durch das Zimmer laufen, als die Mutter, nachdem sie die Baronin begrüsst, ihn bei der Hand nahm und, ihn betrachtend, ausrief: Aber um Gottes willen, Felix! wie siehst Du aus? Wo hast Du Schuhe und Strümpfe gelassen? Wie hast Du Deine Blouse zugerichtet!
Ich habe Ihren Sohn eine tüchtige Strecke vom schloss gefunden, bemerkte die Baronin, während sie dem verlegen schweigenden Knaben die Wange streichelte, und ich habe ihn in meinem Wagen hierher gebracht, da er es doch wohl nicht gewohnt ist, ohne Schuhe und Strümpfe einher zu gehen.
Der ganze Unmut Carolinen's, den der Streit mit ihrem mann in ihr zurückgelassen hatte, wendete sich nun gegen den Knaben. Was ist das wieder für ein gottloser Streich! rief sie heftig. Du machst mir nichts als Verdruss und Schande, Du folgst nie! Sehen Sie, Beste, wie er aussieht! Es ist der ungeratenste Knabe von der Welt!
Mutter! sagte Felix leise, der arme Junge sah so elend aus, er hat das Fieber und einen lahmen schlimmen Fuss. Ich dachte, der Vater würde nicht böse sein, es war wirklich nicht weit von hier, und er hatte bis nach Heindorf mit dem schlimmen Fuss.
Und ich sage Dir, Du sollst Deine Sachen nicht jedem Bettelbuben schenken und nicht barfuss umherlaufen wie ein Bauernjunge! Mache, dass Du hinauskommst, und lasse Dich ankleiden, Du ungeratenes Kind! – Damit schob sie den Knaben nach der tür, mit so unvorsichtiger Heftigkeit, dass er auf dem glatten Fussboden stolperte und gefallen wäre, hätte nicht Alfred ihn in seinen Armen aufgefangen, der hinzueilte, als er die keifende stimme der Mutter in dem Nebenzimmer hörte.
Er hiess die Baronin in gewohnter edler Form willkommen, aber Caroline unterbrach ihn: Da siehst Du nun selbst einmal die Folgen Deiner genialen Erziehung an dem Knaben! sagte sie. Fast eine Stunde vom schloss hat ihn die gute Baronin gefunden und ihn in dem saubern Aufzuge hierhergebracht. Hieltest Du ihm den Lehrer, den ich Dir heute wieder vorschlug, dann kämen solche Dinge auch nicht vor.
Der zurecht gewiesene Vater versuchte die Sache lächelnd und leicht aufzunehmen. Ich finde in der Tat nicht, dass der Knabe ein so grosses Unrecht getan hat, sagte er. In der Umgegend umherzulaufen, haben wir ihm stets erlaubt, da er für seine Jahre selbstständig und vernünftig ist; und dass er einmal seine Schuhe aus Mitleid fortgab und eine halbe Stunde barfuss einherging, das wird ihm gar nichts schaden. Mag er sehen, wie es dem Armen tut.
Ich meine auch, versetzte begütigend die Baronin, der dieser Auftritt natürlich sehr unangenehm sein musste, Sie nehmen die Sache viel zu streng, liebste Freundin! Ihr Felix darf mehr noch als andere Knaben eine gewisse Ungebundenheit zeigen und seinen augenblicklichen Eingebungen folgen. Er ist ja der Sohn eines Dichters und seine Augen sehen aus, als ob viel von dem väterlichen Genius auf ihn übergegangen wäre.
Aber die versöhnenden Worte der Baronin brachten eine ganz entgegengesetzte wirkung hervor. Caroline nahm es übel, dass sie ihr nicht beistimmte, dass, wie gewöhnlich, die Meinung der Fremden sich für ihren Mann entschied.
Wenn ich nur nicht dies ewige "ein Dichter!" hören müsste! rief sie in einem Tone, der nun ihrer Seits auch scherzhaft klingen sollte, während er die äusserste Gereizteit verriet. Wenn die Leute nur wüssten, wie unbequem solche poetische Naturen im täglichen Leben sein können, wie die prosaische Umgebung von der Poesie, von ihrer Freigeisterei, und von ihren Ueberspannteiten bisweilen leiden muss.
Du schmeichelst mir eben nicht, Caroline! unterbrach sie Alfred, und die Baronin bemerkte, man höre wohl, dass Frau von Reichenbach nur scherze; aber sie beachtete die Weisung nicht.
O, ich schmeichle und heuchle nie! rief sie, und es ist, wie ich es sage, glauben Sie mir das! Die Menschen werden durch die Poesien eines Dichters entzückt; aber während er dichtet, fällt alle sorge für Haus und Hof, alle Not mit der Erziehung, alle häusliche Plage auf die Frau, denn für solche Kleinigkeiten hat ein Dichter nicht Sinn und nicht die Zeit. kommt er dann endlich aus dem Studirzimmer heraus, so soll die poetische Welt auch im Leben ausgeführt werden; Alles, was nicht damit in Uebereinstimmung ist, heisst ungrossmütig, kalt und kleinlich. Gewiss, Sie kennen das nicht.
Caroline war so heftig erregt, dass ihre stimme zitterte, die Baronin, welche es nicht wissen konnte, dass vor ihrer Ankunft ein lebhafter Streit stattgefunden hatte, war in der peinlichsten Verlegenheit. Alfred's Farbe wechselte während dieser Scene mehrmals schnell, doch versuchte er seinen Zorn niederzukämpfen und der Sache eine schicklichere Wendung zu geben. Mit erzwungenem Lächeln sagte er: Da sehen Sie, gnädige Frau! wie unsere kleine poetische Glorie bei näherer Betrachtung ein Feuer ist, das alles häusliche Glück verzehrt! Indess ist es wohl nicht so arg. Es wäre ja zu traurig, wenn Das, was unser Glück ist, zur Plage unserer Lieben würde. Meine Frau fällt mir ins Fach, sie dichtet heute ein wenig und übertreibt dabei wohl etwas.
Die Baronin ging auf diese Wendung ein, aber die quälende Spannung der Einzelnen lähmte jede Unterhaltung. Alfred war verstimmt, Caroline blieb gereizt und bitter, und die Baronin entfernte sich, sobald es in guter Weise möglich war.
Alfred eilte auf sein Zimmer, nachdem er sie