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, desto schwerer ward ihr das Herz. Eine ungekannte Angst und Unruhe wurden in ihr wach. Sie wusste nicht, ob sie Teophil liebe, ihn bedauere, oder ob sie ihm zürne und sich beklage. Das Herz klopfte ihr schwer in der Brust, sie fühlte sich so beklommen und traurig, dass ihr die Tränen in die Augen traten, und, sich zu Teophil wendend, sagte sie, als wolle sie ihre Tränen damit entschuldigen: Es tut mir sehr leid, dass Sie unglücklich sind, lieber Teophil!

Erstaunt und überrascht blickte er das junge Mädchen an, nahm ihre Hand und rief: Muss ich denn auch Sie betrüben, gutes, liebes Kind!

Er behielt ihre Hand in der seinen, alles Blut drängte sich Agnes nach dem Herzen, sie fing heftig zu zittern an und Teophil fragte ängstlich: Um Gottes willen, was fehlt Ihnen? Sie sind krank, liebe Agnes! wollen Sie, dass ich Jemand rufe? Sie haben sich doch wohl zu sehr angestrengt?

Nein, nein! sagte sie, mir ist schon besser. Sie stand auf, wollte lächeln, aber sie war so bleich geworden, dass Teophil besorgt seinen Arm um sie legte. Da neigte sich ihr schönes Haupt auf seine Schulter und leise weinend ruhte sie an seiner Brust.

Er fühlte das Schlagen ihres Herzens, es herrschte tiefe Stille umher. Agnes war so jung und schön. Er hatte eben noch trauernd an Terese gedacht und doch empfand er plötzlich eine ihm selbst befremdliche Neigung für das junge Mädchen. Fast ohne es zu wollen, drückte er sie an sein Herz, und ein leiser Kuss berührte ihre Stirne, als Terese in angstvoller Hast mit den Worten eintrat: Schnell einen Arzt, mein Bruder stirbt. Ohne Agnes und Teophil zu beachten, eilte sie an das Krankenbett zurück, wo bald, von Teophil gerufen, der Arzt erschien.

Das Uebel hatte seinen höchsten Grad erreicht, nach furchtbarer Erregung trat ein plötzliches Ermatten ein; immer leiser wurden die Atemzüge des Kranken, immer schwächer das Schlagen seiner Pulse. Lautlos sass die Schwester an des Bruders Bette; das einförmige Ticken der Uhr ward ihr zur qualvollsten Marter. In Todesangst zählte sie die Sekunden, denn jede konnte die letzte für den Bruder sein. Sie wagte die Augen nicht von seinem gesicht zu entfernen, damit ihr kein Aufschlag der seinen verloren gehe, damit sein letzter blick auf sie falle.

Teophil war bei ihr, der Arzt hielt die Hand des Präsidenten, um die Pulsschläge zu beobachten. Plötzlich liess er sie los, gab Teophil ein Zeichen, dieser trat leise an Terese heran und, getroffen von der Veränderung in des Bruders Zügen, sank sie, Teophil von sich weisend, vor Julian nieder und drückte ihre Lippen fest auf seine starre, eisigkalte Hand.

Vergebens waren die Bestrebungen des Arztes und Teophil's, sie von dem Bette zu entfernen. Sie bat, sie flehte, man möge sie allein lassen, nur allein könne sie Ruhe und Kraft finden, und man fügte sich ihrem Willen.

Der Arzt fuhr nach haus, Teophil zog sich in sein Zimmer zurück, Eva schlummerte ruhig fort und Agnes sass weinend in der Nebenstube, betäubt durch bas Leiden, das sie umgab, und verwirrt von der eigenen stürmischen Erregung.

Die tiefste Stille folgte der angstvollen Unruhe, die während der letzten Stunden geherrscht. Von Zeit zu Zeit schlich Agnes an die tür des Zimmers, um nach Terese zu sehen. Die Unglückliche kniete regungslos auf derselben Stelle, wie eine Figur auf einem Grabmale anzuschauen. Es schien, als habe das Leben auch sie verlassen, und doch zerriss der herbste Schmerz ihre Seele.

Stunde auf Stunde schwand dahin, plötzlich war es ihr, als höre sie leise Atemzüge. Sie richtete sich empor, Niemand war im Zimmer. Verwirrt, entsetzt blickte sie umher. Der Ton wiederholte sich. Sie stand auf, neigte ihr Haupt an des Bruders Lippen, sie wagte ihrem Ohre nicht zu trauen, das Glück dünkte sie unmöglich. Zitternd in der Furcht, sich getäuscht zu haben, blickte sie starr auf ihn hin, da schlug dieser mühsam die Augen auf und Terese musste sich gewaltsam zwingen, nicht durch ein unzeitiges Zeichen ihrer Freude den Kranken zu erschrecken.

Sie eilte zu Agnes. Es war schon heller Tag. Schnell wurde der Arzt abermals herbeigerufen, Julian lebte. Ein Starrkrampf, der selbst den erfahrenen Arzt getäuscht hatte, war die Krisis gewesen. Nach vielen Tagen zum Erstenmal erkannte Julian seine Umgebung wieder. Er reichte Terese die Hand, er nannte ihren Namen. Sie erlag fast ihrer Freude, der Umschwung war zu gewaltig gewesen; sie musste einen Augenblick den Bruder verlassen, um sich von den Eindrücken der letzten Stunden zu erholen.

Kaum aber sass sie in ihrer stube, als Alfred bei ihr eintrat. Ganz früh am Morgen hatte Teophil zu ihm geschickt, ihm den Tod des Präsidenten zu melden, und noch war die freudige Botschaft der Besserung nicht zu ihm gelangt, als er herbeigeeilt war, Terese zu sehen.

Aller Schmerz der letzten Tage, alle Freude dieser Stunde bestürmten sie aufs Neue, als sie Alfred's ansichtig ward, in dessen Antlitz die Trauer um den Freund sich unverkennbar aussprach. Zagend ging er der Geliebten entgegen, aber mit dem Ausruf: Er lebt, Alfred! er lebt! warf sie sich an seine Brust und weinte ihre Freudentränen aus befreitem Herzen.

Lange hielt er sie umschlungen, und sie