gerade nur das Flüchtige schön erschien, dass ich von ihm eine ewige neue Rückkehr hoffte und deshalb die Fesseln, mit denen ihr Alle es verletzt und verkrüppelt euch bewahrt, nicht ertragen konnte, liegt in meiner natur. Ich habe ihn – Jean Carlo meine ich – nicht geliebt in euerm Sinne; aber dass ich ihn wie die Anderen verlor, ist grauenhaft, entsetzlich!
Was mag seitdem Alles durch ihre Seele gezogen sein, dachte Anna.
Und doch, erwiderte Leontine, als habe sie ihr den Gedanken von der Stirn gelesen, und doch habe ich Otto nie vergessen!
Da sind sie! rief eine kräftige jugendliche stimme. Es glänzte etwas wie eine Uniform im Gebüsch, und zwei sehr schöne junge Männer flogen auf die Frauen zu. Wie haben wir euch gesucht!
Egon! Joseph! rief die glückliche Mutter, mit innerem, stolzem jubel die Beiden betrachtend. Siehst du, Leontine, sind das noch Knaben?
Egon küsste der Tante die hände und sah sie mit so durchdringendem, glühendem blick an, dass sie lachend den ihren niederschlug. Aber Anna hatte Recht, Egon war beinahe ein Mann zu nennen, obschon er noch an der Grenze seiner achtzehn Jahre stand. Das kastanienbraune Haar, das in leichter Krausse unter dem Studentenmützchen hervorquoll, das etwas hellere Schnurrbärtchen, der schwarze Sammtrock bezeichneten den deutschen Jüngling; die ungewöhnlich frühe Ausbildung seiner Züge und seiner ganzen Gestalt hätten ihn jedoch leicht für einen Engländer oder Iren gelten lassen.
Joseph war Cadet; er hatte alle Schalkheit, allen Mutwillen seiner Tante Leontine geerbt, er sah aus wie der Page im Figaro, nachdem er eben Offizier geworden, und suchte, wie dieser, dem ganzen weiblichen Geschlechte, seine Mutter und Tante mit einbegriffen, den Hof zu machen.
In der einen Stunde seiner Anwesenheit in Weimar hatte er nicht nur alle Stellen aufgefunden, an denen Anna's Erinnerungen hafteten, er hatte bereits auch alle staates-, Gesellschafts- und insbesondere alle Militärinteressen erkundet und mit in die seinen aufgenommen. Von Euerm alten Waldau'schen haus ist keine Spur mehr, versicherte er die Frauen. Tante Leontinens Gärtchen ist auch verschwunden; Weimar ist eine schöne freundliche Mittelstadt Deutschlands geworden und sieht nicht mehr aus wie eine geniale, nicht gut aufgeräumte Gelehrtenwirtschaft.
Während Anna Egon über die ihr fast schmerzlichen kleinen Veränderungen befragte, flüsterte Joseph der schönen Tante eine Menge Geheimnisse zu. Leontine war ganz heiter geworden und sah nun zehn Jahre jünger aus, als vorhin.
Und seid ihr allein gekommen? fragte sie endlich.
Bewahre! Wir haben deinen Lord Frederic, den du eine Lady nennst, höchst eigenhändig aus dem Wagen gehoben, nachdem wir sie und ihren Neger von Dresden her escortirt. Ihre Lordschaft haben aber drei Nachtfahrten gemacht und studiren pour se délasser eben die türkische Grammatik und den Koran; sie wollten uns also nicht herbegleiten und rechnen auf deine und der Mutter baldige Rückkehr.
Und du kannst mich hinführen, sagte Leontine.
Stolz bot ihr der Cadet den Arm und grüsste mit der Linken im Abgehen die Zurückbleibenden.
Das Paar sah allerliebst aus; obschon sie dem Alter nach seine Mutter sein konnte, erschien Leontine neben ihm wie eine ältere Schwester.
Egon sah ihr mit leuchtenden Blicken nach. Ist sie nicht immer noch wunderbar schön? fragte er. Er seufzte leise; Anna aber lächelte freundlich. Man nennt in Frankreich das erste graue Haar einer jungen Frau le cheveu historique; obgleich fast unhörbar leise, schien der Mutter dieser erste Seufzer des Sohnes eine ganze idyllische geschichte voll lauter Frühlingsempfindungen zu entalten – le soupir historique, dachte sie. Und als müsse das höchste Erdenglück vom Himmel herab auf den ersten Wunsch dem Sohne zu Füssen fallen, sah sie dankbar auf in die wolkenlose Bläue.
Wie weh den Frauen selbst das Leben getan haben mag, wenn sie für ihre Kinder hoffen, liegt immer etwas Primitives in ihrem Gefühl; die Narben der Erfahrung sind plötzlich alle in ihnen ausgelöscht und sie glauben der Zukunft unbedingt, als wären auch sie – sechszehn Jahr.
Mutter, sagte Egon, indem er neben ihr sich auf die Bank setzte, ich möchte mit dir reden; aber nicht wie ein Knabe, nicht wie ein Jüngling, wie ein werdender Mann zu einer Frau, die schon Alles geworden, nur das E i n e nicht, was sie vor Allem hätte werden sollen – glücklich!
Anna erschrak; sie erwartete irgend ein geständnis.
Seit vier Jahren, fuhr er fort, hast du, teure Mutter, nur für uns, ausschliessend für Joseph und mich, gelebt, A l l e s danken wir dir!
Du vergisst Geiersperg, sagte Anna weich.
O nein! der Onkel hat getan, was er vermochte, um uns die Leitung des Vaters zu ersetzen; aber glaubst du wohl, sie würde ihm bei ein paar Trotzköpfen, wie die unsern, gelungen sein, wenn er die Zügel nicht gar oft in deine liebe Hand gegeben hätte?
Wo willst du eigentlich hinaus? fragte Anna heiter; immer noch erwartete sie irgend ein Bekenntniss.
Ich wollte dir sagen, liebe Mama, dass wir flügge gewordene, aus dem Nest gefallene Vögel sind, die nächstens ihren Flug in's Weite versuchen werden. Ich bin achtzehn Jahr und Student, Joseph in seinem bunten Rocke siebzehn – er errötete wie ein junges Mädchen. – Mutter! Freundin! nun lass deine wilden Buben ziehen, es ist unmöglich, sie länger festzuhalten. – Uebergib sie nur ganz sorglos