zu werden, als Du, wenn ich dieselben Fähigkeiten besitze, die Deine Ahnen hatten. Könnten und wollten Sie ihm das verweigern, ohne ungerecht und hart zu sein? Es verlangt ja bei uns Niemand, den Adel aufzuheben, das Recht des Besitzenden zu beschränken; es will nur Jeder Raum zu freier Entwicklung haben, Das gelten dürfen, was er ist, und Das erreichen können, wozu die Vernunft ihm den Trieb und die Fähigkeit gibt. Man will denken und sagen dürfen, was man denkt; man will nicht glauben, was vor der Vernunft nicht bestehen kann. Das ist kein Unrecht, sondern eben nur eine vernünftige Forderung.
Dass Sie in Glaubenssachen eben so leicht denken, als mein Mann, das wusste ich längst, rief plötzlich Frau von Reichenbach, aber dass Sie sich auch sonst zu seinen übertriebenen Ansichten neigen, hätte ich nicht geglaubt, Herr Präsident!
Alle sahen sie verwundert an und Julian sagte: Ich finde es begreiflich, gnädige Frau, dass Sie fest an Ihrem Glauben und an Ihren angestammten Vorrechten halten! und dabei sah er so ruhig aus, als wüsste er nichts von dem Spotte, der in diesen Worten lag. Die Frauen haben eine Vorliebe für das Conserviren, darum ist den meisten alles Neue, die Moden ausgenommen, verhasst, und auch in diesem Bereich lieben sie jetzt wieder das Uralte.
Die Männer, Herr Präsident, lieben freilich die Abwechslung mehr als wir, sagte Caroline, gleichsam um dem Präsidenten zu vergelten, und diesem schien eine scharfe Antwort auf den Lippen zu schweben. Ein blick auf Alfred aber bewog ihn, sie zu unterdrücken, und er bemerkte, gegen Terese gewendet: Es gibt doch andererseits unter den Frauen auch viele Anhänger unserer Lehre. Meine Schwester hat z.B. die freisinnigsten Ideen.
Das glaube ich! rief Caroline mit solcher Bosheit lachend, als sie bemerkte, dass Alfred und Terese in ein flüchtiges Gespräch mit einander geraten waren, dass Beide aufschraken, mehr von dem Tone als von den Worten betroffen, die sie nicht genau gehört hatten.
An den bestürzten, misbilligenden Gesichtern der Gesellschaft sahen sie deutlich, es müsse irgend etwas Störendes vorgefallen sein, und Alfred blickte mit instinktartigem Erschrecken nach seiner Frau hinüber. Sie begegnete seinem Auge mit Sicherheit, wechselte aber plötzlich die Farbe, als Julian sich zu ihr neigte, ihr ein Glas Champagner einschenkte und mit freundlichster Miene leise sagte: Sie schaden Niemand als sich selbst; meine Schwester ist unerreichbar für Sie, und ich bin da, sie zu beschützen. Vergessen Sie das nicht, schöne, gnädige Frau!
Sein Mund lächelte dazu wie bei einem Scherze, aber vor dem drohenden Tone seiner gedämpften stimme, vor seinem durchbohrenden strengen blick erschrak Caroline heftig. Sie fühlte, dieser Mann sei zu dem Aeussersten fähig, wo es seine Schwester galt, und sie fing an ihn zu fürchten.
Kaum aber hatte er es gesagt, als er sein Glas füllte, Alfred, um dessen Aufmerksamkeit von Caroline abzuziehen, damit begrüsste und ausrief: Auf das Wohl aller jungen Saaten in Deinen Gütern, der geistigen und der wirklichen. Alfred nickte ihm dankend zu und Julian sprach: Damit soll denn auch dem Ernste Lebewohl gerufen werden und mit dem Nachtische der Frohsinn beginnen. Wir haben uns in der Tat unterhalten, als sässen wir unter Fahnen und Siegestrophäen bei irgend einem langweiligen Zweckessen, nicht in Mitte schöner Frauen bei der liebenswürdigsten Wirtin. Wollen die Damen uns das verzeihen?
Eva meinte, wenn er Besserung gelobe und beweise, solle Gnade für Recht ergehen, und von dem Präsidenten angeregt, fand bald die heiterste Stimmung Eingang in die Gesellschaft. Scherz und Frohsinn gewannen die herrschaft. Alle überliessen sich der fröhlichsten Laune und Julian war die Seele des Ganzen.
Aber je heiterer die Gesellschaft wurde, je trauriger und schwerer empfanden Terese und Alfred ihre Trennung. An dem bewegten Streite über ernste Gegenstände hatten sie teil zu nehmen vermocht, der laute Frohsinn der Glücklichen scheuchte sie in sich selbst zurück. Nur die Breite der Tafel trennte sie von einander, aber es war ihnen, als ständen sie an den beiden Polen der Erde. Wie Spott klang die stimme der Scherzenden in ihr Ohr, und es dünkte sie eine Wohltat, als Eva, Teresen's Schweigen bemerkend, die Tafel aufhob.
Während man sich nun in den andern Zimmern um die Kamine niederliess, suchte Caroline Teresen auf und war ganz Freundlichkeit für sie, ganz Güte. Sie sprach sehr geflissentlich von der Sorgfalt, mit der das fräulein sich ihres Knaben angenommen, während sie selbst noch auf dem land gewesen sei, wo die arbeiten des Herbstes sie festgehalten hätten. Dann bat sie um die erlaubnis, den Knaben zu ihr bringen zu dürfen, drückte den Wunsch aus, den Präsidenten und die Schwester während der nächsten Tage bei sich zu sehen, und rühmte in solcher Weise das grosse Glück ihrer Häuslichkeit, dass Alfred dazwischentrat, weil er fühlte, sie stehe auf dem Punkte, sich und ihn der Spottsucht preiszugeben.
Er mahnte sie an die Heimkehr und die Gäste fingen an aufzubrechen. Dadurch kam er zufällig in Teresen's Nähe, die er nicht mehr gesucht hatte, weil es ihm zu wehe tat, ihr fremd und kalt gegenüberstehen zu müssen. Von dem Gedanken an sein eigenes los bewegt, war ihm die in Ehescheidung begriffene Frau eingefallen und er fragte Terese, ob sie von derselben Nachricht habe?
Doch! sagte Terese. Ich habe sie kennen lernen