornehmen Herrn en miniature und machte Schulden.
Anna litt sehr, die Tränen und die Sanftmut der Mutter taten ihr so weh. Einzelne heftige Auftritte mit den Verwandten ihrer Eltern, die bald für, bald gegen des Vaters Ansichten sich aussprachen, verschüchterten sie ganz. Dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen lernen sollte, sagte man ihr den ganzen Tag, ohne ihr jedoch irgend ein Hülfsmittel zu Erreichung dieses Zwecks zu bieten. Die Mutter hoffte auf eine frühe Heirat für sie; die Tante wollte sie in Hofdiensten wissen. Was konnte natürlicher sein, als dass Anna wieder und immer wieder zu Waldaus hinüberflüchtete, wo all diese Qual sie nicht berührte.
Dass sie in so untergeordneter Stellung auch nicht einen Augenblick an die einstige Benutzung der ihr dort gebotenen Vorteile dachte, dass sie im Gegenteil unaufhörlich bemüht war, Sophien Wort zu halten, nur darauf sann, für Leontine etwas zu tun, zeugt von der Unbefangenheit ihres Charakters.
Madame Sophie hatte nicht so streng Wort gehalten als der Kaiser; er war längst mit den Oestreichern fertig und in Wien eingerückt, sie war aber nicht zurückgekehrt. Leider erkrankte der junge Mann dort von Neuem. Sie zog den Vorteil aus ihrer wunderlichen Lage, ihren Sohn nie ganz aus den Augen zu verlieren. Auch hatte das treue Herz dieser Frau eine zu warme Tiefe, um der neuen Gebieterin, die ihr dieses Glück verschaffte und ihrer Dienste nötig bedurfte, mit Undank zu lohnen.
So kam der Frühling des Jahres 1812 herbei, ohne die Gatten vereinigt zu haben.
In Deutschland erhob sich damals ein innerer Frühling: die von Osten nach Norden gehenden unaufhörlichen Bestrebungen deutsch gesinnter Männer brachen der Freiheit unseres Vaterlandes langsam und besonnen Bahn.
Oft zeigten sich Boten dieser wachsenden Hoffnungen im Waldauschen haus, ungehemmt und vom Feinde nicht bemerkt, flog die Kunde besserer Tage seinem sinkenden Leben vorüber. Er nahm indessen nur einen wehmütigen Anteil an dem Allen, denn er hielt sein Volk für noch nicht hinlänglich gereift.
Eines Abends sass er in seinem Lehnstuhl, von wenigen nahen Bekannten und Gleichgesinnten umgeben, und unterhielt sich lange mit ihnen von einem in der guten Sache sehr tätigen Freunde, dem ehemaligen preussischen Obersten von Geiersperg.
liebes Kind, sagte er plötzlich, zu Josephinen gewendet, ich kenne keinen zuverlässigeren Menschen auf Erden.
Als die Andern Abschied genommen, erneuerte sich das Gespräch zwischen ihm und seiner Gattin. Ich habe Geiersperg nie gesehen, sagte sie, und du kennst ihn so lange Jahre.
Waldau lächelte seltsam. Du wirst ihn bald kennen lernen, fuhr er fort, und wenn er kommt, so bitte ich dich, ihm unbedingt zu vertrauen. Unbedingt, liebe Josephine. Er küsste sie auf die Stirn und liess sich von Duguet in sein Schlafzimmer geleiten. Am andern Morgen fand man ihn tot in seinem Bett; auf seinem Nachttische lag ein versiegelter Brief an Geiersperg.
Wenige Wochen später liess sich ein Jäger bei der noch immer tief betrübten Witwe melden; er habe eine Botschaft an den verstorbenen Herrn gehabt, hiess es, die er der gnädigen Frau selbst zu überbringen wünsche.
Das ist Geiersperg! blitzte es in ihr auf – und er war es. Auf einer geheimen