leben? fragte der Kaplan weiter!
natürlich! sagte Caroline. Ich allein habe mich im grund zu beklagen. Ich weiss, dass mein Mann in der Stadt in vielfachen Verhältnissen lebt, die meine Rechte beeinträchtigen, während ich ihm ganz und gar ergeben bin. Ich habe das getadelt, ich habe ihm gesagt, dass ich eifersüchtig sei, aber muss man sich deshalb trennen? Was gewinne ich denn durch eine Trennung? Mein Sohn wird mir entzogen, das ist das Schrecklichste für eine Mutter. Aus einer Frau, die jetzt die schönste Stellung in der ganzen Provinz hat, die Jeder beneidet, soll ich zu einer witwe werden, die ein Gnadenbrot geniesst. Und weshalb? Weil Alfred sich einbildet, unglücklich zu sein. Aber ich habe mich nicht unglücklich gefühlt, und ich will es auch nicht werden. Alfred wird allmälig seine poetischen Grillen vergessen und wir werden wieder ganz zufrieden leben wie bisher. eigentlich war es eine Kleinigkeit, ein unbedeutender Streit, der den ganzen Aufruhr veranlasste; ich wäre also töricht, wollte ich nachgeben und mich in die Vorschläge meines Mannes fügen.
Glauben Sie, dass Herr von Reichenbach sich von Ihnen zu einer Wiedervereinigung bewegen lässt? fragte Ruhberg.
Ich zweifle daran, denn er ist sehr eigensinnig.
Und Sie wollen sich um keinen Preis von ihm trennen?
Nein! rief Caroline bestimmt.
So vertrauen Sie mir, sagte der Kaplan, und folgen Sie unbedingt meinem Rate. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Sie allein sollen schwere Opfer bringen, damit Herr von Reichenbach seinen Neigungen ungehindert nachgeben könne, und obenein will er sie zwingen, eine Sünde zu begehen. Da sei Gott für, dass ich dies geschehen lasse! Ihre Seele ist vom Himmel meiner Obhut anvertraut, ich muss jenseits Rechenschaft für sie ablegen, und ich darf und werde nicht zugeben, dass man Sie dazu drängt, ein Unrecht zu begehen. Er hielt inne und sagte dann nach einiger überlegung: Verwerfen Sie alle Anträge, die Herr von Reichenbach Ihnen macht. erklären Sie fest, dass Sie sich nicht von ihm trennen wollen, dass Sie verlangen, er solle Sie in alle Ihre Rechte wieder einsetzen.
Und wenn er es verweigert?
So bestehen Sie dennoch darauf. Einstweilen bleiben Sie äusserlich in der Stellung, die Ihnen wert ist, und wir gewinnen Zeit; und Zeit gewonnen, Alles gewonnen!
Aber wohin soll das führen?
Zu einer Vereinigung Derer, die zueinander gehören, sagte der Kaplan. Zögert Herr von Reichenbach, sich mit Ihnen auszusöhnen, so tun wir, als ob Sie eine gerichtliche Scheidung verlangten oder gänzliche Vereinigung. Zu der ersten kann er es aus Gründen, die ich Ihnen seiner Zeit entüllen werde, nicht kommen lassen; er wird den friedlichern Ausweg wählen und ich hoffe, Sie werden es nicht zu bereuen haben, dass Sie sich mir vertrauten.
Mein Mann wünscht in einigen Tagen von hier abzureisen und will meinen Sohn mit sich nehmen, sagte Caroline nachdenkend und zögernd.
Hindern Sie ihn nicht daran, diese Trennung ist für den Augenblick notwendig. Sie müssen Beide ruhiger werden, um sich mit einander verständigen zu können.
Herr Kaplan! rief Caroline, ich habe nur den einzigen Sohn, ich liebe ihn wie mein Leben; fühlen Sie, wie mir der Gedanke das Herz bricht, mich von ihm zu trennen?
arme Frau! sagte Ruhberg und drückte zärtlich ihre Hand. Mag das Beispiel der gebenedeiten Gottesmutter Sie stärken. Je schwerer der Kampf, desto schöner der Sieg. Sie bringen sich selbst zum Opfer, um Ihren Gatten zu seiner Pflicht zurückzuführen. Solche Werke gefallen Gott wohl.
XV
Am Abend dieses Tages begab sich Caroline in das Zimmer ihres Mannes, der mit dem Domherrn über Land gefahren war. Sie hatte Alfred ihren Entschluss schriftlich mitgeteilt, Ruhberg den Brief gezeigt und ging jetzt, ihn auf den Schreibtisch zu legen, damit jener ihn bei seiner Rückkehr fände. Schon wollte sie sich wieder entfernen, als ein anderer Brief ihre Aufmerksamkeit fesselte. Er war an Alfred gerichtet und offenbar von weiblicher Hand geschrieben. Carolinen's Mistrauen war augenblicklich angefacht. Sie hielt den Brief prüfend gegen das Licht. Das Couvert war von dunklem Papier, sie konnte nichts von dem Inhalt erspähen. Sie schwankte eine Weile, dann sah sie nach der Uhr, berechnete, dass ihr noch eine lange Zeit bis zu Alfred's Rückkehr bleibe, nahm den Brief und eilte damit in ihr Zimmer. Dort angekommen, eröffnete sie ihn. Er war französisch geschrieben und "Sophie Harcourt" unterzeichnet. Ihre Eifersucht flammte hell auf. Der Brief lautete: "Mein teurer Freund! Ich habe bis jetzt vergebens Ihre Rückkehr erwartet, ich habe darauf gehofft, wie auf das einzige Glück, das mir noch werden kann. Mein Herz verlangt darnach, sich vor Ihnen zu öffnen, keine Falte meiner Seele soll Ihnen verborgen bleiben; ganz und ungeteilt sollen Sie mich kennen. Ich bin gewiss, Sie werden mich nicht verdammen, Sie werden den Schritt billigen, den ich zu tun gedenke. O! wüssten Sie, was ich für Sie empfand in der Stunde unseres Begegnens; wüssten Sie, mit welchen Gefühlen ich an Sie denke! Sie haben mich vor schwerem Verbrechen bewahrt. Eifersucht, Verzweiflung durchtobten mich, ich war zu dem Aeussersten bereit. Da kamen Sie wie mein guter Engel, wie zu meinem Schutzgeist blicke ich zu Ihnen empor!"
So weit hatte Caroline zitternd gelesen, als sie das Rollen eines Wagens