Sie ersparen, Frau von Reichenbach! Durch mich soll Ihr Herr Gemahl es nicht erfahren, wie Sie Ihren und meinen Namen durch niedrigen Verdacht entehren.
Caroline wollte etwas erwidern, begütigend einlenken, aber Terese liess es nicht zu. Sie verbeugte sich kalt und ging davon.
Unruhig und erbittert, weil sie sich gedemütigt fühlte, legte Frau von Reichenbach den Weg nach ihrem haus zurück. Diesmal hatte ihr Verdacht sie betrogen; dennoch glaubte sie an ein dauerndes Einverständniss Alfred's mit Teresen und war gewiss, dass Beide sich oft sehen und sprechen mussten. Alfred's Nachgiebigkeit gegen sie selbst, aus der edelsten Quelle entspringend, nahm sie für Zugeständnisse, die er ihr im Bewusstsein seiner Schuld gegen sie mache. Selbst die ruhige Haltung der Beiden am letzten Mittage dünkte sie ein Beweis, dass es nicht das erste Begegnen nach der Trennung gewesen sein könne, und sie gelobte sich, um jeden Preis die Wahrheit zu erfahren.
Felix brachte sie mit dem Vorgeben einer Ueberraschung zum Schweigen über ihr Zusammentreffen auf der Strasse und die nächsten Tage verflossen ohne besondere Störungen für die Eheleute.
Eine Art von Waffenstillstand schien dadurch eingetreten zu sein, der Weihnachtsabend brach herein, man zündete die Kerzen des Tannenbaumes für den Knaben an, und die Bescherung fand statt. Aber war es die trübe, schmerzliche Stimmung des Vaters, die den fröhlichen Knaben beängstigte, oder wirkte das Andenken an die Freuden, die ihm Terese und Agnes verheissen, und die er nun entbehren sollte, nachteilig auf ihn ein: er stand gleichgültig, fast traurig vor seinen neuen Reichtümern. Er betrachtete die Geschenke, die für ihn bereitet waren, die reichen Angebinde des Vaters für die Mutter, und blickte dabei verstohlen den Vater an, der sinnend in einer Ottomane sass und zerstreut den schönen Kopf seines grossen Hundes streichelte.
Während Frau von Reichenbach der Dienerschaft und einigen armen Personen die Weihnachtsgaben zuteilte, Jedem die Grösse des Geschenkes durch anpreisende Worte fühlbar machte und, wo es tunlich war, Besserung fordernd, eine Strafrede hielt, stieg Alfred's Unmut mehr und mehr. Ihm war diese üble Gewohnheit Carolinen's, die sie mit allen Engherzigen teilte, verhasst. Er liebte es, die Menschen zu erfreuen, er hielt es für unerlässliche Schuldigkeit, dem Armen von dem eignen Ueberflusse mitzuteilen, er fühlte sich glücklich, ein trauriges Antlitz zu erheitern. Mehrmals an diesem Abende hatte er schon Carolinen's unliebenswürdige Weise durch Winke und missbilligende Bewegungen getadelt. Er hatte sie gebeten, sich der Ermahnungen zu entalten, in Folge deren alle Beschenkten missmutig und gekränkt davonschlichen. Endlich ward es ihm zu lästig und er wollte sich entfernen, als ein blick auf den Sohn ihn davon zurückhielt. Die ganze Scene erschien ihm so freudlos, ihn jammerte des Knaben und er ging an den Weihnachtstisch, um irgend ein Spiel mit Felix zu beginnen, als dieser fragte: Mama! welches ist denn nun die Ueberraschung, die Du neulich mit Tante Terese bestelltest, als ich Euch auf der Strasse zusammen begegnet bin?
Alfred horchte auf, Teresen's Namen, die Erwähnung, dass seine Frau sie ohne sein Wissen gesehen, fielen ihm auf und er fragte: Was meint Felix damit?
Ach! er ist ein Kind! entgegnete sie. Er begegnete mir neulich, als ich von der Frau Berent kam, bei der ich zufällig das fräulein getroffen hatte.
Du bei Frau Berent? und was wolltest Du bei ihr?
Hast Du mich nicht selbst gebeten, ihr Arbeit zu geben und Dich nicht mehr durch Stricken zu belästigen? antwortete Caroline.
Aber von welcher Ueberraschung spricht denn Felix? fuhr Alfred fort.
Ich weiss es nicht, von einer Ueberraschung war gar nicht die Rede. Was sollte ich dort bestellt haben, etwa die Bücher, die ich für Dich gekauft? oder das Necessaire? Felix weiss nicht, was er spricht.
Der Knabe beteuerte, die Mutter habe ihm streng verboten, dem Vater vor Weihnachten zu sagen, dass er ihr begegnet sei, weil sie ihm eine Freude machen wolle. Caroline schalt ihn einen kleinen Lügner, als Alfred plötzlich fragte: Wann warst Du bei der Berent?
Am Freitage.
Den Tag nach dem Mittagsessen bei Frau von Barnfeld, sagte Alfred mit Bedeutung, da ihm der Zusammenhang klar ward. O! nun verstehe ich's, das ist Deine alte Art, das ist Deiner würdig.
Er tat als höre er Carolinen's Worte nicht, die sich spöttisch darüber äusserte, dass er sich des Tages so genau erinnere, wendete ihr den rücken und setzte sich mit Felix nieder, ein chinesisches Zusammensetzspiel zu versuchen, das man ihm beschert hatte.
Aber seine Gedanken schweiften in die Ferne und er war froh, als die zehnte Stunde schlug und der Knabe zur Ruhe gehen musste. Das arme Kind hatte keine rechte Lust von dem Feste gehabt, denn Leid und Freude des Einzelnen teilen sich elektrisch den Andern mit, und das Unglück seiner Eltern traf auch ihn.
XIV
Im haus des Präsidenten hatte der Weihnachtsabend heiterer begonnen. Wenn schon nicht Alle fröhlich waren, so herrschte doch das innigste Wohlwollen unter den Mitgliedern des kleinen Kreises, und Terese war bemüht, die Lust der Andern nicht durch ihre Traurigkeit zu stören.
Die schönsten Erzeugnisse des Luxus hatte der Präsident mit verschwenderischer Liebe für Terese, Eva und Agnes herbeigeschafft; die Freude der beiden jüngern Damen war so ungekünstelt und wahr, dass sie die Uebrigen mit sich fortriss.
Wie fröhliche