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dem blauen Himmelsocean, sie sind der Heimat gewohnt und werden sich nicht verfliegen.

Ach, sagte Anna, war es das? O Kinder! ich weiss es längst, dass ich euch nun dem Leben, der Welt und ihrem Wirbel überlassen muss, und werde es. Ihr werdet nicht einmal die bangen Schläge meines Herzens hören. Nein, nein, mein Egon! n i e soll die Mutterliebe euch eine Fessel werden!

Er küsste ihr die Hand. Es entstand eine kleine Pause. Anna war in's Sinnen geraten und in stilles Hinbrüten versunken.

Am meisten nach dir danken wir dem Präsidenten Gottard, fuhr Egon fort. Hast du lange nichts von ihm gehört?

Seit fast zwei Jahren nicht, antwortete sie gepresst; seine Geschäfte machen ihm das Briefschreiben schwer. Du weisst, dass er jetzt die Interessen der ganzen Provinz zu vertreten hat

Freilich, erwiderte Egon fast obenhin. Er sah den Geisterzug nicht, den er in der Mutter nachzitternder Seele erweckt. Aber möchtest du ihn nicht einmal wiedersehen?

Plötzlich überflutete eine himmlische Jugend die schöne Frau. Trotz ihrer vierundreissig Jahre ward sie schöner, als je; es lag eine so edle Verklärung der Seele in ihrer ganzen Erscheinung. Ich würde mich unendlich freuen, ihn zu sehen, sagte sie; aber schwerlich werden uns die auseinanderliegenden Wege sobald zusammenführen.

Und wenn er nun einmal ganz unerwartet käme, Mutter?

Anna vermochte nicht zu antworten.

Musst du uns doch nun unsern eigenen Zug nehmen lassen, du arme! Kannst uns nicht anders, als mit dem Herzen begleiten, dessen Flügel uns so oft Mut und Kraft zugefächelt habener legte ihre Hand auf seine Augen und den Kopf auf die Lehne der Gartenbank.

Aha! sagte der rückkehrende Joseph, hast du Cato den Text gelesen, Mutter? Will er wieder einmal die Welt verbessern und allweise sein, trotz unserm Herrgott? Tröste dich, liebste Mama! hast du doch noch mich hoffnungsvolles Schlingelpflänzchen, um dich und ihn vor seiner Moral zu retten und vor seinem vielen besten Rat! Ich habe nur den e i n e n , und er ist zu gleicher Zeit mein höchster Wunsch: sei recht glücklich, Mutter! so glücklich, als noch gar kein Mensch auf Erden geworden; denn auf Ehre! sagen wir Offiziere: noch Niemand hat es mehr verdient!

Im Gehen hatte Egon ihren Arm in den seinen gelegt; die jungen Leute führten sie unmerklich aus dem Park über den daran stossenden Platz, dem Hotel zu, das Alle auf ein paar Tage bewohnten. Als sie an die tür ihres gemeinschaftlichen Salons traten, fanden sie Duguet und August vor derselben.

Ist dein Herr zu haus? fragte Anna den letzteren.

Seit dem tod des Herzogs von Reichstadt hatte sich St. Luce wieder eingefunden. Er war entschlossen, sie nie wieder zu verlassen, immer in ihrer Nähe seinen Wohnsitz aufzuschlagen.

Es fiel Annen auf, dass der alte Diener nicht sogleich antwortete; als sie ihn und Duguet genauer ansah, bemerkte sie in beider Zügen den Ausdruck einer tiefen, gewaltsam zurückgehaltenen Rührung. arme Freunde! sagte sie, ach! ihr seid nicht die Einzigen, die hier Sophiens schmerzlich gedacht! – Sie reichte ihnen die Hand, die jene ehrfurchtsvoll an ihre Lippen drückten. Keiner erwiderte ein Wort.

An der tür liess Egon, der sie geführt, ihren Arm los. Ich will die Tante Leontine holen! Plötzlich aber kehrte er um und fiel der Mutter um den Hals: Mutter! Mutter! Dein Glück ist der innigste Wunsch deiner Kinder! Er war verschwunden. Auch Joseph hatte unter heftigen Küssen sie losgelassen; sie stand verwundert und allein auf der Schwelle des Saales.

Am Fenster, den rücken ihr zugewandt, gewahrte sie einen stattlichen Fremden. Bei dem Geräusch ihres Eintritts kehrte er sich um; es warGottard.

Tief bewegt ihr die Hand entgegenhaltend, schritt er auf sie zu. Verzeihung, teuerste Anna! rief er mit dem vollen Klange, den nur die Freude dieser weichen, sonoren stimme, die sonst gedämpft ertönte, zu verleihen pflegte. Ach! mit dem ersten laut rief er das ganze vergangene Leben ihr wach, es umgab sie wie eine überreiche Gegenwart. Anna! wir Alle sind im Complott gegen Sie gewesen! Geiersperg, St. Luce und Ihre Söhne, Alle haben sich auf meine Seite geschlagen: denn ich konnte ohne Sie, teuerste Freundin, das Dasein nicht länger ertragen, ich musste Sie wiedersehen! Ich musste!

Trunken von Glück, keines Ausdrucks mächtig, liess sie sich von ihm zum Sopha geleiten. Erst jetzt sah sie ihn wirklich, bis dahin hatte eine Art Nebel auf ihrem Auge, ein Schwindel von Seligkeit sie verhindert, ihn deutlich zu sehen. Aber als er nun fortsprach, gewann sie Zeit und blickte auf. Gottard war in den vier, fünf Jahren bedeutend gealtert, die ungeheure Geistesarbeit, die rastlose Tätigkeit seines Berufs hatten Spuren hinterlassen, aber sie hatten sein Aeusseres gereift, ohne es irgend zu schwächen; er war noch immer schön.

Es lag ein solcher Ausdruck von Güte in seinen harmonischen Zügen, eine solche Zusicherung des Schutzes, der hülfe, des Trostes in dem tiefen Ernste desselben, in seinem ganzen Auftreten; auch ohne ihn zu lieben, würde man ihm eine Welt aufgebürdet und anvertraut haben, so ruhig, sein selbst bewusst, so in sich selbst concentrirt stand er da: ein Bild der höchsten Milde, wie der ausgearbeitetsten Kraft