1845_Lewald_141_48.txt

! Ich fand kaum ein vernünftiges Stück, das die Leute brauchen konnten, nichts als elenden Atlas und Flor und solch dummes Zeug.

Terese wollte wissen, wie die Frau heisse, wer sie an Eva gewiesen und wo sie wohne? Eva antwortete: Das hatte ich Alles zu fragen vergessen, aber meine Werner hat es erkundet, weil sie unbarmherziger Weise der Unglücklichen nicht traute. Sie sagte, man müsse sich durch den Augenschein überzeugen. Ich fuhr also mit ihr hin. Du ahnst es nicht, Beste! welch Elend ich da gesehen habe! ich habe nie geglaubt, dass es solche Not gäbe. Seitdem kann ich an gar nichts Anderes denken, als an diese Armen, und da ich so etwas gar nicht verstehe, sollst Du mir sagen, wie ich helfen soll. Ich möchte es gern recht gut, recht verständig machen; ich habe nie gearbeitet und bin so glücklich, und die Leute, die so schwer arbeiten, sind so unglücklich, dass ich mich vor Ihnen schäme.

Terese umarmte die junge Frau herzlich, erbot sich, selbst noch mit ihr zu der unglücklichen Familie zu fahren, um zu sehen, wie man dem Elende am besten steuern und den Leuten emporhelfen könne, und sagte: So, meine Eva, gefällst Du mir, darin erkenne ich Dein gutes Herz. Wenn ich Dich ganz und gar von den schalsten Zerstreuungen ausgefüllt sehe, bangt mir oft um Dich. Ich wollte doch, Du betrachtetest das Leben nicht ganz wie ein Spiel, Du dächtest auch an den Ernst desselben.

Das kann ich nicht, rief Eva, das kann ich so wenig, als ein Schmetterling arbeiten kann. Ich werde traurig, wenn ich ernst sein muss, deshalb probire ich es gar nicht. Gott hat mir einen fröhlichen Sinn gegeben, mit dem ich das Leben geniesse, weil ich jung bin. Werde ich alt und das Leben ist nicht mehr schön, dann wird sich der Ernst schon finden. Bis dahin lasst mich gewähren!

Bei Eva's letzten Worten erschien der Präsident und reichte ihr die Hand zum Willkomm. Sie schlug aber die arme übereinander und wendete sich ab, ohne ihn anzusehen.

Sind Sie noch böse, Eva? fragte er leise.

Was haben Sie denn getan, Verzeihung zu verdienen? entgegnete sie. Den ganzen Morgen haben Sie mir Vorwürfe gemacht über meine Verschwendung, über meine Koketterie. Sie waren grade so liebenswürdig als mein seliger Mann, wenn das Podagra bei ihm im Anzuge war und er üble Laune hatte. Bedürfte ich nicht Ihres Rates für mein Costüme und Ihres Beistandes, um den Assessor zu überreden, ich wäre heute gar nicht hergekommen, das können Sie mir glauben.

Der Präsident entschuldigte sich, so gut er konnte, Eva liess sich begütigen und Jener sagte, nachdem Terese sich entfernt hatte: Sie sollen mich ganz zu Ihren Diensten finden, Eva; nur das Eine gestehen Sie mir, dass Ihnen Teophil besonders gut gefällt, dass Sie ihn vor allen Männern auszeichnen.

Das wäre eine Unwahrheit, wenn ich es gestände! rief Eva. Teophil ist hübsch, er ist gut und er tut mir leid, weil er oft traurig und krank ist.

Das Mitleid ist ein Vorläufer der Liebe, man könnte ihn darum beneiden!

Sie doch nicht etwa, Julian? Sie, der mir heute bewies, die Liebe eines Mannes beruhe auf dem Grade der herrschaft, den er über eine Frau ausübe? Sie haben mir gesagt, Sie forderten von einer Frau nichts als Unterwerfung, Sie würden am meisten eine Frau lieben, die Ihnen Alles verdankte, und Sie könnten Teophil um das Mitleid einer Frau beneiden?

Um das Mitleid nicht, antwortete Julian, aber um die Neigung, aus der es entspringt. Sie lieben Teophil.

Eva sah ihn lächelnd an, ward verlegen und rief, als des Präsidenten Auge durchdringend auf ihr ruhte: Und wer will mich daran hindern, wenn ich ihn liebe?

Ich gewiss nicht! antwortete der Präsident mit einem leichten Anfluge von Spott.

Eva schwieg eine Weile, dann wendete sie sich schnell von dem Präsidenten zu Teophil und fragte, ob er entschlossen sei, mit ihr zu tanzen. Er bejahte es und nun holte Eva die Folianten hervor, die sie mitgebracht. Es waren Werke über Nationaltrachten und Costüme. Eine lange Beratung begann, während welcher Eva's Heiterkeit unwiderstehlich war. Tausend Plane wurden gemacht und verworfen; endlich blieb es dabei, dass sie als Oberon und Titania erscheinen sollten, da durch die Aufführung des Sommernachtstraumes auf der Bühne das Interesse für diese Dichtung lebhaft angeregt worden war. Die Costüme wurden gewählt, alle nötigen Verabredungen getroffen, Eva war glücklich in der Aussicht auf den maskirten Ball.

Nun sehen Sie nur auch ein wenig fröhlich aus, lieber Teophil! sagte sie. Sie wissen gar nicht, was Sie mir für einen doppelten Dienst leisten. Einmal freut mich's, dass ich gerade Sie zum Partner habe, denn wir Beide passen ganz prächtig zusammen mit unserm blonden Haar; Sie sind auch nicht so gross, als all die langen Gardeoffiziere, die sich mir zu Tänzern angetragen haben und gegen die man so gar klein erscheint. Sehen Sie nur, passen wir nicht gut? rief sie und zog ihn nach dem Spiegel hin. Dann sagte sie: Ferner verhelfen Sie mir zu dem schönsten Armbande in Berlin. Frau von Wöhrstein und ich trafen uns bei dem Hofjuwelier und handelten Beide um dasselbe Armband, wollten