1845_Lewald_141_60.txt

, aber in ein Kloster niemals. Man soll sich nicht durch Eide binden, die unsere Freiheit beschränken, man darf nie und nimmer ein Gelübde leisten, das uns zum Fluche werden, das uns zu einer Zeit fesseln kann, in der wir selbst es als einen Irrtum betrachten, in der wir sehnsüchtig nach Freiheit verlangen.

Eine zweite, noch gefährlichere Pause entstand, Terese fühlte es und fragte: Und was denken Sie der Armen zu raten?

Ich weiss es selbst nicht, antwortete er. Glücklicherweise ist sie hier noch durch ihr Engagement gebunden. Sie tritt nicht auf, und man muss sich darein finden, weil sie wirklich leidend ist; aber man will sie nicht frei geben, sie nicht ihrer Verpflichtungen entlassen. Sie verlangt, dass ich mit der Direction unterhandele, und ich habe die einleitenden Schritte dazu getan. Dass sie hier bleibt, scheint mir selbst nicht ratsam, dennoch betreibe ich die Angelegenheit ohne Eile, um Zeit zu gewinnen, um ihr Zeit zu reiflicher überlegung zu lassen. Wären Sie nicht Julian's Schwester, ich liesse nicht mit Bitten nach, bis Sie sich Sophien näherten, bis Sie sie in Ihren Schutz, in Ihre Pflege nähmen. Eine solche natur vor sichrer Reue zu retten, das wäre ein schöner Beruf für ein edles Frauenherz, das sich zu ihr neigen wollte.

Er sprach mit Wärme, erwartete sichtlich Beistimmung, hoffte vielleicht gar auf irgend eine Ermutigung, aber Terese schwieg. Sophie dauerte sie, sie glaubte an alles Gute, das Alfred von ihr aussagte, dennoch konnte sie sich nicht überwinden, in irgend eine Beziehung zu ihr zu treten. Sophien's verhältnis zu ihrem Bruder hatte ihr zu viel Kummer gemacht, sie konnte und wollte den Unwillen nicht besiegen, den sie gegen jede Uebertretung der Sitte fühlte, und vielleicht tat ihr auch die Teilnahme Alfred's an Sophien wehe. Ihr besseres Selbst tadelte sie deshalb, aber sie bot den Beistand nicht an, den Alfred verlangte.

Felix und Agnes kehrten zurück und eine allgemeine Unterhaltung zog Terese von den Zweifeln ab, die sie innerlich beunruhigten.

VI

Seit vielen Tagen hatte Alfred einen Brief von seinem Freunde, dem Domherrn, erwartet. Endlich langte er an. Nach einer kurzen Einleitung hiess es in demselben:

"Ich kann Frau von Reichenbach zu keiner bestimmten Erklärung, zu keinem Eingehen auf Ihre Wünsche bewegen. Ich müsste mich sehr täuschen, wenn diese Hartnäckigkeit nicht von den Ratschlägen des Herrn Kaplan herrühren sollte. Er ist Ihr entschiedener Feind. Ich weiss nicht, womit Sie ihn bei Ihrer letzten Anwesenheit in Rosental verletzt haben mögen, aber er verbirgt seinen Widerwillen gegen Sie durchaus nicht. Er tadelt überall laut das Verfahren gegen Ihre Frau, er hat dieser gesagt, dass bei einer Ehescheidung Sie allein für den schuldigen teil erklärt werden, dass man Sie böslicher Verlassung beschuldigen würde und dass Frau von Reichenbach viel vorteilhafter bei einer Scheidung gestellt sein dürfte, als bei der Trennung, die Sie ihr vorschlagen. Dies sagte mir Ihre Frau selbst; zugleich aber auch, dass Ruhberg ihr rate, sich noch nicht zu entscheiden, sondern Ihre Rückkehr zu hoffen und zu fordern."

"Ruhberg spielt ein schlecht verstecktes Spiel. Mich dünkt, er will Sie durch den Widerstand Ihrer Frau zu einem Aeussersten treiben; er hofft, dass Sie die gerichtliche Scheidung endlich doch verlangen werden, und sieht sich im geist bereits an meiner Stelle und als Verwalter Ihrer Güter, als Erzieher Ihres Sohnes. Irgend einen bestimmten Anschlag führt er ganz entschieden gegen Sie im Schilde, darum seien Sie vorsichtig, lieber Freund! Lassen Sie sich nicht ungeduldig machen, denken Sie an die Vorsätze, die Sie gefasst, sich für fremdes Wohl zu opfern, und beharren Sie fest in Dem, was Sie für das Rechte erkannt haben. Ich gebe die Angelegenheit nicht aus den Händen, vielleicht sende ich Ihnen bald eine bessere Botschaft. – Seien Sie vorsichtig, mistrauen Sie allen Vorschlägen, die Ihnen von Ruhberg kommen, und verzeihen Sie es einem alten Freunde, wenn er Sie vielleicht in übergrosser Besorgniss mit Ratschlägen belästigt, deren ein Mann wie Sie sicher nicht bedarf."

Alfred ward durch diesen Brief in die bitterste, verdriesslichste Stimmung versetzt. Er hatte, als er ihn empfing, mit Lust bei der Arbeit gesessen und in warmen Worten das Glück geteilter Liebe, das Glück einer Ehe geschildert. Spöttisch sah er jetzt auf die Blätter herab, die vor ihm lagen.

Welch lächerliches, widerwärtiges Narrenspiel ist das Leben! sagte er zu sich selbst. Da sitze ich und spreche von einem Glücke, das ich nie gekannt habe; das mir aus nächster Nähe winkt und das ich nicht erfassen darf. Da male ich Liebe und fühle nichts als Zorn, während die Welt vielleicht einst mich um das eheliche Glück beneidet, dem ich diese Schilderung nachbildete. O! wenn das Publikum wüsste, welche tiefe Wunden, welche heisse sehnsucht sich oft hinter den Worten verbergen, an denen es sich erfreut! Wenn sie wüssten, dass nur zu oft der Schmerz es ist, der die Binde von unseren Augen nimmt und uns lehrt nach den Geheimnissen in der eigenen Brust zu forschen und fremde Seelen zu verstehen! Wenn sie ahnten, wie schwer wir die Erfahrungen bezahlt haben, wie herb, wie drückend sie uns gewesen sind, die wir für sie mit dem Zauber der Dichtkunst verklären, die wir ihnen darbringen als eine Warnung, gehüllt in die duftigen Schleier der Fabel! –