hatte sie damit in eine peinliche Ungewissheit gestürzt. Endlich, als die sehnsucht in ihm zu gross geworden, hatte er angefangen, ihr Verhalten zu billigen. Er wollte kein geständnis mehr von ihr ertrotzen, er ehrte ihr Schweigen, denn eine innere überzeugung liess ihn nicht an ihrer Liebe zweifeln. Nur ihr, das fühlte er, dankte er die Möglichkeit, sie sehen und auch künftig in ihrer Nähe leben zu können. So war er ihr bewegt und versöhnend entgegengetreten. Keiner Erklärung hatte es bedurft und ein friedliches, inniges verhältnis stellte sich zwischen ihnen her. Er besuchte Terese täglich, aber er sah sie nur selten allein. Sein ganzes Fühlen und Denken sprach er vor ihr aus, die leisesten Regungen seiner Seele entüllte er ihr, und seine Liebe, seine Verehrung für sie stiegen noch mit jedem Tage. Sie schien beglückt durch sein Vertrauen, sie hatte ihre äussere Ruhe wiedergefunden, Jedermann musste sie für zufrieden, selbst für glücklich halten, denn Niemand sah ihre stillen Tränen, ihr verzagtes Zusammenbrechen in der Einsamkeit. Alle Zärtlichkeit, die sie für Alfred hegte und ihm verbarg, breitete sie über seinen Sohn aus. Die Nähe des Knaben war ihr eine Wohltat und Felix fühlte sich bald so heimisch bei ihr, dass er, so oft er durfte, zu ihr eilte.
Er und Agnes wurden denn auch bald die besten Freunde von der Welt. Stundenlang konnte sie sich mit ihm unterhalten und mit ihm wie mit ihren kleinen Brüdern spielen. Dann trat das kindliche Element in ihrem Wesen entschieden hervor, so dass es kaum zu sagen war, wer mehr Lust an dem Spiele empfände, ob sie oder der Knabe. Die grösste Freude aber machten sie dem Präsidenten. Er konnte nicht müde werden, ihnen zuzusehen. Er baute mit Felix die schönsten Festungen aus den Steinen seines Baukastens, hörte eifrig den Märchen zu, die Agnes ihm erzählte, wusste daran Belehrungen für sie und den Knaben zu knüpfen und erschien so liebenswürdig, dass Beide ihm von Herzen zugetan waren und seine Ankunft jedesmal freudig begrüssten.
Es gab Stunden, in denen selbst Terese und Alfred ihren heimlichen Gram vergassen und sich heiter wie Julian dem Frohsinn der Jugend überliessen. Nur Teophil nahm keinen teil daran. Lässig und missgestimmt betrieb er widerwillig die Zurüstungen für den Ball, der jetzt schon nahe bevorstand. Sein Unwohlsein kehrte häufiger wieder, er klagte über grosse Abspannung, musste bisweilen seine Amtsgeschäfte versäumen und endlich wieder den Rat des Arztes in Anspruch nehmen, der ihn, wie immer, auf die eigene Kraft, auf Tätigkeit und Zerstreuung verwies. Das aber waren Mittel, die eine natur wie die seine nicht anzuwenden vermochte.
Er folgte Terese wie ihr Schatten, schien nur in ihrer Nähe zufrieden; dennoch wusste sie ihn soweit zu beherrschen, dass er ihr niemals von seiner Liebe sprach, die er ziemlich unverhohlen an den Tag legte und als den Grund seines Leidens bezeichnete. Klagte er über Gemütsbewegungen, die ihn aufrieben, sprach er von einer idee, die ihn ausschliesslich erfülle und ihm alles Andere zur Last mache, dann riet ihm Terese, zu reisen, sich in das Gewühl des Lebens zu stürzen, und machte damit seine Klagen verstummen, bis irgend ein neuer Anlass sie hervorrief. So sehr diese von ihr nicht geteilte Liebe sie bisweilen peinigte, so gab es doch Augenblicke, in denen sie ihr wohltat. Wenn sie sich selbst recht unglücklich, an Freude verarmt erschien, linderte das Bewusstsein ihren Schmerz, dass sie in ihrer Liebe einen Schatz besitze, der im stand sei, Teophil's Wünsche zu krönen, sein Glück zu machen. Sie verzieh ihm dann gern seinen Mismut, seine Klagen; sie tat, was sie konnte, ihn zu erfreuen, ohne ihm jedoch irgend eine Hoffnung zu geben, dass sie jemals die Seine werden wolle oder könne.
V
Der November war nun fast zu Ende und man näherte sich dem Tage, an dem der Maskenball stattaben sollte. Der Präsident und Terese hatten der Baronin ihre Gegenwart für den Abend zugesagt und diese hatte auch Agnes dazu eingeladen, die den Wunsch ausgesprochen, die ungekannte Freude zu geniessen. Terese hatte sich, trotz Agnes' Bitten, dagegen erklärt, aber als nun der Termin heranrückte, als Agnes bei Frau von Barnfeld beständig von dem Feste sprechen hörte, als diese und Teophil von den Handwerkern die einzelnen Garderobestücke angefertigt erhielten, da stieg ihre Lust, dem Balle beizuwohnen, höher und immer höher.
Eines Tages sass sie mit einem buch in Teresen's Zimmer, während diese ausgegangen war, und dachte wieder lebhaft an den Ball und seine Freuden, als der Präsident hereintrat und ihr über die Schultern in das Buch blickte.
Was lesen Sie, Agnes? fragte er.
Romeo und Julie, Herr Präsident! Terese hat es mir gegeben.
Julian nahm das Buch, blätterte darin und fing an, dem jungen Mädchen die erste Scene vorzulesen, in der Romeo und Julie sich auf dem Balle begegnen. Er hatte bei seinem regen Gefühl für Poesie es bald vergessen, dass er nur auf einen Augenblick gekommen war. Die Schönheit des Gedichtes riss ihn hin, und mit seinem wohlklingenden Organ und aller Begeisterung, die er für Shakspeare hegte, las er weiter und immer weiter, bald diese, bald jene Stelle, bis er endlich die Balkonscene aufschlug. Agnes hatte gespannt zugehört, doch kam es dem Präsidenten vor, als erlösche allmälig ihre Teilnahme, und er forderte sie auf, die Julia selbst