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verschiedensten geistigen erkenntnis, von den abweichendsten Lebensansichten und den verschiedensten gesellschaftlichen Stufen unter ein Gesetz beugen, das Alle verwerfen, das sie sich nicht selbst gegeben haben. Das zu tun, ist eine Sünde, denn dem Menschen ist der freie Wille gegeben, wie kann der Staat ihn vernichten wollen? Wer durch Befehle unserm Gewissen vorschreiben will, was Recht und Unrecht sei; wer uns ein Sittengesetz aufdrängt, gegen das unsere überzeugung sich sträubt; wer uns überhaupt in unsrer rechtmässigen Freiheit beschränkt, die stimme des Gewissens in uns vertreten will, der versündigt sich an der Menschheit im Ganzen und an dem Einzelnen, der ist unser Feind und wenn er uns alle Güter der Welt zum Ersatze böte. Elend werden nach eigner Wahl, ist am Ende noch erspriesslicher als ein Glück, das man uns aufdrängt. Wer mich glücklich machen will nach seiner Ansicht, ohne die meine zu befragen, tritt mir zu nahe und Jeder würde ein aufgedrungenes Glück von sich stossen, wenn er, während man es ihm aufdringt, bedächte, dass jede Unfreiheit eine Schande ist.

Er sprach heftig erregt, denn er kämpfte offenbar für sein eigenes Interesse. Ihn drückte das Bewusstsein, durch den Willen seines verstorbenen Onkels, durch Rücksichten auf seinen Sohn und durch Das, was er für Pflicht gegen seine Schöpfungen hielt, in den Fesseln einer Ehe gebannt zu sein, die er zu lösen verlangte. Er litt unter der Beschränkung der Freiheit, darum sprach er doppelt warm für das Recht der Andern. Terese hatte sich schon vorher mit Felix und Agnes entfernt, weil die Erörterungen zu traurige Gedanken in ihr erweckten und sie auch Agnes vor solchen Betrachtungen bewahren wollte. Jetzt, da nach Alfred's letzten Worten eine längere Pause eintrat, kehrte sie zurück, der Präsident wendete sich mit Freundlichkeit gegen das junge Mädchen und die Unterhaltung nahm eine andere Richtung, obgleich sie noch lange in den Einzelnen nachklang.

IX

In wechselnden Beschäftigungen und Bestrebungen verging die Zeit und man näherte sich dem Weihnachtsfeste. Terese hatte alle Personen ihres nächsten Kreises für den heiligen Abend eingeladen und war rüstig dabei, für Jeden eine Freude zu bereiten. Sobald die Zeitungen dem Präsidenten gebracht wurden, pflegte sie nach den verschiedenen Anzeigen zu greifen, um zu sehen, was Luxus und Mode Neues geschaffen, um darunter für die Ihrigen zu wählen, was ihnen etwa noch erwünscht sein konnte.

Eines Morgens sassen die Geschwister ebenfalls friedlich bei einander, Julian mit den politischen Nachrichten beschäftigt, als eine Stelle unter den vermischten Nachrichten Teresen's Auge fesselte. Sie las sie, das Blatt zitterte in ihren Händen und mit den Worten: Wer hat mir das getan, wie habe ich das verschuldet? liess sie die Zeitung zur Erde fallen, während sie ihr Gesicht mit den Händen verhüllte. Der Bruder fuhr erschreckt empor und fragte was es gäbe. Aber sie vermochte nicht zu antworten. Schweigend deutete sie auf das Papier. Er hob es auf und fand bald die Stelle, welche ihre Aufregung veranlasst hatte. Sie war aus der Hauptstadt der Provinz datirt, in der die Güter des Herrn von Reichenbach lagen, und lautete wie folgt:

"Man spricht in unsern höhern Cirkeln davon, dass der gefeierte Dichter Alfred von Reichenbach, der bedeutende Güter in unserer Provinz besitzt, sich von seiner Frau trennen werde, mit der er seit elf Jahren in friedlicher Ehe gelebt hat. Eine Dame von stand, ein fräulein von B. in der Residenz, zu der er schon vor Eingehung seiner Ehe ein Herzens-verhältnis gehabt hat, soll es verstanden haben, ihn aufs Neue zu fesseln, und Ursache der beabsichtigten Scheidung sein."

Der Präsident war, wie seine Schwester, von dem unverdienten Angriff hart getroffen. Er drückte das Papier zusammen und schleuderte es von sich; dann aber wich der Zorn über die Kränkung dem Mitleid, das ihm die Schwester einflösste, die durch das Gewicht der Anklage wie vernichtet war.

Sie weinte nicht, sie klagte nicht. Sie hatte die hände gefaltet und sah starr und regungslos in dumpfem Brüten vor sich nieder. Julian neigte sich zu ihr, zog sie an seine Brust und sagte: Hier findest Du Schutz! hierher zu mir wende Dich und weine Dich aus. Sieh nicht so starr vor Dich nieder; was tut das Geschwätz eines Elenden, wenn wir Alle an Dich glauben und Dein eigenes Gewissen Dich freispricht! Richte Dich auf Terese, sei stark, wie ich Dich immer gekannt habe. Sieh mich an und fühle, dass ich bei Dir bin, dass Dein Bruder bei Dir ist, dem Du heilig bist, wie seine Ehre.

Er hob ihren Kopf sanft empor und zwang sie, ihm in das Auge zu blicken; aber trotz der milden Ruhe in seinen Worten trug sein Gesicht so deutlich die Spuren der Erschütterung, dass Terese, davon getroffen, weinend an seine Brust sank. Er hielt sie lange fest umschlungen und gönnte ihr Zeit, sich innerlich klar zu machen, was ihr geschehen sei, während er selbst sich gewaltsam zu sammeln strebte und mit sich zu Rate ging über Das, was er in diesem Falle zunächst zu tun habe.

Teresen's erste Worte, nachdem sie ihres Schrekkens Herr geworden, galten Alfred. Was wird er sagen? Wie wird er mich bedauern, wie tief wird es ihn selbst verletzen! rief sie aus. Wenn Du mich liebst, Julian, eile zu ihm, sage ihm, dass ich ruhig binnein! nein!