. Es waren zwei ungewöhnlich edle, anziehende Erscheinungen, sie schienen Beide kaum das dreissigste Jahr überschritten zu haben; ihr Leben stand im Zenit, wie die Mittagssonne über ihren Häuptern.
Der glühende Zauber dieser Stunde, die der Mitternacht gleich die Gespenster aus ihren Gräbern löst und sie über die schweraufatmende Erde hin wandeln lässt, mochte auch die Frauenzimmer erfasst haben, denn auch sie riefen die Geister ihrer Vergangenheit wach und liessen sie dem zu Boden gesenkten Blicke vorüberziehen.
Einen Moment lang zwang die drückende Schwüle die Jüngere, den Hut abzunehmen; sie zeigte ein wunderliebliches Gesicht im frischesten, durchsichtigsten Colorit, von hellblonden Locken umwoben, die wie goldene Staubfäden im Luftzuge spielten, einer exotischen Blüte gleichend.
Ich bin davon wie von meinem eigenen Dasein überzeugt, sagte sie.
Und du hast nie wieder von ihm gehört, und nie auch in Italien und Sicilien eine Spur von ihm gefunden!
Nein, weder da, noch in Malta, noch in Griechenland, wo ich nicht minder sorgsam ihn gesucht. Und doch bin ich überzeugt, dass er lebt! Er wollte verschwunden sein und blieb es. Glaube mir, er hat das bessere teil erwählt. Seine ewig nach Freiheit und Bewegung, ja nach Kampf dürstende Seele konnte den faden Zuckerwasserzustand unserer Alltäglichkeit nicht ertragen. Die Plänkeleien unserer Ehestandstruppen waren glücklicherweise noch blosse Vorpostengefechte geblieben, als die Nachrichten aller der Nationalaufstände uns erreichten. Die Volksunruhen zogen ihn nach Belgien; er gab vor, einen Bekannten in Aachen besuchen zu wollen, und reiste ab. – Mir ahnte ein langer Abschied. Als alle diese friedlichen Volkssiege wie reife Erntegarben sich übereinander legten, duldete es ihn nicht mehr in unserem legitimen Norden; die Julirevolution hat er, bei Gott, so wenig verschmerzt, wie ein junges Mädchen den ersten Ball, den man ihm versagt.
Du bist bitter, Leontine!
Ach! wir haben entsetzlich gelitten, ehe es so weit kam, ehe wir uns gestanden, dass die Trennung unvermeidlich und unser Leben ein lang ausgesponnenes Elend sei. Und doch habe ich ihn unsäglich vermisst, denn wer kann das Ungewöhnliche, das Erregende entbehren, wenn er es erst gekannt! – O, glaube mir, das Menschenherz hat etwas Tigerartiges in seiner natur, wenn es einmal vom Blut der leidenschaft getrunken, wird es wild und lechzt darnach, wie jener nach seiner Beute.
Anna seufzte. Auch ihr waren die Tage entblättert, sie standen kahl und frostig vor ihr und der Lebenssturm hatte oft mit ihren Erinnerungen gespielt und sie beängstigend umhergejagt, wie der Herbstwind die abgefallenen Blätter.
Leontine schwieg und sah lange vor sich nieder; als sie die Augen aufschlug, blitzten zwei glühende Tränen darin auf.
Und jetzt? sagte endlich Anna.
Jetzt? – jetzt lass mich dann an das falsche Todeszeugniss glauben, weil er es will. – Als ich noch für ein Mädchen galt unter euch, war ich längst eine Frau; jetzt lass sie eine Witwe mich nennen und mich wie damals heimlich ihm vermählt bleiben. – Ach, das ist das Wenigste, was ich tun kann!
Lass mich, fuhr sie noch wehmütiger fort, nun auch Italien vergessen, das ich um ihn, durch ihn, ach, nie m i t ihm gekannt! Lass den Göttertraum der Jugend der Poesie, den Fanatismus, den ich in ihm geträumt und der mir in seinem vaterland wahr geworden, nun auch zu Ende sein, und lass mich nicht weiter erzählen!
Ein ganzes Jahr habe ich ihn auf meiner Villa erwartet, immer sein harrend, in Rom, Florenz und Wien gelebt, ja, Anna, g e l e b t ! mit vollem Bewusstsein des Lebens, das ich immer umsonst bei euch gesucht und entbehrt, mich freudig eingetaucht in den Ocean des Schönen, wie sich die Sonne golden in die goldne Tiber taucht! – Ein Jahr hindurch habe ich wie ein Kind geschwelgt im Genuss, laut gelacht, wenn ich froh war, geweint und geschrien, wenn mir wehe geschah. All das künstliche Eis der Sitten, Etiquette und Gewöhnung habe ich schmelzen lassen in mir, an der Glut des Augenblicks, der mich auf seine leichten Flügel nahm und über all eure Quälereien hinwegtrug; – und nun ist's vorbei! – Sie sagen mir Alle, dass ich noch jung, noch schön bin und frei und reich dastehe in der Welt. Nun, es werden ja vielleicht auch andre Sonnenstrahlen mein Herz erwärmen! Glücklich, wie ich's gewesen, möchte ich gar nicht wieder sein. Kehrte d a s wieder einen Augenblick, nur e i n e n , so müsste es ewig dauern, oder er würde zur Hölle! Sie schwieg.
Nach einer langen Pause fuhr sie fort: Wer nur innerlich noch recht viel erwarten könnte!
Sie lehnte den Kopf zurück und summte mit halber stimme ein venetianisches Gondelierlied vor sich hin. Allmälig geriet sie in das so oft von Jean Carlo gesungene Nenna sta grazia a toja. Sieh, sagte sie lächelnd, wie die Melodie sich mir wieder einschleicht! – Ach, Alles in der Welt ist treuer, als das menschliche Herz!
Anna fasste ihre beiden hände und drückte sie an ihre Brust. Leontine, verliere dich nicht! sagte sie weich; deine eigene bewegte Brust lässt dich das ohnehin stets Wandelnde, Wechselnde bodenlos glauben – das Leben hat auch bleibende Tiefen, die den ewigen Himmel zurückstrahlen.
Lass das, erwiderte Leontine, ich klage ja nicht! Dass m i r