1845_Schopenhauer_142_100.txt

die Haustür zu öffnen?

Maus, sagte Anna und lachte. Ein gar närrischer Name für einen Hund. Der Vater hatte ihn lieb, es war ein alter steifer Spitz.

Ich sehe' ihn noch! Und wie die Mutter böse wurde, wenn ich ihn Sonntags herausliess

Ja, er lief mit bis zur Kirche. Ach, Otto! es ist, glaube ich, in der Welt nirgend mehr solch ein Sonntag!

Und Beide entwarfen sich das Bild eines Sonntags der kleinen Stadt, wie ihn nur die Jugend kennt, mit all seiner Poesie und all seinen Einschränkungen, seinen Freuden und seinem Sonnenglanz, den die enge Bürgerhaushaltung widerstrahltnichts hatten sie vergessen.

Siehst du, Otto! fuhr sie fort, wäre ich in der engen, grauen Strasse geblieben, vielleicht wäre ich glücklich und frei, aber so! –

Freilich, nun bist du eine Gräfin. Aber was schadet das?

Ich bin eine arme, in einen andern Boden versetzte Pflanze, sagte sie träumerisch-wach, die im Heimatsgrunde nicht zur Blüte kam. Ich habe nicht fest anwurzeln können in der fremden Erde, so kunstvoll sie des Gärtners Hand um mich her gelockert und gehäuft. Ich habe mich immer gefürchtet vor meinen eigenen Verhältnissen, ich habe mich fremd gewusst, nicht gefühlt unter allen diesen Fürsten und Grafen, deren Wesen mir nie imponirte, deren Interessen mir oft eben so flach und erbärmlich vorkamen, wie die meiner ersten Umgebung. In meinem Vaterhause hatte mich die oft rohe Hand der Armut, der Kleinlichkeit, der beklemmenden Sorgen kleinbürgerlicher Verhältnisse eingeängstet bis zum Hinüberflüchten in die mir neue, fernliegende grosse Welt; aber die in stille Winkel verkrochene, unter grauer Altertümlichkeit fortblühende Poesie jener Lebensmorgendämmerung liess meine Seele nicht los. Unablässig zog sie mir nach, rief mir das Herz zurück zu sich, dass es mir hätte zerspringen mögen in der Brust. Mein ganzes Leben hindurch hat mir eine goldene, helle Mittelstrasse des Geistes geahnt, eine freie Entwicklung höchster, ungekränkter Menschlichkeit. Als junges Mädchen, als Frau sogar, habe ich sie bald hier, bald dort geträumt; jetzt träumen sie Millionen mit mir, die sie, leider! eben so wenig finden werden wie ich, obschon Alle sie suchen.

Otto drückte die liebe Hand, die er noch in der seinen hielt. So viel, so offen hatte Anna n i e über sich gesprochen.

Das waren meine Träume, Otto! fuhr sie fort, das war meine Vergangenheit. Nun hat mich das Leben plötzlich von beiden abgeschnitten und mich in eine grelle, helle Gegenwart geschleudert; Kronberg ist t o d t , die Gräfin Kronberg steht nun an s e i n e r Stelle. Sie ist ihren beiden Söhnen einen makellosen Ruf und die Möglichkeit, sie unbegrenzt zu lieben, schuldig. Der Vater schläft den langen Todesschlaf, die Mutter muss für ihre Kinder wachen. – O, glaube mir, Otto! sie sollen sich menschlichschön und frei entwickeln, jeden Vorzug ihres Geschicks und jede Gunst des Zufalls geniessen, aber keine einzige der meistens diese Gunst, diese Vorzüge begleitenden, oft sie bedingenden Fesseln soll mir die frischen, schönen Knabenseelen drücken oder beengen. Sie sollen keine Schwächlinge, keine Charakter- oder Geisteskrüppel werden. Weder Viatti, noch Geiersperg sollen jemals einen entschiedenen Einfluss auf deren Lebensrichtung erhalten. – Es ist hart, denn jetzt kann und darf ich mein Geschick nicht an das meines Freundes schliessen.

Anna! schrie Otto auf, ist das dein Ernst, wagst du schon jetzt dich zu entscheiden?

Und warum nicht jetzt? Heute, morgen, über's Jahr, ist das ein Anderes? E r wird auch jetzt mich verstehen. Otto, wer im Augenblicke des Zweikampfs den Mut hatte, mit dem Mörder des Geliebten fortleben zu wollen, um der Kinder willen, hat auch den, eine Trennung zu tragen, die nur eine äussere ist, nie eine innere werden kann!

Otto seufzte schwer. Du bist so jung und das Leben ist so entsetzlich lang!

Sie aber schüttelte den schönen Kopf und legte die Hand auf ihr bang schlagendes Herz. Und doch, traue mir!

Vom Nebenzimmer herüber tönte Leontinens leise stimme, sie sang ein Lied, das Otto liebte. Einen Augenblick horchte er wehmütig ihren Tönen, dann ging er hinein, auf lange Abschied von ihr zu nehmen.

Lied.

O nur kein Wort, kaum ein Gedanke!

Es spielt im Rosenkelch die Luft,

Es träumt der Schmetterling im Duft,

Der Abendhauch im matten Glanze;

Es winkt verschwiegen dir die Ranke,

Lockt in den Zauber dich hinein

O nur kein Wort, kaum ein Gedanke! –

Da bricht ein Strahl die Wunderstille!

Wie all-lebendig Wald und Welt!

Nun spricht dein Herz, nun ruft das Feld;

Es schwirrt und summt um jede Pflanze;

Der Glutmoment warf ab die Hülle,

Aufblitzt der grelle Sonnenschein! –

Wo blieben Zauber, Traum und Stille?

In Basel waren die Ferien zu Ende. Vrenely hatte zehn Mal die Nachbarn getäuscht mit der Versicherung: es gehe ihrem mann gar wohl, er sei auf dem Rückwege. Aber nun ward ihr das Herz allzuschwer, so schwer, als zöge es sie unter die Erde.

Hatte sie den lauten Tag zur Ruhe gebracht, so kam die Nacht mit ihren noch lautern Träumen, das Elend schrie sie gewaltsam wachund dann war er nicht da. Sie lief an's Fenster, riss es auf,