1845_Schopenhauer_142_101.txt

gewiss, er musste unten sein, sie hatte wohl im Schlaf das Rollen des Wagens überhört, aberda war nichts als Dunkel, und Herbstwinde sausten über die Baumwipfel und krachten, und schüttelten an Tür und Laden. Die Nacht schaute mit tausend schwarzen Augen durch die geöffneten Fenster in das schwach erhellte Zimmer, in dem sie schlafend und wachend immerfort wartete auf ihn.

Es hatten schon viele Studenten angefragt, ob der Professor nichts habe hören lassen; die Collegia waren angeschlagen, die andern Vorlesungen begonnen. Manchmal war ihr, als rückten all die fernen Berge ganz eng zusammen, als würfen sie alle ihre rollenden, stürzenden Bergwasser, all ihre Lavinen und ihre Stürme ihr auf's Herz, als wanke der Fels unter ihrem Fuss, ja als könne ihr armer Kopf wohl ganz irre werden, wenn ihr der e i n e Gedanke einfalle, den sie noch nicht dachte, nur ahnte, und den sie immer fortschob mit Gewalt, wenn er ihr näher treten wollte. Und nah lag er ihr, das fühlte sie wohl, entsetzlich nahe!

Nicht einmal beten konnte sie mehr, die Angst verwirrte sie und zerstreute sie; sie faltete dem kleinen Mädchen die noch willen- und bewusstlos herumgreifenden Händchen und blickte gegen Himmel. Es war eben so gut wie ein Gebet.

Endlich hatte sie beschlossen, ihm nachzureisen; denn sonst sterbe ich, sagte sie traurig vor sich hin, wenn ich nicht weiss von ihm, und das ist doch das Allerschlimmste. Sie rüstete sich, packte ein; es war nun Abend; der Herbstsonnenschein lag rot und brennend auf der altergrauen Stadt, sie sah ganz jung und rosig davon aus, das machte Vrenely Mut. Sie setzte sich mit dem kind auf das schon fertig gepackte Köfferchen und blickte über die Wiege weg in den wieder Tag und Leben verheissenden Strahlda umfassten sie plötzlich von hinten zwei kräftige arme und drückten sie an ein warmes, treues Herz. Gott im Himmel! er war's und hatte sie überschlichen. Bleich, verkümmert, mager war er. Sie fragte nichts, schalt nicht, warf ihm nichts vor; sie zog ihn an den Tisch auf's Sopha, dass er bequem ausruhe, dann lief sie, Alles herbeizuholen, was den Ermüdeten erquicken konnte. Die letzten Stunden hatte er zu Fuss gemacht, um auf Richtwegen früher anzukommen. Bei jedem, was sie brachte, fiel sie ihm um den Hals, drückte ihn an's Herz und eilte, noch mehr zu bringen. Zuletzt rückte sie ihm die Wiege noch bequem zurecht, dass er die Kleine immer sehen könne, und setzte sich still zu seinen Füssen auf einen Schemel. Er nahm das schlafende Kind und küsste es wach. Du siehst aus, wie der heilige Joseph! sagte sie lachend; all' ihre Munterkeit war erwacht.

Erst als er lange geruht, gegessen, getrunken hatte, legte sie ihr Köpfchen auf seine Schulter, sah ihn mit den glänzenden schwarzen Augen innig zärtlich an und sagte: Du hast wohl viel gelitten? über sich sagte sie gar nichts.

Otto spielte mit ihren langen Flechten und erzählte. Sie schreckte zurück auf dem Schemel, faltete entsetzt die hände; so halb zurückgelehnt, starrte sie ihn an und lauschte ihm jedes Wort von den Lippen. Gott, das war's! ächzte sie und ihre Tränen liessen ihr kein Wort weiter.

Als er geendet, weinte sie noch laut. Und ich, ich, die dich anklagte, deines Schweigens wegen, o vergib mir! vergib mir! Zärtlich küsste sie seine Hand, er aber zog sie an's Herz.

Diese Anna ist ein grossartiges Weib, sagte Vrenely, ihre Augen trocknend; viel besser, als ich. Wie sehr begreife ich, dass du sie so liebst! Gott weiss, ich habe mein Kind lieb da in seiner Wiege; aber d i r um des Kindes willen entsagen, d a s könnte ich nicht. Leontine hat sie oft dem Pelikan verglichen, der mit dem Herzblut seine Jungen letzt; nun gibt sie den Söhnen unendlich mehr, als so ein bischen Blut, denn das arme Herz schlägt fort in ihrer Brust ohne alles Glück. Und Er! o es ist ungeheuer!

Sie versank in ernstes Sinnen. Aber sage mir, fragte sie wieder, ist's unvermeidlich? Gottard hat ja den Anfang der Erziehung der Knaben

Unter diesen Umständen, in dieser Stellung, mit diesen von allen Seiten drohenden Anklagen

Ach! sagte Vrenely, es mag sein, dass sie m u ss ; aber all diese hellen, klaren Lebenshöhen sind doch entsetzlich!

Nicht für Anna, liebe Vrenely! Sie barg ihr Haupt an seine Brust.

1832

Von einem der stillsten Laubgänge des weimarischen Parkes aus, da wo man die träumerische Ilm zögernd an den beblümten Wiesen vorüberschleichen sieht, wo ihre sonderbar leisen, schweren Wellen einem flüssig gewordenen Plasma oder Jaspis gleichen und durch geheimnissreiche Tiefe unwiderstehlich lockend das Auge nach sich ziehen, blickten eben so träumerisch, wie das wasser und die es umfriedenden Erlen, zwei schöne noch junge Frauen in das anmutige Sommergrün und in die Winterstille verklungener Freuden. Mit bebenden Lippen hoben sie den Schleier von all den glücklichen und traurigen Ereignissen der letzten Jahre, die sie getrennt, in verschiedenen Ländern und Umgebungen zugebracht. Die Freundinnen hatten sich hier in der Vaterstadt der Eltern ein Rendezvous gegeben, denn die Jüngere und Zartere von Beiden gedachte eine weite Reise anzutreten