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Alfred, der in sich die Gewissheit trug, ein zerstörtes eheliches verhältnis, zerstört durch gänzliche Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen, könne nie zu einem beglückenden Bande werden. Er wusste, dass er nicht glücklich sein würde, und seine ganze Hoffnung war darauf gerichtet, der von ihm geliebten Freundin die verlorene Ruhe wiederzugeben, und, ungestört durch Carolinen's Nähe, sich selbst und seinen arbeiten zu leben.

Er ersuchte seine Frau, sich ganz nach ihren Wünschen in der Stadt einzurichten, er stellte ihr mit verschwenderischer Zuvorkommenheit bedeutende Summen zur Verfügung, und tat Alles, sie äusserlich zufriedenzustellen. Er wollte ihr gewähren, was er ihr gewähren konnte, um sie dafür zu entschädigen, dass er ihr kein Herz zu bieten vermochte.

Aber diesen Mangel empfand Caroline zum Glück nicht mehr so tief. Sie war seit Jahren daran gewöhnt, dass ihr Mann ein in sich abgeschlossenes Dasein führte. Ausser bei den gemeinsamen Mahlzeiten, bei einer Spazierfahrt oder einem Besuche hatten sie sich auch früher oft Tage hindurch nicht gesehen. So blieb es auch jetzt und Caroline war zufrieden, um so mehr als sie die Zerstreuungen der Residenz liebte, sie lange entbehrt hatte und nun eine reiche Unterhaltung in ihnen fand.

Nicht so war es mit ihrem Gatten. Wenn er einsam träumend in seinem Zimmer sass, störte ihn die unruhige Geschäftigkeit seiner Frau, die bald diese, bald jene Anordnung zu machen hatte und laut sprechend oder scheltend ihre Befehle gab, weil ihr, wie den meisten ungebildeten Menschen Ruhe, sowohl körperliche als geistige, kein Bedürfniss, laute Tätigkeit vielmehr ein Labsal war. Sie empfand und kannte das Glück nicht, durch keine äussere Bewegung, durch kein Geräusch gestört, den Geist ausruhen zu lassen in der Betrachtung seiner selbst, die Gedanken zurückkehren zu lassen in die stillen Tiefen der eigenen Seele, in ihr geheimnissvolles Geburtsland, um sie dann erstarkt der Aussenwelt und dem Leben wieder zuwenden zu können. Sie wollte wie Menschen von niedriger Stufe der Entwicklung, wie die Kinder, von Aussen her angeregt und beschäftigt werden. Sie musste gehen, schaffen, sprechen und arbeiten, obschon eine zahlreiche Dienerschaft sie solcher notwendigkeit entob. Versagte der Körper endlich einmal den Dienst, war sie gezwungen, still und untätig auf derselben Stelle zu bleiben, so musste sie ihre hände wenigstens beschäftigen und jedes Bändchen, jede Kleinigkeit, die ihr dann zunächst lag, ward ihr zu willkommenem Spiele.

Sie kannte keine Ruhe und eben deshalb hielt sie sich für fleissig und für tätig. Ihre klappernden Schlüssel, ihr beständiges Kommen, Gehen, Befehlen, die unruhige Hast, mit der sie arbeitete, hatten Alfred von jeher belästigt. Jetzt, wo er sich an die gleichmässige Ruhe in Teresen's Nähe gewöhnt hatte, machte die Weise seiner Frau ihn so ungeduldig, dass er es kaum zu verbergen, kaum zu ertragen wusste.

Er hatte sich es gelobt, Caroline milder zu beurteilen, sie zufrieden zu stellen. Jetzt sah er sie heiter, zu jedem Lebensgenusse gestimmt, und es tat ihm wehe, dass sie so leicht zu befriedigen war, dass sie glücklich sein konnte ohne Liebe. Er würde Mitleid mit ihr gefühlt, dies Mitleid würde ihn zu ihr gezogen haben, sagte er sich, wenn sie empfunden hätte, wie ganz ihr sein Herz verschlossen war. Dass sie es nicht fühlte, dass sie ihn mit Zärtlichkeiten überhäufte, wenn irgend eine ihrer kostspieligen Launen befriedigt war, mit Zärtlichkeiten, die er weder verlangte noch teilte, das verletzte ihn auf das Aeusserste und machte sie ihm widerwärtig.

Verstimmt und innerlich widerstrebend, erfüllte er ihr Verlangen, sie bei den Besuchen, die sie zu machen hatte, bei den Lustbarkeiten, an denen sie teil zu nehmen wünschte, zu begleiten. Dass sie nicht an die Erschütterungen dachte, die er erlitten, dass sie selbst nichts davon empfand, schien ihm unglaublich; und wie unzart, wie rücksichtslos musste sie sein, wenn sie so wenig Schonung für seine Stimmung hatte, ihn zu Genüssen zu überreden, die ihm augenblicklich unmöglich zusagen konnten.

Er hatte auf des Präsidenten Bitte, der ihn häufig besuchte, Terese noch nicht wiedergesehen, und Julian hatte ihm nur wenig von der Schwester gesprochen. So oft er in eine Gesellschaft trat, fürchtete er ihr zu begegnen, und wenn er sie nicht fand, seufzte er über die getäuschte Erwartung. Die blendend hellen Räume des Teaters, die überfüllten Gesellschaftssäle konnten ihn nicht zerstreuen, und bei dem nächsten Anlass gestand er seiner Frau, dass er sich zu Vergnügungen nicht aufgelegt fühle, dass er sich bei seiner Arbeit und in seinem haus wohler fühle. Er schlug ihr freundlich vor, den Abend mit ihm allein zuzubringen, und sie erklärte sich dazu bereit, aber mit einer so schlecht verhehlten Verdriesslichkeit, dass er seine Bitte schnell bereute. Sie blieb den ganzen Tag hindurch in übler Laune, sie schalt die Dienstboten, jede Bewegung, jede Miene des Sohnes gaben ihr Anlass zu Tadel, jede Aeusserung ihres Mannes einen Grund zum Widerspruch. Endlich am Abend schien der Sturm besänftigt. Es ward ruhiger im haus und Alfred verfügte sich in Carolinen's Zimmer, die eifrig strickend am Teetisch sass, während Felix unter Aufsicht seines Lehrers in einer andern stube mit den arbeiten für den kommenden Tag beschäftigt war.

Ein paar fragen seiner Frau, häusliche Angelegenheiten betreffend, waren bald beantwortet und Alfred griff mechanisch nach einem buch, das vor ihnen lag. Er schlug es auf, durchblätterte es, der Gegenstand