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vom Halse nahm. Alfred's Herz blutete ihm in der Brust.

Mit abgewendetem Gesicht reichte er seiner Frau die Hand: Wie meinen Augapfel werde ich ihn behüten! sagte er mit dem Tone, mit dem man einen heiligen Eid schwört. Sie hielt seine Hand fest, drückte einen Kuss darauf und rief: Lehre ihn nicht, mich zu hassen.

Da sei Gott vor! entgegnete Alfred und ging schnell mit Felix hinaus, der, vor Ueberraschung sprachlos, Alles mit sich geschehen liess.

Mit gerungenen Händen sank Caroline auf das Sopha; dann eilte sie zum Fenster und blickte dem fortrollenden Wagen nach, so lange ihre Blicke ihn erreichen konnten.

Zweiter teil

I

Gegen das Ende des Octobermonates war die vornehme Gesellschaft von Reisen, aus den Bädern, und von ihren Landsitzen heimgekehrt und die Winterunterhaltungen nahmen in der Residenz ihren Anfang.

Wie ein fröhliches Kind in eine blühende Wiese hineinspringt, jauchzend vor Lust und ungewiss, welche Blume es pflücken soll, weil alle ihm gleich schön und begehrenswert erscheinen, so stürzte Eva sich in die Zerstreuungen, die sich ihr darboten. Teater, Concerte, Bälle und Gesellschaften wurden ihr zu reichen Quellen der Freude, und um so reicher, als ihre Anmut und Fröhlichkeit einen grossen Kreis von Bewunderern um sie versammelten.

Da sie fast an jedem Tage in Gesellschaft oder durch andere Zerstreuungen in Anspruch genommen war, kam sie seltener zu Terese, brachte aber, so oft sie erschien, einen solchen Schatz von guter Laune mit, dass Julian sich höchlich daran ergötzte. Eines Abends kam sie früher, als sie pflegte, und ihr Diener trug ihr mehrere Päcke Bücher nach.

Terese bewillkommte sie, und Teophil, der dabei war, sagte: Meine gnädige Frau! was bedeuten die Folianten, die Sie uns mitbringen? Sollten Sie die Absicht haben, sich den Wissenschaften zu widmen?

Komme ich Ihnen so alt und so häss ich vor, dass ich solch trauriger Zuflucht bedürfte? entgegnete sie und fügte hinzu: aber eine ernste Angelegenheit ist es allerdings und Ihr Alle sollt mir Rat geben.

Terese und Teophil boten bereitwillig ihre Dienste an und wünschten zu wissen, um was es sich handle.

Das sage ich nicht eher, als bis Sie, Herr Assessor, mir eine Frage beantwortet haben. Könnten Sie sich entschliessen, mir einen Dienst zu leisten, an dem mir sehr viel gelegen ist?

Von Herzen gern, wenn es in meiner Macht steht.

O! das ist schon eine Hintertüre, durch die Sie entschlüpfen wollen, dies: wenn es in meiner Macht steht. Dass Sie es tun können, das weiss ich, sonst forderte ich es ja nicht. Etwas Ueberwindung könnte es Sie kosten, aber dafür wäre es Ihnen auch höchst heilsam.

Und was ist es denn? fragte Teophil.

Sie sollen mit mir bei der Baronin Wöhrstein heute über drei Wochen in einer maskirten Quadrille tanzen.

Sie erzeigen mir zu viel Ehre, sagte Teophil, indem Sie Ihre Wahl auf mich fallen liessen, aber ich verdiene sie nicht. Ich bin ein schlechter Tänzer, gehöre überhaupt zu derlei Festen nicht und habe das der Baronin selbst gesagt, die mich dazu eingeladen hat.

Ach, das weiss ich ja Alles! rief Eva ungeduldig, das hat mir die Baronin erzählt und doch müssen und werden Sie kommen. Erstens taugt Ihnen das ewige Studiren, das Lesen und wieder Lesen gar nichts. Aus all den gelehrten Büchern holen Sie sich Ihre Kopfschmerzen und aus den poetischen Romanen den Lebensüberdruss und was Sie sonst noch quält. Sehen Sie, Herr Assessor, ich nehme nie ein Buch in die Hand; aber ich gehe aus, ich spreche mit vernünftigen Leuten, ich zerstreue mich alle Tage und davon bin ich gesund und zuletzt eben so gescheidt als alle Andern. So sollen Sie es auch machen.

Dies war nur "Erstens", sagte Terese lachend, willst Du uns nicht das Zweitens mitteilen?

Zweitens, rief Eva, wird kein Cavalier einer Dame solche Bitte abschlagen, drittens werden wir Beide zusammen vortrefflich sein und viertens will ich es so, und darum muss es geschehen.

Dies ist allerdings so entscheidend wie der letzte Beweis der Könige, die Kanonen. Aber wollen Sie mir nicht wenigstens eine kurze Bedenkzeit gestatten? fragte Teophil.

Eva zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte: Es ist jetzt sechs ein halb Uhr, um sieben, hat mir heute früh der Präsident gesagt, werde er zu haus sein, um an der Beratung teil zu nehmen; so lange gebe ich Ihnen Frist, dann müssen Sie sich entschieden haben. Inzwischen erlauben Sie, dass ich mit meiner Freundin eine Privatverhandlung abmache. Nun denken Sie nach, edler Assessor! rief sie und zog Terese an den Kamin, wo sie sich Beide niederliessen.

Auf Teresen's Frage, was Eva wünsche, sagte diese: Ach Gott! ich möchte gern so praktisch sein als Du. Da ist in diesen Tagen eine alte Frau bei mir gewesen, deren Tochter witwe ist und sechs kleine Kinder hat. Der Mann ist schon vor vier Monaten gestorben und nun soll das siebente Kind geboren werden. Des Mannes lange Krankheit hat ihr ganzes Hab und Gut aufgezehrt, sie sind im höchsten Elend, haben nichts zu essen, keine warmen Kleider, nichts, nichts. natürlich gab ich gleich Geld, damit sie Nahrungsmittel kaufen konnten und Holz. Ich wollte auch gern von meinen Kleidern geben, aber was für nutzlose Lappen besitzen wir in unserer Garderobe