vorüber, die Tage der Busse sollen ihr folgen. Ich vermass mich im törichten Uebermut der Jugend, freier, stärker zu sein, als es dem Menschen gegeben ist. Mein Glück sollte ein Beweis werden, dass nur in der Freiheit der Liebe die Reinheit der Ehe bewahrt bleibe; dass der Mensch die Freiheit verdiene, dass sein Gewissen die Gotteit sei, die sich gesetz gibt nach dem eigenen Bedürfniss.
In den Stunden des tiefsten Leides, als meine Kraft mich verliess, schlug ich angstvoll die hände zusammen und hob sie empor gegen Himmel. Von Oben kam mir Stärkung und Trost. Ich fühlte, dass Einer über den Wolken lebt und dass wir Staub sind. Ich habe beten gelernt.
Jetzt ist mir wohl, ich bin müde, aber frei von Schmerz und Kampf. Ich weiss, was allein mir für die Zukunft frommt. Ich habe gefehlt gegen die gesetz der Sitte, die Gott und Menschen mit hoher Weisheit zwischen uns und unsere Leidenschaften stellten. Gott und die Menschen muss ich versöhnen, damit ich Ruhe finde in mir.
Mein Entschluss steht fest, ich hoffe, Sie werden ihn billigen. Kommen Sie bald. Gott sei mit Ihnen und mache Sie glücklich!"
Sinnend betrachtete Alfred das Blatt, als er den Brief geendet hatte. Wer wirft den ersten Stein auf sie? fragte er sich selbst. Das Schicksal der Verlassenen rührte ihn sehr. Sophie, die von der Welt, von unsern Sitten Gebrandmarkte, Sophie, auf welche die Frauen der guten Gesellschaft mit schnöder Verachtung hinabblickten, wie rein und schön stand sie vor ihm! Welche Liebe, welche Wahrheit und welche kühne Seele offenbarten sich in den Fehltritten dieser Frau!
Warum stand ihr kein schützender Vater, keine treue Mutter zur Seite? fragte es in ihm. Warum ward diese edle natur hingeschleudert in den Kreis einer Sittenverderbniss, von der sie sich verletzt abwendete, um sich den misverstandenen Lehren einer Schule zuzuneigen, die zwar Wahrheit und Recht erstrebt, aber auf falschem Wege? Warum ihr der furchtbare Kampf? Warum ihr das schwere Leid? Das waren fragen, für die er keine Lösung in sich fand, und mit bewegtem Gemüt seufzte er, als er den Brief von sich legte: Gott gebe, dass sie jetzt wirklich richtig erkenne, was ihr frommt, dass sie Ruhe und Frieden finde.
Da stürzte Felix in heftiger Aufregung in des Vaters Zimmer: Vater! rief er, Vater! die Mutter weint und schilt auf Dich. Sie sagt, Du wärst ein schlechter Mann und Du hättest sie betrogen. Ich sage, das ist nicht wahr, denn das tust Du nicht. Da hat die Mutter mich von sich gestossen und gesagt: ach! Du bist wie der Vater, gehe zu ihm, ich mag Dich nicht!
Noch während des Knaben Erzählung trat die Mutter ein. Caroline! rief Alfred, was hast Du getan? Ist es meine Schuld, dass der Knabe so Schmachvolles erlebt? Kann eine Mutter so wenig achtung vor ihrem kind haben? Was hat Dich denn jetzt wieder so ganz verwirrt?
Und Du kannst noch fragen? Verstossen zu werden um einer Schauspielerin, um einer Dirne willen? rief Caroline völlig ausser sich. Aber ich will es nicht erleben, dass eine solche die Stiefmutter meines Kindes werde, an meiner Festigkeit sollen alle Deine Ränke scheitern!
Jetzt erst begriff Alfred, was geschehen war. Geh hinaus, Felix! die Mutter ist krank, sie redet irre, ich bleibe bei ihr, sagte er, und führte den Sohn hinweg. Dann kehrte er zu seiner Frau zurück.
Ich weiss, woher Dein Argwohn stammt, sagte er, Du hast wieder einmal meine Briefe zu lesen versucht und musst dabei gestört worden sein. Du sollst vollenden, was Du begonnen hast. Hier ist das Blatt, lies es zu Ende.
Ich finde keine Unterhaltung in Liebesbriefen, die Schauspielerinnen meinem mann schreiben! spottete Caroline.
Nicht von meiner Liebe ist darin die Rede, entgegnete Alfred, sondern von Julian's, den Verhältnisse zwingen, sich von einer Frau zu trennen, welche seiner vollen Liebe wert ist. Auf seinen Wunsch habe ich sie einmal gesehen. Aber lies den Brief, so unrecht es ist, Sophien's Vertrauen preis zu geben, so kann sie in diesem Falle nur dabei gewinnen, und ich nehme die Verantwortung auf mich. Lies ihren Brief, ich fordere es von Dir.
Sie tat, wie er's verlangte, aber ihre hände zitterten dabei, sie schämte sich des Unrechts, das sie ihrem mann angetan, und er wusste ihr diese Bewegung Dank, sie stimmte ihn milder gegen sie. Kaum aber hatte sie den Brief beendet, kaum sah sie die Spannung, mit der ihr Mann sie betrachtete, als sie sich ihrer weicheren Gefühle wie einer Schwäche anzuklagen begann. Die Geliebte Julian's schien ihr keines Mitleids wert, jede Beziehung ihres Mannes zu einer leichtfertigen Schauspielerin eine Sünde gegen sie und gegen die eheliche Treue.
Sie legte den Brief mit kalter Miene aus der Hand, und sagte mit verächtlichem Achselzucken: Warum vergass sie Pflicht und Ehre? Da bleibt die Reue niemals aus. Verdienen solche Personen es denn anders? Können sie Besseres erwarten? Und um solch elende Geschöpfe werden wir verlassen!
O! dass Ihr Alle die Seele dieser Frau besässet, dass ihr die himmlische Liebe verständet, sprach Alfred sehr ernst, die sich in ihrer freien Hingebung verrät! Ihr würdet nie verlassen