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zu ihrem Wagen geleitet, und ging in stürmischer Bewegung umher, wie es seine Art war, wenn ein Ereigniss ihn schmerzlich beschäftigte. Mehrmals blieb er stehen, den Kopf gegen die Fensterscheiben gestützt, und sah sinnend in die Gegend hinaus. Dann setzte er die frühere Bewegung wieder fort, ging an die tür, um die Glocke zu ziehen, aber plötzlich zögernd liess er die Schnur aus der Hand entgleiten, trat zurück und warf sich in den Sessel, der vor seinem Schreibtische stand.

Hier sass er, in Gedanken verloren, lange Zeit, bis er sich plötzlich aufraffte, die Klingel zog, dem Diener befahl, die gnädige Frau zu ihm zu bitten, und dann, sie erwartend, auf's Neue in tiefes Nachdenken versank.

Carolinen's erscheinen machte ihn erbleichen. Du hast mich rufen lassen, was willst Du von mir? fragte sie mit Eiseskälte.

Habe die Güte, Dich zu mir zu setzen, bat er sie.

Die äussere Ruhe ihres Mannes bei sichtlicher innerer Erregteit erschreckte sie, und teils, um sich Mut zu machen, teils auch ihr früheres Betragen bereuend, rief sie: Um Gottes willen, lieber Alfred, nur keine Ermahnung, sage einfach, was Du willst, und mach' es kurz!

Dabei legte sie ihren Arm um seinen Nacken und neigte sich zu ihm, als ob sie ihn küssen wollte, aber er wehrte es ihr leise und sagte sehr ernstaft: Die zeiten sind vorüber, in denen eine Liebkosung mich mit Deinen Fehlern versöhnte. Ich bin es herzlich müde, mich und den Knaben von Dir tyrannisiren zu lassen, ich bin es müde, jeden Freudenbecher, den das Leben mir bietet, durch Dich in Wermut verwandeln zu sehen. Wir werden uns trennen!

Sie sah ihn in sprachloser Erstaunung an. Sein Ernst liess sie das Schlimmste fürchten, aber sie wünschte von Herzen, sich zu täuschen, und sagte mit erzwungenem Lächeln: Soll das ein Kapitel aus Deinem neuen Roman sein? Es klingt sehr traurig.

Scherze nicht! entgegnete er ihr, es ist das entscheidende Kapitel unseres Ehestandes.

Aber was ist denn geschehen? rief sie, was bringt Dich gerade heute mit einem Mal so plötzlich auf?

Die Ungerechtigkeit und die Härte, welche Du heute wieder gegen den Knaben und gegen mich begangen hast. Sage selbst, was hatte ich Dir getan? Warum hast Du das Kind, und obenein im Beisein einer Fremden, so hart gescholten?

Weil er wieder wie ein Bauernjunge mit zerrissenen Kleidern nach haus kam, weil er gar nicht mehr zu bändigen ist, gegenredete die Mutter, den ersten teil der Frage geschickt umgehend. Aber das sind die Folgen Deiner ewigen Lehren von der allgemeinen Gleichheit der Menschen, von der wahren Barmherzigkeit. Nun siehst Du selbst, wohin das führt. So mitten unter allem Gesindel lässt kein Edelmann seine Kinder aufwachsen, so verkennt Niemand als Du, was er seiner Stellung schuldig ist.

Und das sagst Du mir?

O! Du brauchst mich nicht zu erinnern, dass ich Dir eine glänzendere Stellung verdanke, als ich sie zu haus gehabt; ich weiss wohl, dass es Dich oft genug gereut hat, die arme Registratorstochter geheiratet zu haben. Obgleich mein Vater so gut ein Edelmann war, als Du, hast Du Dich meiner doch von je geschämt.

Caroline! das sagst Du mir? fragte Alfred nochmals. Dann nahm er sie bei der Hand, führte sie zu dem Sopha, setzte sich neben sie und sagte mit befehlendem Ernst: Jetzt unterbrich mich einmal nicht! – Ja! Du hast wahr gesprochen, wahrer als Du weisst. Ja! ich schäme mich Deiner, ich habe mich Deiner oft geschämt, aber nicht um Deines armen, wackern Vaters willen, den ich hochgeschätzt, wie alles Tüchtige, das weisst Du wohl. Ich habe mich Deiner geschämt, wenn Du in ungezügelter Heftigkeit den Unfrieden unserer traurigen Ehe fremden Blicken preisgegeben hast, wie heute; wenn Du in blinder Eifersucht Dich und mich dem Spotte unserer Bekannten aussetztest.

Weiss es nicht längst alle Welt, dass Du und ich nie gleicher Ansicht sind? Wo steckt das grosse Verbrechen, dass ich dies heute halb im Scherze der Baronin sagte, und Felix einen Verweis gab, den er reichlich verdient hat! unterbrach sie ihn trotz seiner Warnung. Das tut jede Mutter; das täten all die geistreichen Damen auch, die mir mit ihrer Anbetung für Dich, als wir in der Residenz waren, Dein Herz entfremdeten. Das hätte auch Deine Freundin, das hätte jene Baronin auch getan, die Dir vor unserer Verheiratung wie ein Ideal erschien, im Gegensatz zu mir, und deren Bruder Dich zu allen Deinen poetischen Torheiten verleitete.

Alfred fuhr auf und seine Hand ballte sich krampfhaft zusammen, doch sagte er ruhig: Terese Brand, die Du vermutlich meinst, war eben so wenig Baronin als Du, aber eine sehr edele natur, die mit lebhaftem Gefühl die Dichtungen begriff, welche ich Dir aus vollem Herzen weihte, und die Du nicht empfandest. Dass ihr Bruder Julian mich zum Drucke jener Gedichte überredete, war keine Torheit; aber von dem Allen ist jetzt die Rede nicht.

Und hat er Dich nicht mit Gewalt bereden wollen, mit mir zu brechen? Habe ich nicht selbst den Brief gelesen, als Du einmal Deine Brieftasche bei uns hast liegen lassen? Er meinte, wir passten nicht für einander, Du seist zu jung zum Heiraten, Du solltest mich