1845_Schopenhauer_142_13.txt

n Jahr, seufzte Sophie, dass ich ihn wiederfinde. Er und Anna machen mir am meisten sorge.

Anna! wie so?

Der Vater ist ein schlimmer Mann, da haben sie ihm in den Kopf gesetzt, das Kind würde hier im haus zu einer vornehmen Dame gemacht, und die Bürgermeisterin soll es nicht so oft herlassen. An den Stunden, meint er, sei auch nichts gelegen, Küche und Haus gingen ihm vor. Du lieber Gott! er wird das Kind nicht hindern, die geht ihren eigenen Weg. Und unser Leontinchen ist so allein und viel zu schwächlich, um Anna entbehren zu können; sie lernt besser, sie ist sogar viel gesünder und frischer, wenn sie die kleine Freundin um sich hatHerr, mein Gott! da ist sie!

Anna hatte die Küchenmagd beredet, die beide Wohnungen verbindende Gangtüre offen zu lassen; bei Bürgermeisters lag Alles um zehn Uhr in den Federn, jetzt war es über Mitternacht. Die Kleine schlief mit den Geschwistern allein in der kammer, sie konnte leise aufstehen, um sich zu Madame Sophie zu schleichen, deren Reiseplan sie längst entdeckt, und stürzte jetzt unerwartet in deren arme.

Wo kommst du her, liebe Anna? woher weisst du

Ach, ma bonne, erst hat es mir das Herz gesagt! Dann fuhren mich die Brüder auf der kleinen Schleife spazieren, du weisst wohl, auf der Leontine nicht fahren darf. Sie hatten versprochen, mich kein einzigmal in den Schnee zu werfen, so nahm ich ihren Vorschlag an. Als wir um die Ecke bogen, kam der Postwärter und hatte deinen Koffer auf dem Karrenach, sei nicht bös! – Da frag4e ich ihn. – Aber wo ist denn Leontine?

Madame Sophie verschluckte ein Paar Tränen und sagte ganz leise und wehmütig: Leontine muss schlafen! Du weisst wohl, dass sie sonst krank wird. Anna nickte. Und, fuhr jene fort, das Kind zwischen ihre Knie nehmend, wenn sie morgen aufwacht und ich fort bin, so sei du da und tröste sie und sage ihr: ich käme gewiss wieder. Der Kaiser will's nicht lange machen mit den Oestreichern; ist er in Wien, so kehre ich zurück, dann lass mich dich und Leontinen zusammenfinden. Wenn aber der liebe Gott Ernst mit mir oder mit meinem armen Jungen machen sollte, was eigentlich eins ist, so bleibe du bei ihr, verlasse sie niemals, sei ihre Schwester; dir vertraue ich sie an. Dein Vater freilichAch, erwiderte betrübt Anna, nun er einmal seine Meinung gesagt hat, denkt er nicht mehr daran; er merkt so wenig auf mich. Und die Tante hat ihm auch zugeredet und versichert, ich könnte, wenn ich recht gut Französisch spräche und keinen Mann kriegte, Kammerfrau bei der Frau Herzogin werden

Warum nicht gar! fuhr Duguet dazwischen.

Nein, nein, sagte ma bonne, du darfst nicht dienen! Sieh doch, Duguet, steht sie nicht da wie eine kleine Gräfin?

Und wozu wäre denn die ganze Revolution gewesen, wenn das Verdienst nicht erhoben werden könnte aus dem Staube? salbaderte Duguet, von alten Erinnerungen erfasst. Gewiss, Mademoiselle, fuhr er fort; wenn mein guter Herr uns erhalten wird, so werden Sie unsere Familie niemals verlassen dürfen. Man sieht, er rechnete sich dazu.

Die Uhr schlug! Noch eine Viertelstunde! Sophie atmete schwer, machte sich allerlei zu tun, öffnete und schloss wohl zehnmal ihren Reisesack, setzte die warme Mütze auf, sah wieder nach ihrer Uhr; endlich eilte sie festen Tritts hinaus, die Treppe hinan, – sie nahm von ihrer Gebieterin Abschied.

Wenige Minuten später hatte sie schon an Duguet's Seite die Hausschwelle überschritten. Anna hatte ihren Arm ergriffen und umklammerte ihn mit beiden Händen. Stumm wanderten sie durch die frühlingsklare Nacht dahineinzelne Sperlinge schreckten auf, als sie an den Esplanadenbäumen vorübergingen, die Strassen waren still, nur ganz von weitem dutete ein verspäteter Nachtwächter. Vor dem Postause hielt der Wagen. Sophie zitterte ein wenig, aber bei solchen Gelegenheiten weinte sie nicht; es lagen so viele bange Abschiede hinter ihr. Einen Augenblick hielten alle drei sich umschlungen, denn Anna wollte ma bonne nicht loslassenda schmetterte das Postorn und die arme Kleine wusste selbst nicht, wie es zuging, dass plötzlich der Wagen schon in der Ferne weit, weit die lange Strasse hinabfuhr; jetzt bog er um die Ecke. Anna hielt sich beide Augen zu und der erste heftige Schmerz ihres Lebens hatte sie ergriffen.

Duguet sah sie an und schüttelte den Kopf. Armes Kind! sagte er, damit wird man nicht glücklich. Dann nahm er die Kleine in die arme und lief eilends mit ihr nach haus, als wollte er sie von dem Kummer hinwegtragen, der sie und ihn betroffen. Der Eindruck, den Sophiens Abschied dem zarten Kindesgemüt hinterlassen, war ein dauernder. Anna hielt Wort: mit immer tiefer wurzelnder Liebe blieb sie Leontinens Gefährtin, ertrug nun ihretwillen die Scheltworte des Vaters und erschmeichelte sich täglich von Neuem die erlaubnis, hinüberzugehen. Anna's Vater war kein gemeiner oder harter Charakter, es lag eine tüchtige, nur unentwickelte Eigentümlichkeit in dieser natur, die alle Kräfte, deren sie sich bewusst war, der strengen Realität des Lebens zuwandte. Aber in den Winkeln seiner Seele blieb dennoch manches unverstandene Edle unausgebildet liegenso war ihm Freundschaft durchaus weder fremd, noch unbegreiflich