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haben Recht, sagte er, ich war einen Augenblick nicht ich selbst. Vergeben Sie es mir!

Und wieder stockte die Unterhaltung, bis er endlich nach einer Weile sagte: Ich komme, Abschied von Ihnen zu nehmen. Ich gehe noch heute nach Rosental.

Sie kommen Abschied nehmen? Sie gehen nach haus? Und ich hoffte, Sie würden den Winter mit uns zubringen, ich fürchtete nicht, Sie so schnell zu verlieren! sagte Terese in einer Weise, die wider ihre Absicht, ihre schmerzliche Ueberraschung kund gab.

Alfred ward davon ergriffen. Sie hofften, dass ich bleibe, Sie fürchteten nicht, dass ich gehe? So bin ich Ihnen also doch etwas? So nimmt Teophil nicht all Ihre Teilnahme in Anspruch? rief er, überwältigt von der Macht eines Gefühls, dessen er sich plötzlich bewusst worden war, als er, bei Terese eintretend, sie mit Teophil allein gefunden hatte. Sagen Sie mir, dass meine Rückkehr Sie freut, Terese! Nur das Eine sagen Sie mir, und ich werde versuchen, die Stunden in Minuten zu verwandeln, die ich von hier entfernt sein muss.

Das hatte Terese nicht erwartet, nicht für möglich gehalten. Ihre Hand, die Alfred in der seinen hielt, zitterte leise, aber sie bezwang sich und sagte ruhig: Glauben Sie, dass ich den alten geprüften Freund über den neuen vergessen könne, Herr von Reichenbach? Ich werde mich herzlich freuen, wenn Sie bald zurückkehren. Sie bringen dann Felix mit, nicht wahr? Sie bringen Ihren Sohn hieher?

Ich würde Ihren Worten glauben, Terese! rief Alfred, wenn Ihre Hand sie nicht Lügen strafte. Ihre Worte sind sehr ruhig, aber Ihre Hand zittert in der meinen. Lassen Sie mich Ihnen die liebe Hand dafür küssen. Auf Wiedersehen in möglichst kurzer Frist, teure Terese! auf recht baldiges Wiedersehen!

Er drückte ihre Hand an seine Lippen und ging schnell hinaus. Terese blieb in dumpfer Betäubung sitzen, dann faltete sie die hände und schien nach langem lautlosen Brüten wieder zu der Ruhe und klarheit gelangt zu sein, die ein hervorstechender Zug in ihrem Wesen waren.

XII

In beglückter Erregung legte Alfred den Weg nach seiner wohnung zurück. Er hatte endlich sich selbst und sein Herz erkannt, er liebte Terese. Oft hatte er sich in der letzten Zeit gefragt, woher die Arbeitsfreudigkeit? woher der neue Liederreichtum in meiner Brust? und immer war er um die rechte Antwort verlegen gewesen. Jetzt war ihm das Rätsel gelöst und alle Zweifel über das gehoben, was ihm zu tun obliege. Terese musste sein werden so bald als möglich; er fühlte, dass sie Bedingniss seines Glückes sei. Was er für sie empfand, war weit entfernt von dem glühenden Rausche jugendlicher leidenschaft; es war reiner, edler, erhebender als jene. Terese war nicht jung, nicht schön, keine blendende Eigenschaft fesselte ihn an sie; aber sein Herz öffnete sich den erhabensten Gefühlen, sein Geist nahm den freudigsten Aufschwung in ihrer Nähe, weil er wusste, sie fühle tief wie er, sie folge teilnehmend dem Fluge seiner Gedanken. Ihr grader Charakter war ihm achtungswert, ihre Art zu sein sagte all seinen Gewohnheiten und Neigungen zu. Es schien ihm die höchste Lust, sie beständig zur Gefährtin zu haben, denn er hatte die Zuversicht, mit ihr und in ihr das Glück zu finden, das er bis jetzt so sehr entbehrt hatte. Er liebte sie mit derselben Innigkeit, die ihn in der Jugend bei ihrem ersten Begegnen zu ihr gezogen hatte, und mit der Ruhe des reifen Mannes, die festzuhalten strebt, was sie einmal als das Rechte erkannt hat.

Mit Lebhaftigkeit ordnete er Alles für seine Abreise an. Er schrieb Sophien, dass er Berlin auf einige Tage verlasse, dass er sie wiederzusehen hoffe und sie bäte, keinen für ihre Zukunft entscheidenden Schritt zu tun, ohne ihn davon zu benachrichtigen. Auch von Julian und von Eva nahm er schriftlich Abschied und nach beendigten Geschäften fuhr er den Weg nach Rosental zurück, auf dem er vor zwei Monaten Terese und Eva begegnet war.

Die Gegend, die er damals im reichen Farbenschmuck des beginnenden Herbstes gesehen, lag jetzt traurig und öde vor ihm; aber so sehr er sonst äussern Eindrücken der Art zugänglich war, so wenig berührten sie ihn diesmal. All seine Gedanken weilten bei Terese. Bald machte er sich Vorwürfe, dass er sich nicht entschieden gegen sie ausgesprochen und um ihre Liebe geworben habe, bald freute es ihn wieder. Noch war er mit einer Andern vermählt, noch dieses Band zu lösen. Die sehnsucht nach Terese, die Vorstellung der Leiden, die er seiner Frau bereiten, die er selbst bei der Scheidung empfinden würde, rangen in seiner Seele miteinander und gewannen abwechselnd die herrschaft. Das neuerwachte Gefühl zog ihn zu Terese; lange Gewohnheit, die uns bis zu einem gewissen Grade Alles wert macht, band ihn an seine Frau, an die Mutter seines Sohnes. Er prüfte sich lange, er schwankte oft, bis er sich mit beruhigtem Gewissen endlich sagte, dass nicht die Liebe für Terese, sondern die Abneigung gegen Caroline ihn zu der Scheidung genötigt habe. Das beruhigte ihn in etwas. Er wollte alles Schwere und Schmerzliche, das ihn noch von einer Verbindung mit Terese trennte, allein durchkämpfen, und sie dann erst um ihre Hand angehen, wenn er sie in Ruhe und Frieden zu der Seinen machen konnte. Dann wieder schweifte sein Geist plötzlich zu den