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Garben aufgehäuft. Anna hat einen Zauberkreis der Häuslichkeit darum hergezogen. Noch immer stehen sie und Gottard, unverändert im inneren, von der Zeit unendlich mild behandelt, schön und edel, in vollster Kraft, nebeneinander, noch immer ist ihre Neigung dieselbe, noch immer eint sie das seltenste, innigste Verstehen.

Egon zählt bereits unter unsern bedeutendsten Staatsmännern. Da Gottard keine Kinder hat, übertrug sein Herz auch in diesem Bezug die Neigung auf keinen neuen Gegenstand.

Die zeiten haben sich verändert; ihren Anforderungen zu genügen, ist alljährig schwerer geworden. Gottard sieht seinen Nachfolger in Egon, dessen die seine einst überragende Wirksamkeit er sorglich und besonnen dem Lieblinge vorbereitet.

Joseph ist der schönste und beliebteste Offizier seiner Garnison und ist dabei der unempfänglichste für Frauenliebe. Obschon er jeder Dame den Hof macht, erzählt er ihr zugleich, dass nur die ganz besondere glückliche Mischung von Fehlern und Vorzügen seiner Tante Leontine ihn dauernd zu fesseln vermöchte, und dass er trostlos ist, hier bei den nordischen Barbaren weilen zu müssen, während die Unbarmherzige unter griechischer Sonne a l t e r t , ohne auf ihn zu warten.

Und Leontine? Sie ist immer noch ein anmutiges, vielleicht für sich und uns unlösbares Rätsel. Seit einer Reihe von Jahren hat sie Deutschland nicht wieder betreten. Ob sie in Griechenland den verlorenen Gatten wiedergefunden, ob sie ihm noch heimlich verbunden ist, ob andre Neigungen und Verhältnisse ihre Seele erfüllen, Niemand weiss es, selbst Anna nicht. Sie schreibt unendlich geistvolle, inhaltreiche Briefe, deren Flammenzüge Leuchtkugeln gleich aufblitzen in dem kleinen Kreise ihrer Freunde, und den Zustand des Bodens, auf dem sie anzuwurzeln scheint, in seiner Eigentümlichkeit und in seinen wechselnden Gestaltungen richtiger schildern, als alle unsere Tageblätter und Reisenden.

Gar andere, tiefernste Briefe, meist in Bücherform und gedruckt, sendet uns Otto. Ihn umgibt ein Kreis geliebter Kinder und treuer Freunde. Die unendliche Tätigkeit seiner Seele erhält ihn frisch; die seit den letzten Jahren mit Riesenschritten fortschreitende Wissenschaft trägt ihn über alle kleinen Lebenssorgen hinweg. Vrenely ist der Trost seiner Tage geblieben; in ihrem haus herrscht noch immer die anmutige saubere Bürgerlichkeit, in der wir sie zuerst gefunden; in ihrem Herzen blüht die Poesie und treibt mit jedem Jahre neue Frühlingsknospen. Otto kennt nur das Universum und sein Haus; die Gesellschaftswelt und die Politik der Zeit kümmern ihn jetzt fast eben so wenig, wie sie in den Tiefen der Erde es taten, als er mit dem Grubenlicht und dem Schlägel in der Hand von den Schätzen der Wissenschaft träumte, die jetzt sein Forschergeist erreicht. Annen hat er nicht wiedergesehen und alle Einladungen Gottards mild, aber bestimmt abgelehnt.