1845_Schopenhauer_142_105.txt

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Demonstrationen des Gefühls, fortgesetzter Briefwechsel, ja sogar jeder regelmässige gesellschaftliche Verkehr waren dem mit den bedeutendsten arbeiten Ueberhäuften, auf eine der höchsten Stellen des Staates Berufenen längst unmöglich geworden; dennoch war Annens Bild nie aus seiner Seele, nie aus seiner sehnsucht gewichen.

Nach dem unseligen Duell hatte er, während Anna in Brandenburg blieb, eine Zeit lang in Berlin gelebt, um die Fäden einer neuen, immer ausgedehnteren Tätigkeit anzuknüpfen. Während dieser Vorbereitung seiner veränderten Laufbahn hatte Geiersperg ihn kennen und schätzen gelernt. Beide Männer stimmten in der Ansicht überein, dass nur eine längere Trennung von Annen in den Seelen der heranwachsenden Knaben, in der Ansicht und im Urteil der Gesellschaft die teure Frau flecken- und makellos im Besitz der ihr nötigen Anerkennung erhalten könne.

Das schwere Opfer ward gebracht; schweigend, wie fast immer die schweren Opfer. Gottard suchte beim Ministerium um einen Zweig der Verwaltung in Schlesien nach; sein Wunsch ward ihm gewährt.

sonderbar genug, aber ein Beweis, dass ein wahrhaft eminenter Kopf in unsern Tagen die äusseren Verhältnisse beherrscht, hatte der wiederholte Umschwung, den Gottards Liebe seiner amtlichen Tätigkeit gab, weder hemmend, noch störend auf seine Laufbahn eingewirkt, unaufhaltsam hob sie sich; sein Weg ging ununterbrochen aufwärts, sogar wo sich dessen Richtung änderte.

Die Verschmelzung grosser Tat- und Geisteskraft ist selten, und dennoch bedarf unsere industrielle Zeit derselben so sehr. Gottards Uneigennützigkeit, sein bürgerlicher Fleiss und seine aristokratische Nichtachtung des Einzelnen, wo es die Masse galt, gaben ihm einen immer ausgedehnteren Wirkungskreis, ja eine in manchem Bezug fast herrschende Gewalt über seine Mitbürger und Untergebenen.

Als ihn der Zufall wieder einmal mit Geiersperg zusammenführte, fragte er so angelegentlich nach Annen, dass der alte unermüdliche Handlanger der Zeitereignisse, Geiersperg, mit einem Male innerlich beschloss, nun seine Neffen erwachsen und die Gerüchte über des Vaters Stellung zu Gottard denselben zur Prüfung vorgelegt werden konnten, die jungen Leute selbst auf den Gedanken an eine zweite Verbindung ihrer Mutter mit dem nunmehrigen Präsidenten zu bringen.

Seine Absicht ward vollkommen erreicht. Die Zusammenkunft Leontinens mit Annen und der Lady Frederic, die erstere nach Konstantinopel zu begleiten beabsichtigte, ward zum Moment des Wiedersehens erwählt. Geiersperg war überselig, ein kunstvolles Manoeuvre ausgeführt, durch die Gründe seiner Beredtsamkeit alte Vorurteile besiegt zu haben, wie Leontine lachend ihm vorwarf.

Alle trafen ungefähr zur nämlichen Zeit in Weimar zusammen.

So ward es möglich, Annen ein Wiedersehen zu bereiten, das die vom Glück so lange Entwöhnte vielleicht in banger Scheu von sich gewiesen haben würde, hätte sie es vorausgeahnt, das aber nun in seiner überraschenden Erscheinung einem elektrischen Funken gleich in ihre müde Seele traf und plötzlich alle schlummernden Kräfte derselben weckte, ohne sie zu überreizen. War es doch fast das erste Mal in den langen, stets in Bezug auf einander hingelebten Jahren ihrer Bekanntschaft, dass die Liebenden und Freundesie waren einander Beides und wussten es von einanderruhig, nur von der Freude des Augenblicks bewegt, sich aussprachen.

In jedem Worte feierte ein zerdrücktes, verborgenes Gefühl oder eine lange verschwiegen und heimlich geteilte Ansicht eine Auferstehung. Beider überreiche natur strahlte so edle Gaben der inneren Schönheit aus, dass sie in gegenseitiger Freude, Eines an dem Anderen durch die Gegenwart erfüllt und befriedigt, weder die Schatten der abgeblühten Vergangenheit hervorriefen, noch an der verschleierten Gestalt der Zukunft rührten. Diese aus tiefen vollen Quellen zusammenfliessenden Seelen brachten ja unwillkürlich in jedem Worte, in jedem Blicke einander ihr Allerbestes zu und eben darum blieb der schönen Stunde ihrer Vereinigung jede Schranke bestimmter Wünsche oder Entschlüsse ganz fern, denn sie gedachten nicht einmal der Zeit. Lady Frederic hatte sich vorgenommen, nach dem Orient zu reisen, Griechenland und Konstantinopel zu sehen. Die Russen hatten Frieden geschlossen mit der Pforte; Griechenland erwartete von der hand der verbündeten Mächte seinen König. Die alte Freiheitsfreundin sehnte sich nach all den geheiligten Stätten, denen neue bessere zeiten entblühen sollten; aber auch den Herd der Knechtschaft, wie sie die Türkei nannte, wollte sie in Augenschein nehmen; nur so, demonstrirte sie, sei es möglich, sich ein deutliches Bild der Gegenwart zu verschaffen.

eigentlich war es der lebhaften Frau zu stille in Deutschland geblieben, die constitutionellen Reformen spannen sich sachte ab, und dann musste sie sich doch überzeugen, ob dear King Leopold Recht oder Unrecht gehabt, die angebotene Krone auszuschlagen.

Leontinens Rückkehr nach Italien kam ihr höchst erwünscht. Sie ruhte nicht eher, als bis ihr gelungen, die gewohnheit- und alltäglichkeitscheue Freundin zu überreden, sie nach dem Orient zu begleiten. Leontine wollte einen Harem und eine Moschee sehen und willigte also trotz Geierspergs unabweislichen Gründen ein.

Seit Italien schien eine innere Unruhe, ein Gedränge vielfach verschlungener und dort empfangener Eindrücke ihre Launen noch wechselnder, ihre Gefühle noch unruhiger zu machen. Nur ein einziger Goldfaden zog sich durch das seltsame bunte Gewebe ihrer Gedanken, Phantasien und Empfindungen hin: der Wunsch, Jean Carlo aufzufinden und ihm die ungeheuern Geldmittel zur Erleichterung seines Zweckes zufliessen zu lassen, die er scheidend ihr zugeworfen. Sie wusste nicht recht, was mit dem Gelde anzufangen; eine Art Toilettenluxus abgerechnet, an den sie von kleinauf gewöhnt war, hatte sie wenig Bedürfnisse, wenig Wünsche; es fehlte ihr gänzlich an eigentlicher Liebe zum Besitz, weil sie ihr ganzes Dasein aus dem eigenen inneren herausspann.

Jean Carlo in Griechenland zu finden, schien Leontinen nicht unwahrscheinlich; dort konnte es ihr gelingen, noch einmal seinem so vielfach geknickten Leben erneute Hoffnungen und