es lieb, es ist für ihn wirklich da, so lange es nur in ihm ist. Will man aber den flüchtigen Wellenschaum fassen, will man ihn uns zum Ansehen hinreichen, so zerfliesst er; er wird gewöhnliches Seewasser und sein poetischer Reiz ist dahin. Ich glaube an Puck, ich glaube an den Weber Zettel, dem ein Eselskopf wächst, ich kann mir das lebhaft denken. Tritt aber Puck auf, so ist es allerdings eine reizende Schauspielerin, aber nicht mehr mein kleiner Puck; an den Eselskopf von Papiermaché oder Leinwand glaube ich nicht, und das poetische Gedicht wird zu einer gewöhnlichen Zauberposse.
Du pflegtest Aehnliches auch von der Darstellung des Faust zu sagen, bemerkte Terese.
Gewiss! sagte Julian, und ich werde jede Darstellung missbilligen, in der man uns das Unkörperliche verkörpern will. Mephisto ist die Versuchung, die Verlockung des irdischen Reizes, die einen Menschen, gegen seine bessere überzeugung, zu Handlungen verführt, welche von den gewöhnlichen Moralgesetzen, von der christlichen Religion verdammt werden. Mephisto ist das böse Princip im Menschen, das Goete verkörpert darstellt, um sich damit dem alten Volksgedichte vom Faust anzuschliessen. Mephisto entüllt, wie der griechische Chor, was in der Seele des Helden vorgeht, seine Wünsche, seine Zweifel, seinen inneren Kampf, das Unterliegen seines Gewissens und seine Reue. Hat nun das Auftreten des griechischen Chors immer etwas störsam Befremdliches für uns, so ist die Erscheinung des Mephisto für mich fast ebenso störend. Ich habe den Faust auf den verschiedensten Bühnen aufführen, den Mephisto von den verschiedensten Schauspielern darstellen sehen, und immer habe ich die Empfindung gehabt, dass man die Dichtung vom Himmel durch die Welt zur Hölle schleppe!
Und auch hier in Berlin haben Sie das gefunden? fragte Teophil. Mich dünkt, dass man hier das Höchstmögliche dafür getan hat, ihn würdig darzustellen.
Nirgend habe ich die Darstellung plumper, materieller gefunden, als gerade hier. Ich halte Seidelmann's Talent in Ehren, das sich in vielen Rollen trefflich bewährte; aber sein Mephisto war das widerwärtigste Zerrbild von der Welt. In dem Bestreben, jeden Charakterzug des Bösen zur Anschauung zu bringen, wurde er so garstig, sein höllisches Grinsen, Blasen und Zähnefletschen so entsetzlich, dass Gretchen's ahnungsvolles Grauen vor ihm einen viel natürlichern Grund hatte, als den geheimnissvollen Schauer einer reinen Seele, wenn sich ihr das Böse naht. Es bedurfte nicht ihrer instinktmässigen Furcht, sie von ihm zurückzuscheuchen, er war so garstig, dass ihn Jeder geflohen hätte. Das Böse aber muss blendend sein, um uns zu verführen, und ich möchte wohl einem geistreichen Schauspieler raten, einmal den Mephisto als schönen, jungen Cavalier mit den feinsten Sitten darzustellen, soweit das mit dem Goeteschen Bilde vereinbar ist. Durch die schöne, gewandte Form müsste der teuflische Hohn durchblitzen, man müsste sich wundern, warum Gretchen, warum wir selbst uns vor dem feinen Ritter scheuen, der uns anzieht und gefällt. Mephisto soll eine Klapperschlange sein, der die Vögel schaudernd in den Rachen fliegen, nicht ein Untier, vor dem Alles flieht, was gesunde Augen hat. Soll und muss der Mephisto durchaus dargestellt werden, so könnte es nur auf diese Weise mit einer Art von Wahrscheinlichkeit geschehen. Die Hahnenfeder auf dem Hut, das Mäntelchen von starrer Seide sprechen dafür, und der hinkende Fuss ist kein Hinderniss dabei, denn Lord Byron konnte hinkend alle Herzen bezaubern.
Es ist wahr, sagte Terese, dass man im Faust auf der hiesigen Bühne der Phantasie zu wenig Spielraum lässt, dass man in dem guten Willen, Alles recht deutlich zu machen, manches Possierliche zu Wege bringt. So zum Beispiel verderben sie ganz und gar die wundervolle Scene im Dome, in welcher Gretchen von dem bösen Geist ihre Sünden vorgehalten werden, während vom Chore das "Dies irae, dies illa" ertönt. Diese Scene, die durchaus in die Kirche gehört, geht auf der Strasse vor sich; ein wirklicher böser Geist, ein Gnom von Fleisch und Bein, schiesst aus der Erde hervor, hockt sich zusammengekauert Gretchen gegenüber und sagt ihr in's Gesicht, was ihr Gewissen innerlich bewegt. Das ist lächerlich und dergleichen kommt noch mancherlei in der Aufführung vor.
Lächerlich darf aber eben im Faust nichts sein! rief der Präsident. Es ist so hoher, heiliger Ernst in der Dichtung. Wer es empfunden hat, wie der Geist oft mutlos verzweifelt im Ringen nach dem Höchsten, wie man es für unerreichbar hält und sich verzweifelnd schadlos halten möchte an den Freuden der Erde, die allerdings ihre unleugbaren Reize haben und grosse Befriedigung gewähren, fügte er lächelnd hinzu, der wird mir zugestehen, dass Jeder sich seinen eignen Faust, seinen eignen Mephisto innerlich erschafft und dass es ein missliches Unternehmen bleibt, solche Figuren darstellen zu wollen.
Ich glaube auch, wir bringen den rechten Sinn nicht mehr in das Schauspielhaus mit, meinte Teophil, wir prüfen zu viel, wir beurteilen zu viel.
Darum muss man uns nur Dasjenige bieten, was die Prüfung, die Beurteilung aushält, antwortete der Präsident. Unsere Gesinnung, unsere Anforderungen haben sich mit der Zeit geändert; wir wollen noch unterhalten sein, wie früher, aber Das, was man uns als Unterhaltung vorschlägt, erfüllt den Zweck nicht immer. Wir sind des ewigen Liebesgewinsels, der kleinlichen Eifersuchtsscenen müde, wir wollen grössere Motive, weil unsere Zeit grössere Zwecke hat.
Wie sehr man dies überall empfindet, bemerkte Teophil, dafür zeugt ja