1845_Lewald_141_8.txt

gemachten Weg. Plötzlich, als die Strasse sich senkte, trat das eine Pferd über die Deichsel und fiel nieder. Das erweckte den Postillon, er zerrte an den Zügeln, um das Tier zum Aufstehen zu bewegen, das sich in vergeblichen Bestrebungen hin und her warf. Man hörte ein leises Knacken und der Postillon erklärte fluchend dem indess erwachten und abgestiegenen Diener, dass die Deichsel zerbrochen sei.

Da fielen zu beiden Seiten des Wagens die Fenster nieder und aus jedem sah ein Frauenkopf hervor. Während aber die eine Dame verwirrte fragen an den Postillon richtete, befahl die andere, ihr den Wagenschlag zu öffnen, und stieg aus. Sie überzeugte sich bald von der Unmöglichkeit, den Wagen zur Weiterreise herzustellen, erfuhr, dass man etwa in der Mitte der Station, also eine Meile von den beiden nächsten Postäusern entfernt sei, und fasste den Entschluss, in Begleitung des Dieners bis in das nächste Dorf zu gehen und nachzufragen, wie man sich dort helfen könne.

Während dessen hatte sich die andere Dame ganz ruhig in die Wagenecke zurückgelehnt und schien wirklich noch zu schlummern, als die Ausgestiegene sie freundlich zu ermuntern strebte. Komm Eva, komm! sagte sie, wir wollen uns auf den Weg machen! Wir müssen vorwärts! Es hilft uns Nichts.

Auf den Weg machen? – Gehen? – fragte Eva, wir Beide allein, hier in der fremden Gegend, das ist ja unmöglich!

Der Wille ihrer Freundin musste aber wohl bestimmenden Einfluss auf sie üben, denn trotz ihrer Einwendungen schickte sie sich an, den Wagen zu verlassen, nachdem sie sich fest in den roten Plaidmantel gehüllt, die seidene Capotte aufgesetzt und sich überzeugt hatte, dass das Spitzenhäubchen nicht vom Schlafe gelitten hätte. Die ältere der Beiden liess darauf den Wagen schliessen, befahl dem Postillon zur Bewachung desselben zurückzubleiben und schritt dann ruhig, Eva's Arm in den ihren legend, von dem Diener begleitet, die Poststrasse hinan.

Sie schien mit rechter Wonne des schönen Morgens zu geniessen, während Eva über den Tau, über Ermüdung und über tausend andere Unbequemlichkeiten klagte, und endlich ganz vergnügt ausrief: Ach Gott sei Dank! da höre ich ein Postorn, da kommt gewiss die Schnellpost, da können wir mitfahren, hoffe ich!

Es fragt sich, ob Plätze für uns frei sein werden, wendete die Freundin ein.

Nun, wenn die Post voll ist, so sind doch gewiss auch Herren darin, die uns ihre Plätze abtreten. So ungalant wird doch kein Mann sein, dass er in dem grossen Wagen vorüberfährt und uns auf der staubigen Chaussee zurücklässt.

Schnellpostreisende pflegen Eile zu haben, entgegnete Terese, und kein Gewerbe von ritterlicher Galanterie zu machen. Zudem scheint mir das nicht das Signal der Schnellpost, sondern das einer Extrapost zu sein, und damit werden Deine Hoffnungen noch ungewisser.

Das wäre aber schrecklich! Ich bin so müde von dem Fahren in der Nacht. Ich kann so weit nicht gehen, klagte Eva, von der plötzlichen Heiterkeit wieder in ihre frühere Verstimmung zurücksinkend.

Terese sprach ihr Mut ein, Eva hörte es schweigend mit an, und sie gingen auf's Neue vorwärts, als das Postorn abermals und ganz in ihrer Nähe ertönte. Alfred's Wagen hielt vor ihnen, er stieg aus und begrüsste sie.

Ich habe Ihren Wagen auf dem Wege liegen gefunden, sagte er, und von dem Postillon gehört, dass Sie, meine Damen, mit mir dasselbe Ziel verfolgen. Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, meinen Wagen zu benutzen?

Sie sind sehr liebenswürdig, sagte Eva.

Sie haben aber in Ihrer Kalesche nur für zwei Personen Platz, was wird aus Ihnen? fragte Terese.

Ich werde mich neben den Postillon setzen, mein Diener mag mit dem Ihrigen uns bis in das nächste Dorf zu Fuss nachkommen. Es würde mir eine Freude sein, Ihnen zu dienen. Mein Name ist von Reichenbach.

Der Name schien Terese sehr angenehm zu überraschen. Sie sah Alfred mit sichtlichem Vergnügen an und sagte dann: Wie wäre es, wenn wir Alle bis in das nächste Dorf gingen, dessen Turm wir schon deutlich sehen? In der grossen Stadt wird uns nicht leicht ein so frischer Morgen zu teil werden. Finden wir im dorf nicht die Möglichkeit, weiter zu kommen, ohne Herrn von Reichenbach zur Last zu fallen, so wollen wir dankbar seinen Wagen bis zur nächsten Station benutzen. Plötzlich, sich an Eva's Klagen erinnernd, fragte sie diese: Aber Du möchtest wohl lieber gleich einsteigen, Eva? Du warst ermüdet.

Ich? Nicht im geringsten! antwortete diese ganz fröhlich und munter, und in Reichenbach's Begleitung machte man sich auf den Weg.

Neben den Damen einhergehend, hatte er die gelegenheit, sie näher zu betrachten. Die ältere von Beiden war gross und schlank, aber nichts weniger als schön. Weiches blondes Haar umgab in breiten Flechten eine edle Stirn, die mit grossen, dunkeln Augen dem Gesicht einen anziehenden Charakter gab. Ihr Teint war zart doch farblos. Sie mochte fast dreissig Jahre alt sein und sah ruhig und verständig aus. Ihre sehr einfache Kleidung passte ganz zu ihrer Erscheinung und fiel deshalb nicht als etwas Besonderes an ihr auf. Alfred war gewiss, eine Frau aus den höhern Ständen in ihr zu sehen, denn in ihrem Betragen gegen ihre jüngere Freundin lag das sichere Bewusstsein einer Selbstständigkeit, die dieser zum Schutze diente.

Eva war sehr klein und das rosigste Bild der Jugend