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. Ueberall aber begegnete ihm ein offenes Zutrauen, ein williger Gehorsam, denn seine Untergebenen kannten und verehrten ihn als einen wohlwollenden, gerechten Herrn.

Das gewährte ihm eine innige Befriedigung. Hier, das fühlte er, war sein eigentlicher Wirkungskreis; das los dieser Menschen hatte ein günstiges Geschick in seine hände gelegt, es war seine Pflicht, für sie nach seiner besten Einsicht zu sorgen. Er hatte für die Güter und die Leute schon sehr viel getan; die Insassen waren träge, arm und unbrauchbar gewesen. Aus einem dumpfen, bedürfnisslosen Leben hatte er sie zu einem verständigen Gebrauch ihrer Kräfte und ihrer Mittel erhoben. Hier wandelte er in einer Umgebung, die praktisch den Wert jener Teorien bewies, für die seine Feder kämpfte. Alles war ihm hier lieb und wert und mit freudigem Stolze hatte er oft Denen, die ihn einen Schwärmer schalten, geantwortet: kommt zu mir hinaus und seht die Früchte meiner Schwärmerei. Tragen meine Felder weniger, gedeihen meine Fabriken minder, weil zufriedene Menschen sie bearbeiten? Fragt nach, ob ich mich über Ungehorsam zu beklagen habe, wo Jeder einsehen gelernt hat, dass ich nicht eigensüchtig nur an mich denke, sondern dass mir das Wohl Derer, die für mich ihre Kräfte anstrengen, lebhaft am Herzen liegt.

Es tat ihm leid, dass die sorge für die Erziehung seines Knaben ihn nötigte, künftig ganz in der Stadt zu leben. Mit Terese, die eben so warm als er selbst für die Menschheit empfand, in vereinter Tätigkeit hier zu walten, schien ihm das neidenswerteste Glück. In der Stadt, nur auf literarische Beschäftigung angewiesen, kam er sich untätig vor; hier, wo er mit ganzer Kraft sich der Bewirtschaftung seiner Güter überliess, fühlte er sich doppelt froh, in den Stunden der Musse sich geistiger Arbeit hinzugeben.

Eine Stunde und länger mochte er umhergegangen sein, als die Schlossglocke zum Mittag läutete und Felix ihn mit der Bemerkung aus seinen Gedanken riss, dass die Mutter auf sie warten werde. Anfangs hatte Alfred die Absicht gehabt, schon jetzt von seiner Frau getrennt, ganz in seinen Zimmern zu leben; allein Rücksicht auf den Knaben, dem dies befremdlich sein musste, hielt ihn davon zurück. Er wollte den Schein des guten Einverständnisses vor Felix bewahren und verfügte sich mit ihm in das Schloss zur Tafel.

Die Mahlzeit ging traurig vorüber. Caroline, schwankend zwischen dem Wunsche einer Annäherung an Alfred und dem Groll über die Ausweisung des Kaplans, ging von freundlichen Scherzen zu bitterer Gereizteit über. Sie fragte nach Alfred's Treiben in der Stadt, nach den Personen, die er dort gesehen hatte. Sie klagte, dass er ihren besten Freund, den Einzigen, wie sie ihn nannte, so schnöde behandelt, und Alfred fühlte sich von diesem gezwungenen Beisammensein mehr als je gedrückt. Sobald es möglich war, beendete er die Tafel und zog sich auf sein Zimmer zurück.

Am Abend traf der Domherr bei ihm ein. Er hatte vermutet, weshalb Alfred ihn beschieden, denn durch den Kaplan war er seit Wochen von den Absichten seines Freundes unterrichtet worden.

Ich ahnte eine solche Krisis lange, sagte er nach den ersten Besprechungen, aber wie Ihr Freund, der Präsident von Brand, rate ich Ihnen von der Scheidung ab. Sie haben, wie Sie mir sagen, die Nachträge zu dem Testamente nicht dem Präsidenten vorgelegt; diese sprechen sich entschieden gegen Sie aus. Sie werden der Güter verlustig werden.

Alfred ging an sein Bureau, holte die Papiere hervor und sah sie durch. Als er es getan hatte, erklärte er dem Freunde, dass er nichts Bedrohliches darin finde.

geben Sie mir den dritten Nachtrag her, lieber Reichenbach, bat der Domherr, dieser entält, was Ihnen gefährlich ist.

Den dritten? fragte Reichenbach, es existiren nur zwei.

So wissen Sie nicht, sagte Fernow verwundert, dass Ihr Onkel ein drittes Codicill in unsern Archiven niedergelegt hat?

Kein Wort weiss ich davon! entgegnete Alfred. Und was entält dieses, wenn ich fragen darf?

Es bestimmt ausdrücklich, dass den Geistlichen unseres Stiftes eine strenge Beaufsichtigung der Besitzer von Rosental zur Pflicht gemacht wird, und dass eine Uebertretung der Satzungen unserer Kirche, Seitens der Besitzer, die Güter in unsere hände liefert, wenn kein katolischer Reichenbach sie übernehmen kann.

Alfred hatte das nicht vermutet, er schwieg nachdenkend eine geraume Zeit, dann sagte er gefasst: Im grund erfahre ich durch Sie eigentlich Nichts, was ich nicht wusste; denn schon die früheren Nachträge bestimmen ziemlich dasselbe, und was Sie mir sagen, darf in meinem Entschlusse keine Aenderung machen.

Da nahm der Greis, dessen edles Wesen Zutrauen erweckte, Alfred's Hand, drückte sie herzlich und sagte: Ich weiss, dass ich nicht in dem geist unserer Kirche verfahre, wenn ich Ihnen Ratschläge gebe, um Ihnen die Güter zu erhalten, denn unsere Kirche trachtet auch nach weltlichem Besitz. Ich bin es aber von je gewohnt gewesen, der stimme meines inneren zu folgen und habe mein Ohr und mein Auge nie den Anforderungen der gegenwärtigen Zeit verschlossen. Ich sah Ihr Walten auf diesen schönen Besitzungen mit inniger Freude. Sie haben durch gutes Beispiel, durch vernünftige Lehren hier mehr gewirkt, als alle meine Amtsbrüder in ihren Diöcesen durch die Lehren der Kirche. Sie haben die Menschen zu dem Gefühl ihrer Menschenwürde herangebildet, indem Sie sie glücklich machten; Sie haben sie vor Verbrechen bewahrt, indem Sie sie vor Mangel und Verwilderung schützten. Mehr soll