Güter, die durch den Scheidungsprocess für ihn verloren gehen würden, für Felix zu erhalten, und dass er deshalb seine Wünsche seiner Pflicht opfern und sich nicht von seiner Frau scheiden lassen werde. Das ist mir nun sehr lieb, denn ich habe ihm selbst schon früher aus vollster überzeugung den Rat gegeben. Er ist aber bei dem Schreiben des Briefes offenbar in so heftiger Aufregung gewesen, dass ich für die Ruhe seiner Zukunft sehr besorgt bin. Ich wollte, wir hätten ihn erst wieder bei uns, denn die Einsamkeit in Plessen, wohin er mit Felix gegangen ist, taugt ihm in seiner Stimmung gar nicht.
Terese hatte während der Erzählung ihres Bruders mehrmals die Farbe gewechselt; als er geendet, fragte sie leise: Und er kehrt dennoch wieder?
Beunruhigt Dich das? fragte der Präsident. Da warf sich Terese an des Bruders Brust, ohne zu antworten, aber grosse, schwere Tränen fielen aus ihren Augen, als Julian sie fest an sich drückte und mit grosser Zärtlichkeit sagte: Ach! arme Schwester! blutet die alte Wunde noch? – Er lehnte ihren Kopf an seine Brust, strich ihr, wie einem kind, schmeichelnd mit der Hand über das Haar und schien fast eben so bewegt zu sein, als sie. Eine Weile schwiegen Beide, dann sagte der Präsident, als Terese sich emporrichtete und die Augen trocknete, während sie zu lächeln versuchte: Im Frauenherzen ist die wahre Liebe doch eine unverwelkliche Blüte. Gänzliche Hoffnungslosigkeit hemmt für den Augenblick wohl ihren Wuchs, aber sie vermag sie nicht zu ertödten, und bei dem geringsten Strahl von Hoffnung schiesst sie mächtig wieder empor, und hätte sie noch so lange im Winterschlafe gelegen. Du warst so heiter geworden, Beste, ich glaubte Dich längst von dieser Liebe geheilt, die Dich bewog, früher alle Bewerbungen um Deine Hand abzulehnen. Es schien mir, als sähest Du Alfred jetzt ruhig wieder, als hätte sich ein schönes, freundliches verhältnis zwischen Euch gebildet. Aber Alfred's leidenschaftliche Unruhe, Deine heissen Tränen verraten mir das Gegenteil. Was ist denn vorgegangen zwischen Euch? Wie steht Ihr mit einander?
Sie erzählte und berichtete ihm treu. Er hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als sie geendet hatte, fragte er: Und wie willst Du, dass wir es halten, wenn Alfred wiederkehrt?
Ich möchte, dass es bliebe wie bisher, lieber Bruder, antwortete sie ihm. Ich traue mir die Kraft zu, äusserlich ruhig und fest zu bleiben. Alfred weiss es ja nicht, dass mein ganzes Dasein ihm gehört hat, von meiner frühesten Jugend an, und wenn ich damals den Mut gehabt habe, mich niemals zu verraten, so hoffe ich, mir auch jetzt getreu zu bleiben.
Und traust Du auch Alfred die nötige Ruhe zu? Ihr Frauen, gewohnt, Euch zu beherrschen, zu dulden, bezwingt Euch leichter als der Mann, der sich die Verhältnisse zu schaffen verlangt. Wozu soll es führen, wenn Ihr Euch täglich begegnet, wenn eine Liebe tief und immer tiefer wurzelt, die keine Zukunft hat?
Julian, sagte Terese, lass mich einmal Deiner Lehre vom Genuss des Augenblickes folgen! Lass mich Alfred's Gegenwart geniessen! Wer weiss, wie bald das Leben uns trennt! Jahre lang habe ich ruhig und glücklich im Andenken der Vergangenheit gelebt, habe mich gefreut, wenn ich ihn in jedem seiner Werke grösser und herrlicher wiederfand; habe einen frohen Tag gehabt, wenn die Zeitungen nur seinen Namen nannten.
Das ist aber doch ein sehr trauriges Glück! unterbrach sie der Bruder.
Nicht traurig für ein Frauenherz, antwortete sie, nicht traurig für mich; glaube mir das, mein Bruder! Ich hatte Dich, ich hatte das Andenken an ihn, ich war zufrieden und ganz ausgefüllt; ich werde es wieder, werde wieder ganz heiter sein, wenn Alfred einmal von uns scheidet. So lange er aber bei uns bleibt, so lange er bleiben will, gönne mir die Freude, ihn zu sehen, es wird mir Glück für viele, viele Jahre sein. Willst Du mir das gestatten, Bruder? bat sie. Glaube mir, ich werde ruhiger sein, wenn ich ihn wiedersehe.
Der Präsident versuchte noch Einwendungen zu machen, da er seiner Schwester den Schmerz zu ersparen wünschte, aber ihre Bitten und Gegenvorstellungen besiegten ihn. Er gab nach und wollte sich entfernen, als ihm Terese berichtete, was zwischen ihr und Teophil vorgefallen war.
Teophil ist ein Tor, sagte der Präsident. Er kann ohne Leiden nicht leben und es hilft nichts, wenn Du ihm klar machst, dass er sich seine Neigung für Dich nur einbilde, was ich selbst glaube. Es ist ein Bedürfniss nach Gefühlserregungen in ihm. Das Leben gesund und froh zu geniessen, ist er zu schwach; da macht er sich denn ein Liebesleid zurecht, das er betrauern, über das er seufzen kann, und das ihm nach seiner Meinung ein Recht gibt, unglücklich zu sein und müssig das Leben zu verträumen. Du könntest ihm keinen bessern Dienst erweisen, als wenn Du seine Liebe erhörtest. Tätest Du ihm den Gefallen, so würde er bald einsehen, dass er nicht für Dich passt, dass er Dir auf die Länge geistig nicht genügt, und eine neue Quelle des Kummers würde glücklich für ihn gefunden sein. Ich kenne solcher Menschen mehr.
Du beurteilst ihn zu streng, meinte Terese. Du siehst wohl, dass ich in gewisser Art Deine