hörte. Sie steckte den Brief in das Couvert, machte dies geschickt wieder zu und eilte, es auf den Schreibtisch ihres Mannes zu legen, der gleich darauf in das Zimmer trat.
Er langte hastig nach dem Briefe seiner Frau und sah mit Ueberraschung, dass sie alle seine Vorschläge verwarf. Das hatte er nicht erwartet, er begriff nicht, was sie zu erreichen hoffte, was sie mehr verlangen könne. Die neuen Hindernisse verstimmten ihn, mehr noch die Art, in welcher der Brief geschrieben war. Mit der kalten Gewohnheit des Geschäftsmannes öffnete er das andere Schreiben und las es mit immer wachsender Teilnahme und Rührung. Nach der ersten Einleitung hiess es weiter:
"Ich bin in einer Welt erzogen, in der man die hergebrachten Sitten und Gewohnheiten geringschätzt, ich habe sie verachten gelernt. Ich habe Frauen und Männer gekannt, die unter dem Schein der Zucht und Ehrbarkeit all ihren Lüsten fröhnten. Heute sah ich junge Gatten sich vor dem Altare verbinden und schon wenig Wochen darauf kniete der Mann, der einem Engel der Unschuld Treue gelobt, zu den Füssen eines Weibes, das nicht wert war, jenem Engel die Schuhriemen zu lösen. Ehrenmänner vertrauten der Tugend ihrer Frauen, die in den Armen junger Laffen den unbefleckten Namen ihres Gatten preisgaben – und die Welt hielt jene Frauen für rein, jene Männer für untadelhaft!
In meinem Beruf darauf angewiesen, durch den Schein die Wahrheit darzustellen, ist mir der Schein verhasst geworden und mein ganzes Dasein ist ein Streben nach Wahrheit gewesen. Jene Verbindungen, die aus Habsucht und tausend andern Rücksichten geschlossen, mit dem ehrbaren Namen einer 'rechtmässigen Ehe' die ungezügelte Freiheit des Lasters heiligen, widerten mich an. Mich dünkte die Fessel unwürdig, die man sich mit einem Eide auferlegt. Waren doch so Viele nur zu bereit, die drückende Kette zu lockern, sich so frei darin zu bewegen, als möglich. Ich habe die Ehe in ihrer jetzigen Form tief verachtet. Man setzt einen Preis für die gegenseitige Liebe fest, man zügelt dies Gefühl bis zu der Stunde, in der ein fremder Mann, ein Priester, erlaubt, dass man sich angehören dürfe. Dann werden fremde Menschen zu festlichem Gelage vereint; in perlendem Wein erhitzen sich die Geister, freier und kühner werden die Scherze der glückwünschenden Männer vor dem beleidigten Ohre der zitternden Braut, und mitten aus dem wilden Gewühl entführt sie der Bräutigam zu den Mysterien der Liebe, wie ein Sultan die Odaliske, und das freche Lächeln der Hochzeitgäste begrüsst am nächsten Morgen die Neuvermählte. Das nennt man Sitte, das nennt man Keuschheit und zivilisation! das heiligt die Kirche, das beschützt der Staat!
Wie tief entwürdigt erschien mir in solchen Augenblicken das Weib, wie roh die Menschen, die solche Hochzeitsfeier heilig nennen! Wie glücklich, wie rein fühlte ich mich in dem Gedanken, einem geliebten mann zu gehören, ohne Eid und Schwur; sein geworden zu sein in einer Stunde seligster Entzückung, in der wir die Welt im Herzen trugen, die heiligste Welt der Liebe, die keiner geputzten Hochzeitzeugen bedarf, weil sie das Recht zu gänzlicher Vereinigung in sich selbst besitzt!
Ich habe geglaubt, der Mensch bedürfe keines andern Zwanges; die erkenntnis des wahren, die Liebe, das Recht, das seien die gesetz, das sei die Religion für den Denkenden. Ich wollte nicht heimlich tun, was ich für Recht hielt, ich wollte nicht geduldet werden durch scheinbare Unterwerfung unter die Sitte. Frei und stolz, habe ich gesagt, so handle ich, und ich handle Recht, weil ich weiss, dass ich nie von dem Wege wahrer Pflicht und wahrer Ehre weichen werde.
Ich habe nie verlangt, dass Julian sich mir mit heiligen Schwüren gelobe, ich habe ihm niemals Treue versprochen. Schwört man denn zu halten, was man nicht unterlassen kann, ohne in Verzweiflung unterzugehen? Hätte ich je aufhören können, Julian zu lieben, so würde ich mich für frei gehalten haben. Oft habe ich ihm das gesagt; oft ihn versichert, er solle frei sein von jedem Bande, das ihn an mich binde, sobald er mich nicht mehr seiner Liebe würdig fände. Ich war meiner so gewiss; ich hielt seine Liebe für so unwandelbar als die meine.
Ich habe mich getäuscht. Ich habe dem Herkommen, der Sitte Hohn gesprochen, jetzt rächen sie sich an mir. Julian, den ich frei wähnte von den Vorurteilen der andern Menschen; Julian, dem ich rückhaltlos vertraute, verlässt mich jetzt. Seine Liebe ist erkaltet. Er lässt sich von mir reissen durch den Tadel, den die törichte Menge auf mich und auf unsere Verbindung wirft. Ich habe ihn verloren, mein Leben ist damit zu Ende.
Ich wollte sterben, weil ich nicht zu leben wusste, weil ausser Julian kein Mensch für mich lebte in der Welt; weil Alles mir gleichgültig war ausser ihm. Sterben schien mir das seligste Ruhen nach schwerem Leid.
Da kamen Sie! – Ein Mensch! rief es in mir. Ihr Wort war mild, Ihr Ton, Ihr blick Erbarmen. Gott lohne es Ihnen, Sie haben mich vom tod gerettet; Sie wollten mich dem Leben der Kunst wiedergeben, ich folgte Ihnen gern, aber ich vermag es nicht.
Wie könnte ich heiter schaffen, wie könnte ich jetzt noch Andere erfreuen? Was könnte mich belohnen, wenn sein Auge mir nicht mehr folgt, mir nicht mehr Beifall winkt?
Die Zeit des Spiels, des Glückes ist