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Wie arglose Kinder spielen sie mit der Rose, erfreuen sich an dem Glanz der Tropfen in ihr und denken, es sei der Tau, der die Blume erfrischt. Es sind unsere Tränen, ihr Toren! heisse, bittere Tränen. Unser Herzblut ist es, das wir vergossen haben, als die Dornen uns zerrissen, die wir euch zu vermeiden lehren. O! das Leben tut oft weh; es macht Schmerz, in seine Tiefen zu schauen, und wie selten erringt man die lichte Höhe, auf der das Glück tront und die Freiheit und der Friede.

Er stützte das Haupt in die Hand und blieb nachdenkend, bis der Schritt eines Eintretenden ihn aufstörte. Es war der Präsident. Er sah ungemein heiter aus und rief ihm schon an der tür zu: Nun! Noch nicht im Costüme?

Alfred stand auf und fragte zerstreut: Wovon sprichst Du da?

Von dem Balle bei Frau von Wöhrstein.

Ja so! den hatte ich im Augenblicke wirklich fast vergessen!

Du kommst doch hin? fragte der Präsident.

Ich hatte es mir vorgenommen, weil unser ganzer Kreis daran teil nimmt; nun ist mir aber die Lust vergangen. Ich bin verstimmt, habe unangenehme Nachrichten erhalten und bleibe lieber zu haus.

Julian fragte, was dem Freunde begegnet sei, Alfred berichtete und jener meinte: Das ist nun ein peinlicher Zustand, den Du noch eine Weile zu ertragen haben wirst. Solche Verhältnisse ordnen sich endlich, wenn auch langsam, und sie ordnen sich nicht schneller, falls man sich das Leben durch sie verbittern lässt. Uebrigens ist nicht von Deinem Vergnügen die Rede, sondern von einem Dienste, den Du mir leisten sollst. Ich bin plötzlich behindert, durch unabweisliche Geschäfte, den Ball zu besuchen; Terese will deshalb auch zu haus bleiben. Das möchte ich nicht, um der Baronin willen, und ich wollte Dich bitten, meine Schwester zu begleiten. Kann ich es möglich machen, so komme ich vielleicht später etwas hin, aber ich zweifle daran.

Alfred erklärte sich sofort bereit, den Präsidenten zu vertreten, und man verabredete, dass er in seinem Wagen mit dem Assessor, Terese und Eva in dem Wagen der letzteren fahren und man sich dort zusammenfinden sollte.

So bleibt Agnes doch zu haus? fragte Alfred.

Terese hat es verlangt und sie kann Recht haben, entgegnete Julian. Sie behauptet, das Mädchen sei anscheinend nicht bestimmt, in der grossen Welt zu leben; deshalb wolle sie es an keinen Luxus gewöhnen, und was dergleichen Rücksichten mehr sind. Uebrigens würde es mich gar nicht wundern, wenn Agnes sich hier vorteilhaft verheiratete; denn sie wird täglich schöner. Findest Du das nicht?

Ich habe nicht darauf geachtet; aber sie ist hübsch und natürlich, meinte Alfred.

Das ist für mich ihr grösster Reiz! sagte der Präsident. Wenn ich an Sophien's Genialität mit Bewunderung zurückdenke, wenn das tiefe, durch Welt- und Menschenkenntniss gebildete Wesen meiner Schwester mir achtung gebietet, oder wenn die neckische Sorglosigkeit Eva's mich belustigt, so muss ich mich oft wundern, wie der Zufall hier in unserm Kreise gerade drei Frauen nebeneinander stellte, die man als die Resultate unserer socialen Verhältnisse auf die Bildung der Frauen in den höheren Ständen bezeichnen könnte.

Ich habe die Bemerkung ebenfalls gemacht, meinte Alfred, mochte sie Dir aber nicht mitteilen, weil Deine Schwester dabei beteiligt war. Eva ist eins von den vielen harmlosen Mädchen, die von ihren Müttern für den Heiratsmarkt erzogen und mit jenen oberflächlichen Reizmitteln geschmückt worden sind, die die Käufer anlocken und blenden. Wie leer diese armen, kleinen Odalisken selbst dabei ausgehen, wie ohne inneren Halt sie dabei bleiben, wenn das Leben ihnen später eine ernstere Seite zeigt, das berücksichtigen die Mütter eben so wenig, als die Prediger der Frauenemancipation an das Elend denken, in das sie Naturen, wie Sophie stürzen. Herausgerissen aus der schönen Begrenzung der Sitte, der Gewalt ihres Liebesbedürfnisses, der wechselsuchenden leidenschaft des Mannes überlassen, müssen gerade die reichsten Frauenherzen am schwersten darunter leiden und ewig sehnsuchtsvoll nach jener reinen Höhe blicken

Alfred hielt inne, weil ihn eine unüberwindliche Scheu abhielt, von Terese zu sprechen. Julian bemerkte es und sagte: Du meinst nach der reinen Höhe der Weiblichkeit, auf der meine Schwester steht?

Alfred bejahte es und Jener meinte: Damit ist es auch ein eigen Ding! – Ich fühle, dass Terese geschaffen ist, durch ihr Herz, durch ihren Geist das Glück eines Mannes zu machen, und doch, so sehr ich dies anerkenne und sie liebe, gestehe ich Dir, ich würde mir vielleicht eine weniger selbständige natur zur Frau erwählen. In ihrer selbständigen Durchbildung liegt mehr Emancipation verborgen, als in Sophien's ganzer Vergangenheit.

Das heisst, sagte Alfred lebhaft, jene edle Entwicklung aller weiblichen Seelenkräfte, welche die Frau zur schönen Ergänzung des Mannes, zu seiner wahrhaft würdigen Gefährtin macht und

Dem mann das reizende Vorrecht entzieht, die Geliebte zu beschützen, ihr Alles in Allem zu sein, unterbrach ihn Julian. Eben diese Art von weiblicher Vollendung hat für mich doch auch ihre Bedenken. Das ist in unsern Verhältnissen so geworden, es hat sein Gutes, aber man wird manchmal aller zivilisation müde und verlangt natur. Solch ein Naturkind ist Agnes. Ich habe Eva einmal scherzend mit Champagnerschaum verglichen; Agnes ist der klare Bergquell, aus dem ein Trank uns Labsal wird, wenn unsere überreizten Nerven nach Erfrischung schmachten; sie ist