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Adele Schopenhauer

Anna

Ein Roman aus der nächsten Vergangenheit

Erster teil

Meiner Freundin

Ottilie von Goete

geb. Freiin von Pogwisch

gewidmet.

Vorrede

Indem ich diese Blätter dem Publikum übergebe, erlaube ich mir die Bitte, sie nicht für eine auf wirkliche Ereignisse basirte Erzählung anzusehen. Stadt, Strasse, Umgebung und das nicht mehr vorhandene Haus, in welchem ich selbst meine frühste Kindheit verlebte, Sitten und Ansichten, die man damals in vielen Türingischen Familien wiederfand, sind dem Erlebten entlehnt; ich wählte diesen Hintergrund, um meinen Schilderungen eine grössere Wahrheit zu sichern; aber leider habe ich weder eine Familie von Waldau noch einen Bürgermeister Müller mit den Seinen in dieser Umgebung gefunden. Nur Sophie und Duguet sind, wie ich gern eingestehe, naturgetreue Portraits, auf denen ich sorglich geweilt, die ich zu meiner eigenen Freude in dankbarer Erinnerung ausgeführt; mögen sie im Bilde dieselbe wohlwollende Beurteilung finden, die diesen trefflichen Menschen im Leben Keiner versagte, der sie kannte.

Wo aber ein bloss zufälliges Zusammentreffen Aehnlichkeiten durch die sich vervielfältigenden Wiederholungen gleicher Zustände hervorruft, möge man mich nicht zur Portraitmalerin stempeln, ich verwahre mich dagegen: denn ich fühle, dass ich auch nicht die mindeste Anlage dazu habe und nur eine so bestimmt und scharf sich abzeichnende Persönlichkeit wie die unserer alten Diener mich zu einer Charakteristik wirklich gekannter und mir werter Menschen verlockt hat.

Das Allgemeine gewährt so vielfachen, so reichen Stoff, dass mir das Umbilden zur Einzelnheit zu angenehm und zu leicht scheint, um es gern mit einer Copie täglicher Begegnungen zu vertauschen.

1806

Draussen wütete der Krieg mit seinem grässlichen Gefolge: Brand und Plünderung; in den Häusern, in denen die beängsteten Einwohner der Stadt sich vor körperlicher Mishandlung und dem Eindringen der feindlichen Krieger zu bergen suchten, herrschte die Beklommenheit eines noch ganz ungewissen Geschicks. Obgleich des Kaisers Befehl, die erlaubnis zur Plünderung, seit gestern schon zurückgenommen, waren die entzügelten Soldaten nicht zu bändigen, die Ordnung noch nicht herzustellen möglich gewesen.

Noch blieben Tor und Türen fest verrammelt, alle Fenster und Läden geschlossen; auf dem Steinpflaster der öden, nur von Soldatenhaufen durchzogenen Gassen mischten sich die Spuren des vergossenen Bluts mit den langen weissen Streifen des aus Uebermut verstreuten Mehlsund immer noch wirbelten die schwarzen Dampfwolken aus dem grossen Schuttaufen empor, zu dem eine Reihe Häuser geworden, die der Feind zuerst beim Eindringen über die Kegelbrücke auf Napoleons Befehl angezündet. wunderbar genug hatte die Flamme, wie eine Riesenfackel, still und gerade fortgebrannt, ohne weiter um sich zu greifen. Ans Löschen hatte Niemand denken können im entsetzlichen Drange des Augenblicks, auch mochte es anfangs verwehrt worden seines wusste kaum Einer vom Andern in der Jeden aus allen Winkeln, einer Hydra gleich anstarrenden Angst!

An einem Erkerfenster der Windischen Gasse standen, furchtsam einander umfassend, zwei kleine Mädchen und sahen zu, wie des Nachbars Hoftor mit Flintenkolben eingeschlagen wurde; da kam die Amme der jüngeren Geschwister und riss die Kinder zurück, dann liess sie rasch das grüne Rouleau vor den Scheiben nieder.

Aber eben jetzt war drüben das Tor gefallen und aus dem inneren des nachbarlichen Hauses erklang lautes Wehegeschrei. Mit einem Satz war die kleine Anna vom Stuhl am Fenster hinab und auf dem Boden, und ehe noch die Amme Leontinen, die ihr zunächst gestanden, aus den Armen zur Erde entlassen konnte, war jene ihrem blick und Ruf entschwunden.

Die Amme scheute vor Allem lauten Verdruss; sie wandte sich sogleich zu den andern Kleinen, die ruhig in ihren Bettchen neben einander lagen und schlafen sollten, weil es Nachmittagszeit warzu Mittag war freilich noch gar nicht gegessen worden.

Der Vater Anna's und der beiden Zwillingsschwesterchen war, als Bürgermeister, noch auf dem rataus, wo er sich selber keinen Rat wusste, denn er konnte kein Französisch; die Mutter stand draussen am Herd und sott Kartoffeln. Anna lief an ihr vorüber und durch den gang, der das Vorder- und Hinterhaus verband; aber die tür am Ende desselben fand sie verschlossen. Aengstlich klopfte das Kind mit den kleinen Fäusten, rüttelte gewaltsam am Schloss und schrie aus Leibeskräften: Monsieur! monsieur Capitaine!

St. Luce hatte gehört, ein Zufall liess ihn gerade in der Nähe sein; allein nun hinderte auch ihn die abgesperrte Tür, und er begann auf seiner Seite eben so laut zu rufen: Madame, Madame! öffnen Sie doch! Geschwind!

Jetzt brachte die vom Lärm geschreckte und aus der Küche hergeeilte Mutter den Schlüssel. St. Luce trat ein; aber eh' noch ein Wort unter ihnen gewechselt werden konnte, hatte Anna die Hand des jungen Offiziers erfasst und riss ihn, in Tränen, Schmeicheleien und Bitten zugleich ausbrechend, heftig mit sich fort in das Vorderzimmer ans Fenster. Ein blick genügte. Mit einem Sacre dieu! fuhr St. Luce die Treppe hinab auf die Strasse, stieg ebenfalls durch die zerlöcherte Hoftür und trieb nach wenigen Minuten ein halbes Dutzend bärmütziger Kerls mit flachen Säbelhieben desselben weges wieder hinaus und vor sich her. Schurken! schrie er, und der Kaiser, der es verboten hat! Unsinnige!

Fluchend zerstreute sich das Gesindel; St. Luce ging wieder in des Bürgermeisters Haus zurück, verrammelte mit hülfe der Mutter und der Amme die Aussentüre und es ward Alles auf ein Weilchen still.

Endlich ertönten drei leise Schläge an einem unteren Fensterladen und eine wohlbekannte stimme forderte Einlass. Es war der Vater, aber mit ihm ein Offizier, ein Regimentsarzt, der Majorsrang hatte, als Einquartierung.