mich kein Wirken und Schaffen möglich ist, dass ich elend und mutlos werde, wenn ich mit mir selbst nicht einig bin. Ich habe es versucht, mich zufriedenzustellen durch die Erfüllung meiner Pflicht; sie sollte mir Kraft und Ruhe geben, mich über Ihren Verlust zu trösten. Ich habe mich getäuscht, sie konnte das nicht. Fühlen Sie nicht, dass dem Menschen ein unwiderstehliches Verlangen nach Glück, nach Wahrheit innewohnt? Ich habe das Unrecht begangen, ein Mädchen zu meiner Frau zu machen, die ich nicht mehr liebte. Ich habe in guter Absicht gefehlt und schwer dafür gebüsst. Wollen Sie, dass ich zum Unrecht das Verbrechen füge, in erkanntem Unrecht zu beharren? Wollen Sie, dass ich in den Armen meiner Frau mich nach Ihnen sehne? Wollen Sie in dem falschen Glauben, ich könnte Sie vergessen, mich zu einer Tiefe des Elends hinabstossen, von der Ihr reiner blick sich schaudernd abwenden würde, wäre ich hart genug, sie Ihnen zu entüllen? Das können Sie nicht wollen, das willst Du nicht, Terese! oder Du hast mich nie geliebt. Wenn Du fühltest wie ich, wenn nicht kalte Rücksichten auf das Urteil der Fremden, wenn nicht die Liebe für Deinen Bruder mächtiger in Dir wären als die Liebe zu mir, wie könntest Du zaudern, mein zu werden, wie könntest Du daran denken, mich von Dir zu stossen, um mich mit einer Frau wie Caroline auf das Neue zu vereinen, hättest Du mich je geliebt.
Da konnte sie sich nicht länger überwinden. Und wen habe ich geliebt als Dich, seit ich zu denken vermag? rief sie und warf sich in die arme des Geliebten, die sich öffneten sie zu empfangen, und ruhte weinend an seiner Brust, während seine Küsse auf ihren Lippen brannten.
Aber mitten in dem Entzücken des Augenblicks riss sie sich aus seinen Armen los, und das Gesicht in den Händen bergend, stiess sie leise, wie man in angstvollem Traume zu sich selber spricht, die Worte aus: Das ist Ehebruch, das ist ein Verbrechen.
Alfred liess sie erschüttert los. Da warf sie sich vor ihm nieder, umfasste seine Knie und rief in leidenschaftlicher Erregung: Du sagst, Du liebst mich, Alfred! o so rette mich vor dem Schicksal, das über uns hereinbricht. Du bist ein Mann, Du hast Mut, Du hast Kraft. Sei stark, überwinde mehr als die Welt, rette mehr als das Leben – überwinde Dich, rette unsere Seelen vor Verbrechen und Verzweiflung. Kehre zu Deiner Frau zurück, vergiss diese unglückselige Stunde, lass Dein Beispiel mir vorleuchten, ich werde Dir folgen. Sei mehr als ein Mensch, der unwillig vergibt. Sei Gott ähnlich, vergib ihr, und beglücke! Erhebe Caroline barmherzig bis zu Dir; vergib ihr, damit ich mir und Dir vergeben darf, und wie zu dem Heiland, der mich erlöst von Verdammniss, will ich zu Dir emporblicken und zu Dir beten aus der Ferne. Fühle, wie ich Dich liebe, Alfred, wie ich Dir vertraue, wenn ich freudig und getrost ein solches Opfer von Dir fordere, wenn ich Dir die Kraft zutraue, es freudig mir und Deiner Pflicht zu bringen.
Er hob sie auf, Tränen entströmten seinen Augen und mit tiefer Traurigkeit sagte er still und ernst zu ihr: Du weisst nicht was Du bittest, nicht was Du von mir forderst; aber es sei, wie Du es willst! Gott gebe, dass wir diese Stunde nie bereuen. Ich gehe zu meiner Frau.
Langsam schritt er der tür zu und verliess das Haus, ohne Julian gesehen zu haben. Als dieser endlich in das Zimmer seiner Schwester trat, nachdem er lange vergebens die Rückkehr des Freundes erwartet, lag sie matt und keines Wortes mächtig in dem Sessel, der zunächst der tür stand. Es war zu viel gewesen für ihre Kraft.
X
Zum zweiten Male hatte sich Alfred gegen seine Neigung mit seiner Frau vereinigt. Noch an dem Abend des Tages, an dem jene Ereignisse stattgefunden, die wir geschildert, hatte er Caroline in sein Haus geführt und nach einer erschütternden Scene zwischen den Gatten war eine Aussöhnung zu stand gekommen.
Ermüdet von dem Kampfe mit sich selbst, überliess er die Bestimmung der äusseren Verhältnisse dem Präsidenten und seiner Frau. Diese hatte Neigung, auf das Land zurückzukehren, aber Julian widerriet es ihr. Er fürchtete, wenn die Eheleute nach den Vorgängen der letzten Zeit sich allein, in der Stille des Landlebens gegenüberständen, würde das Andenken an die schmerzliche Vergangenheit zu mächtig sprechen und zu laut gehört werden. Es schien ihm wünschenswert, dass ein gesellig und geistig angeregtes Leben ihnen über ihre missliche Lage fortelfe, und beide Gatten erklärten sich bereit, in der Stadt zu bleiben, da ohnehin nichts schlagender dem gegen Terese verbreiteten Verdachte widersprechen konnte, als ein gutes Einverständniss der Eheleute und der beiden Familien untereinander.
Die Aufregung, die Gemütsbewegungen, die Alfred empfunden, tönten in den ersten Tagen seines neuen Beisammenseins mit Carolinen lebhaft in ihm nach; aber edle Naturen haben eine solche Opferfreudigkeit, dass sie sich in vielen Fällen über sich und ihre Kraft, ja selbst über die Grösse ihres Opfers täuschen. Je schwerer es ist, je mehr sie darunter leiden, um so mehr erhebt sie das Bewusstsein der Liebe oder der überzeugung, aus der sie es dargebracht haben, um so fester hängen sie an Demjenigen, für den es gebracht ward. So empfand es