1845_Schopenhauer_142_10.txt

! Sie legte die hände auf ihr Herz und wurde still.

Aber der junge Mensch soll verwundet sein, meint St. Luce.

Verwundet? Wollen sie sagen, tot? – Duguet, Duguet! rief sie, mit einem Mal wieder auf ihren Mann sich besinnend.

Waldau öffnete eben die tür, hinter ihm trat Duguet ein. Josephine hielt ihrem Gemahl den Brief entgegen; sie wusste, dass er keiner Unbesonnenheit fähig sei. Sophie sprang auf Duguet zu, sie wollte ihm um den Hals fallen, aber ihre Knie brachen zusammen, sie fiel ihm zu Füssen und brachte nur die Worte hervor: O jetzt, jetzt wirst du mir verzeihen!

Bis zu diesem Augenblicke hatte der wütende hoffnungslose Schmerz zu harpyenartig an ihr Herz sich angekrallt, sie hatte nie begreifen können, dass sie auch an Duguet ein grosses Unrecht getan, indem sie ihn und sein Kind verlassen.

Ja, sagte Josephine zu Waldau, Schiller hat recht: ein glücklicher Mensch ist ein Heiliger!

Unterdessen hatte Waldau gelesen. Der junge Mann scheint mir sehr flüchtig, sagte er halblaut; ich fürchte, Josephine, du hast dich übereilt. Es ist so vieles unklar in dem Briefe.

Duguet hatte seine Frau aufgehoben und auf einen der tür nahen Stuhl niedergesetzt. Nun überschüttete er sie mit tausend fragen, dazwischen bat er seine herrschaft einmal um das andere um Verzeihung, Sophiens, nach seiner Ansicht, ganz unerklärlichen Betragens wegen, indem er, bald zu Waldau, bald zu Josephinen gewendet, sein unaufhörliches: Aber was ist ihr? wiederholte.

Sophie schluchzte nur: Mein Sohn, mein Sohn! und war durchaus keines andern Gedankens fähig.

Es war ein Glück, dass in eben diesem Augenblick St. Luce's Wagen vorfuhr. Die menschliche natur erträgt solche Spannung nicht lange. Mit Blitzeseile war der kranke Waldau, hinter den mit einander beschäftigten Gatten weg, an der Haustüre, vor welcher eine Extrapost hielt.

Oberst St. Luce hatte einen schönen schwarzäugigen, todtblassen Soldaten neben sich, die Bedienten halfen denselben herausheben und führten ihn langsam ins Haus. Der junge Mann ging sehr gekrümmt; es schien, als habe eine Kugel die inneren, edleren Teile verletzt, vielleicht die Lunge berührt.

St. Luce begrüsste die nun auch herbeigeeilte Josephine und sagte, indem er ihre Hand an seine Lippen zog: Ich habe gewollt, dass Sie selbst es ihm aussprechen, denn das Glück wird am besten durch einen Schutzengel den Menschen verkündigt.

Aber die Wunden werden am besten durch eine Soeur grise behandelt! lächelte sie ihm freundlich zu.

Beides, weil Sie beides sind, gnädige Frau.

Waldau hatte den Arm des jungen Kranken ergriffen. Fühlen Sie sich stark genug, eine heftige Erschütterung zu ertragen? fragte er sehr sanft.

Der Soldat sah ihn verwundert an. Ist der Kaiser hier? fragte er in zitternd jubelnder Hast.

Eben so schön, nein, noch viel schöner ist die Freude, die Sie erwartet, sagte Josephine. Haben Sie niemals etwas Anderes sich gewünscht?

Sie müssen weit zurückschauen, in ihre früheste Vergangenheit, setzte Waldau hinzu.

Gott! meine Mutter! rief ausser sich der Kranke. O, Madame, Madame, Sie sind zu jung, um es selbst zu sein; aber, um Gottes willen, wenn Sie etwas von ihr wissen, o geschwind! geschwind! lassen Sie mich bei ihr sterben, da ich nicht bei ihr leben durfte!

Er schwankte. Waldau hielt ihn mit Mühe. Bitte, bitte, fuhr er fort, vor Josephine wie zum Gebet die hände faltend.

Ei, junger Freund, drohte freundlich St. Luce, haben Sie denn nur dem Feinde gegenüber Courage? Haben Sie doch jetzt den Mut, für Ihre Mutter zu leben!

Aber des Sohnes Herz war nun mit Gewalt erweckt und vermochte die Ueberfülle eines geahneten Glücks nicht länger schweigend zu tragen. Mutter! Meine Mutter! rief er laut aufschreiend.

Und die Mutter hörte und erkannte beim ersten laut die stimme ihres Kindes. Mein Sohn, mein Sohn! klang es von drinnen, und im Augenblick lag sie an seiner Brust. Sie fragte nichts, untersuchte nichts, der Ton hatte wie ein Zauber gewirkt und sie herbeigezogen. Bewusstlos war sie ihm gefolgt, die Erschlaffung war verschwunden; sie hatte mit einem Male Kraft, Riesenkraft; aber ach, wie sie das Haupt hob, um nun auch die geliebten Züge zu sehen, fühlte sie die leblose Schwere des seinen auf ihrer Schulter. Der junge Krieger war ohnmächtig geworden.

Die Umstehenden versuchten, ihn aufrecht zu erhalten, das Zimmer war noch nicht erreicht, kein Stuhl auf dem Hausflur; sie vermochten die Last des hochgewachsenen, starken Jünglings nicht zu tragen und mussten ihn langsam auf den Boden sinken lassen; die Mutter aber hielt ihn fest und legte geschickt seinen Kopf auf ihren Schoos, indem sie neben ihm kniete. Es gibt kein schmeichelndes Liebeswort, mit dem sie ihn nicht nannte; sie riss ihm die Uniform auf, um ihm Luft zu verschaffen, und fand das Fünfsous-Stück, das sie lachend und weinend zugleich an die Lippen drückte.

Immer lag er ihr noch nicht sanft, nicht bequem genug; bald küsste sie seine Haare, bald seine hände oder flüsterte ihm in's Ohr, und hauchte ihn an, als wolle sie ihr Leben ausströmen in seine Brust, es ihm zu geben. – Duguet war ihr gefolgt, allmälig schien auch er zu begreifen; er sprang auf