aufgeben, mir eine reiche Mitgift aussetzen, damit ich bald einen andern Mann fände. Daran hätte es mir auch ohne eine Mitgift nicht gefehlt, und vielleicht wäre es besser für mich gewesen.
Alfred entgegnete ihr keine Sylbe; es entstand eine lange Stille, denn Caroline fand nicht den Mut, das Schweigen zu brechen, das drückend auf ihr lastete. Endlich tat es Alfred.
Nach dieser Aeusserung, Caroline! sagte er sehr ruhig und bestimmt, obschon in seinem Antlitz seine innere Erregung klar zu lesen war, nach dieser Aeusserung und nach den Vorgängen der letzten Tage und Stunden, hoffe ich bei Dir auf keine Einwendungen zu stossen, wenn ich Dir mitteile, was ich für uns beschlossen habe. Ich gehe noch heute nach der Stadt, werde dort bleiben und Felix, dessen Erziehung dies ohnehin erheischt, nachkommen lassen. Du magst über Deine Zukunft bestimmen, Dich einrichten, wie es Dir wünschenswert scheint, nur nach Berlin komme für das Erste nicht. Darum bitte ich Dich, es würde uns die notwendige Trennung nur erschweren.
Alfred! schrie Caroline im Tone des wahrsten Schmerzes auf, ist es denn möglich, Du willst mich verlassen? Habe ich Dir je Anlass gegeben, an meiner Liebe zu zweifeln? Bin ich Dir nicht stets ein treues Weib gewesen?
Erniedrige Dich nicht durch solch ein Lob! versetzte er. Was frommte Treue, was galt Liebe, wo jeder Tag, jede Stunde mir Leid gebracht hat? Wir sind unglücklich gewesen durch einander, so wollen wir uns trennen, um fern von einander wenn nicht Glück, doch Ruhe und Frieden zu finden; um Felix dem üblen Einflusse zu entziehen, den unser Unglück auf ihn ausüben muss, je mehr er es begreifen lernt.
Alfred! flehte sie weinend und warf sich an seine Brust, Alfred! ich bin die Mutter Deines Kindes! Um unseres Felix willen vergib, vergib nur noch dies eine Mal, und bleibe!
Er aber machte sich sanft von ihr los und antwortete mit Tränen in den Augen: Ist es das erste Mal, dass solche Auftritte zwischen uns vorfallen? Ich weiss, Du bist an mich gewöhnt, Du liebst den Knaben, Du bist nicht böse, aber wie oft hast Du mir schon gelobt, Dich zu ändern? Wie oft hast Du mir versprochen, Deine Heftigkeit zu überwinden, Dich von dem Einfluss des Kaplan Ruhberg loszusagen, meinen Ansichten, meinen Wünschen Gehör zu geben, wie ich es stets mit den Deinen tat? Ist es anders geworden trotz aller Deiner Versprechungen?
Sie schwieg, getroffen von der Wahrheit in den Worten ihres Mannes, und dieser fuhr fort: Glaubst Du, dass mir nicht das Herz blutet, jetzt, da ich von Dir scheide? Mit wie viel gutem Willen, mit wie redlichen Vorsätzen führte ich Dich in mein Haus! – Vielleicht war es unrecht, dass ich es tat, obgleich ich fühlte, dass Manches störend zwischen uns lag. Ich habe vielleicht zu viel von Dir verlangt; verlangt, was Du nicht leisten konntest, und Du wärst glücklicher mit jedem andern mann geworden, wie Du vorhin sagtest – das könnte sein und das wäre hart!
Eine neue Pause entstand. Caroline weinte laut, Alfred ging wieder im Zimmer umher, endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte mit gepresster stimme: Der Verwalter hat meine Befehle für die nächste Zeit. Felix werde ich nicht sehen in diesem schweren Moment, sei nicht zu streng gegen ihn. Dann schritt er der tür zu, kehrte zurück, bot seiner Frau die Hand und sprach: Vergib mir, wenn Du so viel gelitten hast als ich, und versuche es, glücklicher zu werden.
Damit verliess er das Zimmer, sein harrender Kammerdiener warf ihm den Mantel über, er stieg in den Wagen, seine raschen Pferde brachten ihn zu der nächsten Station, von dort wollte er mit Postpferden nach der Residenz fahren.
Caroline blieb betäubt zurück; dann holte sie ihren Sohn, den sie mit Zärtlichkeit überhäufte. Auf seine fragen, ob der Vater ausgefahren, ob er bald wiederkomme, antwortete sie bejahend, denn sie glaubte zuversichtlich an die Rückkehr ihres Mannes. Sie kannte sein weiches Herz, und sie hatte nicht so schwer durch ihre unglückliche Ehe gelitten, als er.
IV
Alfred fuhr die ganze Nacht hindurch. Er konnte nicht schlafen, denn sein Gemüt war zu aufgeregt durch das Scheiden von seiner Frau; all seine Gedanken wendeten sich der Heimat zu. Er sah seine Frau weinen, seinen Sohn nach dem Vater verlangen, das kleine Arbeitscabinet leer. Eine tiefe Wehmut überfiel ihn, und wieder und immer wieder gedachte er prüfend der letzten Jahre, um sich zu überzeugen, dass der Schritt notwendig, ja dass er unerlässlich gewesen sei, den er am Abende getan hatte.
Diese überzeugung beruhigte ihn allmälig, so dass er mit einer Art von Heiterkeit und mit einem Gefühl von Freiheit in die natur hinausblickte, als ein frischer Windhauch seine Stirne kühlte und der junge Morgen die Erde beleuchtete. Es war ihm, wie in jenen Tagen erster Jugend, in denen man bei jedem Schritte aus dem gewohnten Kreise besondere begebenheiten erwartet und Abenteuer träumt; und wirklich bereitete sich, während er über sich lächelte, ein ganz artiges Ereigniss für ihn vor.
Eine halbe Stunde näher zur Residenz fuhr ebenfalls ein eleganter, von Postpferden gezogener Reisewagen auf der Chaussee. Die Fenster desselben waren geschlossen, Postillon und Diener waren eingeschlafen, die Pferde gingen ruhig den oft