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und kann die Kirche nicht. Alle diese Menschen sehen mit Zuversicht auf Sie, hoffen eine gesicherte Zukunft von Ihnen, und Sie denken nur an Ihr eigenes Glück? Darin, mein verehrter Freund! erkenne ich Sie zum ersten Mal nicht wieder!

Alfred versank in ernstes Sinnen. Der Domherr liess ihn gewähren, dann sagte er: Bis zu der Grossjährigkeit Ihres Sohnes würden wir, ich an der Spitze, die Verwaltung der Güter übernehmen; aber ich bin alt und kann jeden Augenblick abgerufen werden von der Erde. Der Kaplan Ruhberg wird, wie voraussichtlich, mein Nachfolger sein. Sie kennen ihn und seinen fanatischen Eifer. Wollen Sie ihm Ihr schönes Werk überlassen? – Felix ist zehn Jahre alt, noch vierzehn Jahre trennen ihn von dem Besitz, und vierzehn Jahre können all das Gute zerstören, das Sie geschaffen haben.

Mein edler, mein wackrer Freund! rief Alfred übermannt; glauben Sie mir, ich gehe nicht leichtsinnig von dem Posten, auf den das Geschick mich gestellt hat. Ich hänge an diesen Verhältnissen wie ein Vater an seinem kind. Ich liebe meine Schöpfung hier, wie ein Künstler sein bestes Werk; aber ich habe elf freudlose Jahre in unglücklicher Ehe verlebt. Ich habe die Frau wiedergefunden, deren Besitz mich hoch beglücken würde; ich liebe sie, ich habe sie längst geliebt, dessen bin ich mir jetzt bewusst. Fühlen Sie, welch schweren Kampf ich kämpfe?

Sobald Sie kämpfen, meinte der Domherr, werden Sie auch siegen, dafür bürgt mir die Redlichkeit Ihres starken Willens.

Ich persönlich hänge nicht übermässig an Hab und Gut, sagte Alfred, aber ich wünsche natürlich meinem Sohne den Besitz und den Wirkungskreis, denen ich so reines Glück verdanke, einst zu hinterlassen. Ich hoffe ihn zu einem mann zu erziehen, der mich bei den Kindern meiner Gutsinsassen vertreten, der für sie werden soll, was ich den Vätern bin, ein treuer Schutz und Schirm.

Und glauben Sie, dass man Ihnen die Erziehung Ihres Sohnes überlassen werde? fragte der Domherr.

Wer kann mir dieses Recht streitig machen? rief Alfred.

Die Kirche! antwortete der Domherr. Denn jenes Codicill bestimmt für diesen Fall ausdrücklich, dass ihr die Erziehung eines minorennen Erben zufalle.

O, das ist zu viel! sagte Alfred im Tone höchster Empörung. Das ist zu viel! Das ist mehr als Sklaverei. Wie konnten Sie mir dies Dokument bis jetzt verheimlichen, das mich ganz und gar in Ihre hände gibt?

Ich glaubte Sie davon unterrichtet; ich war überzeugt, dass auch Sie eine Abschrift davon erhalten hätten. Ihr verstorbener Onkel übergab es mir nur kurze Zeit vor seinem tod. Er hatte mit mir davon gesprochen, dass er Sie zu seinem Erben ernannt habe. Dann war ihm der Gedanke gekommen, dass bei Ihren ihm bekannten Gesinnungen ein Religionswechsel möglich sei, und diese Rücksicht scheint die Bestimmungen veranlasst zu haben, welche das letzte Codicill entält. Ich allein kenne dieses dritte Codicill; ich habe mir nie eine Beaufsichtigung Ihrer Handlungsweise erlaubt, denn ich kannte und schätzte Sie und Ihre Absichten und Taten. Das ganze Stift aber kennt das Testament, und eine Ehescheidungsklage, von Ihnen angestellt, würde mehr als genug für Ruhberg sein, den Sie oft in seiner geistlichen Eitelkeit verletzt haben, gegen Sie aufzutreten und den Andern begreiflich zu machen, was man durch einen Angriff gegen Sie gewinnen könne.

Welch unwürdige Behandlung, welche verdammenswerte Täuschung! rief Alfred mit zorniger Empörung. Man setzt mich unter Vormundschaft wie ein Kind; wie ein Kind, dem man nicht den freien Gebrauch seiner Kräfte gönnt, hält man mich an unsichtbaren Banden fest! Mein freudigstes Schaffen, mein redlichstes Bestreben wende ich für die Menschen an, denen ich Herr geworden bin; und nun, da Alles gedeihet und blühet, da ich ernten möchte, was ich gesäet, nun ruft man mich wie einen müssigen Knecht von der Arbeit, die mein Glück und meine Freude war. Und warum? Weil ich das Recht verlange, das auch dem Niedrigsten zusteht, das Recht, nach seinem freien Willen zu handeln.

Der Domherr antwortete ihm nicht, und Alfred fuhr nach einer Pause fort: Zusehen soll ich, wie blinder Fanatismus und Aberglaube die Vernunft Derer verdunkeln, die ich mühsam ans Licht gewöhnt! Man wird zerstören, was ich für eine Zukunft fruchtbringend gehofft; und meinen Sohn, meinen eignen Sohn will man mir rauben, um ihn zum Werkzeug einer Ansicht zu machen, die ich tief verdamme! Nimmermehr! Das soll und wird nun und nimmermehr geschehen!

Er ging heftig im Zimmer umher, der Domherr störte ihn nicht. Plötzlich blieb Alfred vor ihm stehen und sprach: Vergeben Sie mir, teurer Freund, wenn ich Sie gekränkt haben sollte. Ich kann der Empörung noch nicht Herr werden, mit der mich Ihre Mitteilungen erfüllten. Ich bin zu aufgeregt, ich weiss mich nicht zu entscheiden, haben Sie Nachsicht mit mir.

O! weit mehr als das! ich bedaure Sie, mein Freund! sagte der Greis sehr mild. Aber suchen Sie mit sich einig zu werden, und vor allen Dingen entscheiden Sie sich nicht schnell. Bedenken Sie, wie gleichgültig wir oft schon nach wenig Jahren gegen Dasjenige werden, was wir einst lebhaft gewünscht haben. Urteilen Sie in Ihrer Angelegenheit mit dem kalten Blute des Greises, nicht mit Ihrem heissen Herzen, und lassen Sie mich wissen, wofür Sie sich entschieden haben.

Und was täten Sie? fragte Alfred.

Ich